„Tschüüüs Mama“, brüllte es gerade noch von unten hoch, „Tschühhüs, hast du Schlüssel, Fahrkarte, Handy, Pausenbrot, Trinkflasche und Mundschutz?? Pass auf dich auf, viel Spaß, dann bis heute Naaachmittag!“, brülle ich zurück. Wahnsinn, was alles in einen Atemzug passt. Rumms! Tür zu, der letzte ist raus, es ist der, der Donnerstags erst zur dritten Stunde hat. Du darfst dich geehrt fühlen, denn mein erster Weg in der wiedererlangten Ruhe führt zu dir, hier in meinem verwaisten Blog-Eckchen, das dringend etwas gelüftet werden muss.

Wobei Ruhe natürlich eine ganz unglaubliche Übertreibung ist, um mich herum wogt das Chaos, dass jede Schuljahresanfangswoche in unserem Hause unweigerlich mit sich bringt. Willkommensmappen wollen noch gesichtet werden, die Schultüten unserer Zwillinge stürzen in regelmäßigen Abständen irgendwo herunter und ihr Inhalt ergießt sich in alle Himmelsrichtungen, Schulbuchstapel warten dringend auf ihre Einbindung, all die Listen und Rücklaufzettel und Elternabendeinladungen leisten ihnen Gesellschaft und sehen dabei ganz beleidigt aus. Nein, wir haben den Dreh noch überhaupt nicht raus. Aber alle sind pünktlich und angekleidet aus dem Haus und haben offenbar ihren Zielort erreicht, das kann man schon unter Erfolge verbuchen, wie ich finde.

An unserem Küchenschrank hängt eine vergilbte Postkarte mit einem weisen Sinnspruch darauf. Ich habe ja ein sehr ambivalente Verhältnis zu dieser Art von Postkarten, die es mittlerweile in jedem Supermarkt zu kaufen gibt. Einerseits liebe ich nichts mehr, als kluge Worte und ich bin sicher, dass Sätze Leben retten können. Andererseits werden sie schnell schal und abgeschmackt, wenn man sie zwischen Fleischtheke und H-Milchregal im Drehständer als Massenware sieht. Ach, es ist eben wie mit allem, von dem es plötzlich ein Zuviel, ein Überangebot gibt. Also, diese Karte hängt seit Jahren an meinem Küchenschrank und deshalb übersehe ich sie natürlich auch seit Jahren, ähnlich wie die Dunstabzugshaube, die Spinnweben oder den Toaster in der Ecke. Neulich fiel sie mir ins Auge. Bestimmt kennst du sie, es die mit der kleinen dicken Hummel darauf. Die Karte beschreibt die kleine Hummel, die aufgrund ihrer Körperphysionomie eigentlich nicht fliegen kann. Der Hummel ist ihre Körperphysionomie herzlich egal und sie fliegt trotzdem. Die Hummel fiel mir ins Auge und von da direkt ins Herz.

Ich fühlte mich der Hummel sehr verbunden, schon allein wegen der Körperphysionomie. Ich bin nicht nur klein, die letzten Monate haben mich auch sonst eher hummeliger werden lassen. Dafür lehne ich im Übrigen jede Verantwortung entschieden ab. Corona ist Schuld, die Toskana und der Gatte, der leider das weltbeste Walnusseis ausgerechnet in unserer Küche fabriziert. Ich werde auch immer haariger, zumindest auf dem Kopf, denn ich konnte so schnell keinen Friseurtermin mehr ergattern. Vor allem aber mein Innenleben hat in den letzten Wochen und Monaten eher Ballast zugelegt, erstaunlicherweise wiegen Nerven und Geduldsfäden immer schwerer, je dünner und strapazierter sie werden. Zwischenzeitlich wogen sie schwer, wie Blei.

Und jetzt solch ich also losfliegen. Losfliegen in die zweite Jahreshälfte, in ein neues Schuljahr, in einen neuen Alltag, in das Schreiben meiner Gedanken, meines Buches, losfliegen, um diese aufkommende Zeit zu entdecken, zu erforschen und zu leben, die als unbekanntes Neuland vor uns liegt. Dummerweise bin ich mir meiner Flugunfähigkeit im Unterschied zur Hummel sehr bewusst, unsere Gemeinsamkeiten finden an dieser entscheidenden Stelle ein jähes Ende. Ich weiß genau, wie wenig ausgeschlafen ich bin, wie ängstlich und besorgt, wie wenig vorbereitet, auf all das was da kommen mag. Ich weiß, wie schwer die Zweifel wiegen und wie wenig ich im Griff habe, wie wenig flugtauglich ich bin. Immer wieder denke ich an die kleine Hummel, die tapfer und lebensfroh durch den Garten brummt, obwohl sie es doch gar nicht kann, die trotzdem einfach fliegt, die Glückliche.

Ich kann das Wissen um meine mangelnde Flugtauglichkeit leider nicht ausschalten, aber am Boden bleiben ist keine Option, so ein Leben will ja gelebt werden, es ruft nach dir und nach mir, es ist schließlich ein Geschenk. Im Hummelflug. Wenn sie es kann, kann ich es auch. Trotz allem, was dagegen spricht. So schlau wir sind, so viel wir analysieren und diskutieren, erforschen und wissen, über den Weltenlauf und unsere eigenen Seelen, es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir verstehen und begreifen können. Deshalb kann die Hummel fliegen. Du auch. Und ich auch.

Da Unwissenheit als Flugantrieb in meinem Fall ja ausscheidet, hilft nur Vertrauen. Vertrauen in die eigenen Kräfte, in das wilde, verrückte, schöne und schmerzhafte Leben und in den, der uns beides geschenkt hat, der sogar dicke, haarige Hummeln fliegen lässt.

Die monatelange Omnipräsenz von den geliebtesten Menschen um mich herum haben meine Nerven aufgebraucht? Ich fliege trotzdem und hoffe, dass Nerven regenerieren und Geduldsfäden nachwachsen. Unsere Kleinsten sind plötzlich Schulkinder und das eigene Herz kommt nicht hinterher? Ich fliege trotzdem und werde mich gewöhnen, immer und immer wieder neu. Jemand hat unsere heißgeliebte Katze vergiftet und das Trösten, Vermissen und Erklären wiegt schwer? Ich fliege trotzdem und bin wild entschlