Vorgestern, am Abend, ging ich. Gehen ist immer mein erstes Therapiemittel für fast alle Lebenslagen. Es ist kostenfrei, hat keine Nebenwirkungen und ist in unterschiedlichen Darreichungs- und Dosierungsformen erhältlich. Gemeinsam gehen, mit dem Gatten gehen oder aber, höchste Stufe, alleine gehen. Vorgestern, am Abend, ging ich alleine. Ich hatte es bitter nötig, so ausgeleiert fühlte sich mein Herz an, ich hatte schon viel zu viel geredet in diesen Tagen, zu viel getröstet, zu viel verhandelt, Streit geschlichtet, Launen ausgehalten- die der anderen und meine eigenen. Also ging ich in diesen zauberhaften Sommerabend hinein, so strahlend golden, hell und warm, wie nur Juniabende sein können und ließ mich trösten und stärken, von diesem unfassbar schönen Draußen.

Hier hängt der Himmel voller Abschiedstöne, wichtige Lebensabschnitte gehen zu Ende. Doch so wichtig sie sein mögen, diese Passagen des Lebens, so unerlässlich und unausweichlich, so sind sie doch auch immer herausfordernd, schmerzhaft und aufregend, wie jede Neuwerdung, ganz egal ob du dem Kindergarten adieu sagst, der Grundschule, deiner Kindheit oder einer Lebensphase, als Mutter kleiner Kinder, Geburtswehen ziehen sich durchs Leben. Der kluge Mensch hat sich beizeiten Rituale geschaffen, die den Übergang erleichtern, die Abschiede zelebrieren und dann den Neubeginn ermöglichen. Rituale sind wie Lebensgeländer zum Festhalten, wenn alles ins Wackeln gerät und das unbekannte Neuland noch im Nebel liegt.

Corona hat die althergebrachten Rituale gefressen und jetzt wackeln wir freihändig durch unsere Abschiede und Lebenspassagen, boah ist das anstrengend.

Beim Gehen durch den geschenkten Sommerabend dachte ich ausgiebig über all diese Umstände nach, die uns, ach was solls, die mich zur Zeit etwas aus der Fassung bringen. Rituale sind kein Kinderkram, die Großen haben sie ebenso bitter nötig, ich habe sie nötig. Ich dachte an die Menschen, die uns begleitet und die sich und ihre Arbeit investiert haben, an Freundschaften, die wichtig waren, an all die Tage, die Alltage waren, nun vorbei sind und Platz machen, für neue Alltage. Eines weiß ich gewiss, das Schwierigste am Eltern-sein sind nicht schlaflose Nächte und zahnende Blähbäuche. Es sind auch nicht die trotzigen Tage oder Fünfen in Latein, fieberheiße Stirnen und eine Runde in Ehren. Die wirklich Herausforderung liegt im Loslassen. Und im Festhalten. Im Wurzeln schenken und Flügel wachsen lassen. Und in der hohen Kunst beides gleichzeitig zu bewerkstelligen.

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Wenn du bei uns in den lauen Sommerabend gehst, dann kommst du nicht umhin, an ein paar Weinbergen vorbeizugehen, oder hindurch oder außen rum, es führt kein Weg an ihnen vorbei. Diese uralten Pflanzen sind ein Lehrstück an Lebensweisheit, kein Wunder greift schon die Bibel immer und immer wieder auf sie zurück. Je tiefer der Weinstock wurzelt, je knorriger und älter er wird, desto reicher trägt er Frucht. Einen Weinberg anzulegen ist Zukunftsarbeit, Vision, Optimismus. Wir sehen nur das Grün der Blätter und den holzigen Stock, aber das Eigentliche geschieht tief unten, verborgen in der Erde, in die er gepflanzt wurde, die ihn nährt und hält.

Du leistest Wurzelarbeit vom Feinsten, schaffst fruchtbare Erde mit jedem tröstendem Wort, jeder Umarmung, jedem gemeinsamen Essen, jeder zugetrauten Herausforderung, jedem Lächeln und ja, mit jeder gewaschenen Unterhose. Tausende kleine Gesten, tausende kleine Schritte, tausende von gesprochenen Worten. Mit dem Daheim, dass ihr schafft und das zum Nährboden wird. Du düngst diese Erde, wenn du Lehrerin bist oder Lehrer und dir die Mühe machst, deine Schützlinge wirklich kennenzulernen und sie ernst nimmst, in ihrem Sein. Du nährst diese Erde, wenn du Erzieherin bist und deinen Kleinen auf Augenhöhe begegnest, sie begleitest und schätzt. So vieles wirkt im Verborgenen und ist doch unersetzlich.

Denn dann müssen wir sie wachsen lassen. Vertrauen. Loslassen. Flügel schenken. Du kannst am Weinstock nicht zerren und ziehen, damit er schneller wächst und wenn du ihn zu stark beschneidest, ihn klein hälst, ihn am Wachsen hinderst, dann wird er kaputt gehen. Du kannst nur hoffen, beten, vertrauen, dass die Wurzeln stark und tief genug reichen, dass die Stürme und Unwetter des Lebens ihnen nichts anhaben können, auch wenn sie das Sichtbare manchmal stark zerzausen.

Lebenseinschnitte führen uns dieses fragile Gleichgewicht vor Augen. Sie rufen: „Halt ein und sieh, wie weit alles schon gediehen ist! Schnauft durch und freut euch! Und weint ein bisschen, denn den Lauf der Zeit könnt ihr nicht aufhalten. Esst und trinkt und macht Pause. Sammelt eure Kraft, dann geht es munter weiter!“ Wurzelarbeit ist Schwerstarbeit. Flügel wachsen zu lassen ist Herzensarbeit, die manchmal schmerzt.

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Rituale helfen uns, damit umzugehen. Jetzt, wo all diese Rituale nicht sein dürfen, schnaufen wir trotzdem tief durch- und basteln uns neue. Wir lassen uns von  Corona der Gefräßigen nicht alles wegnehmen. Bauen schmale Geländer zum entlanghangeln. Feiern Abschiede im Kleinformat, sagen Danke denen, die uns begleitet haben, dem, der uns am Leben und in seinen Händen hält. Wir schauen wehmütig zurück und gespannt nach Vorne. Und dann machen wir eine lange Pause. Zum Durchschnaufen. Zum Essen und Trinken und Kräfte sammeln. Bevor es dann weitergeht, mit der Wurzelarbeit, dem Wachsen und Werden und dem Leben.

Ihr Lieben, die ihr immer wieder geduldig meine Worte lest (und ich bin so, so dankbar dafür! Auch für jeden lieben Kommentar, auch wenn ich so selten darauf antworte, ich lese sie und freue mich, allein die Zeit ist oft so knapp), ich verabschiede mich in den Sommer. Ich wünsche euch erholsame Tage, wie und wo auch immer. Zeit zum Verschnaufen, zum Durchatmen, zum Gehen. Lasst es euch gut gehen, bleibt behütet und lasst uns in einigen Wochen wiederlesen, da freue ich mich dann auch!.

 

5 Gedanken zu “Zwischen Wurzeln und Flügeln

  1. Ein herzliches DANKEschön für deine Offenheit und deine schönen Worte. Du schreibst, was ich gerade diese Woche denke und erlebe. Es tut mir gut- deine Worte, deine Gedanken, dein Ehrlich-Sein.
    Euch einen wunderbaren Sommer mit vielen schönen kleinen Augenblicken!
    Rahel

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  2. Deine Texte sind einfach wunderbar! Sie treffen mitten ins Herz und sie kommen IMMER zur richtigen Zeit!
    Vielen vielen Dank!!
    Schönen Sommer ☀️
    Liebe Grüße Amelie

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  3. Über deinen Beitrag in Family Next hier gelandet sprichst du mir aus dem Herzen: Abschied nach drei-kinder-alleine-durch-die-schule-bringen-zeit ist das Ritual des Abschieds von 19 Jahren Schule als Mama einige Tränen aber auch das glückliche Gefühl des Stolzes und und des Feierns ganz gross in mir! Und loslassen hört niemals auf. Gutes Gelingen beim weiteren Üben. Viele Grüsse!

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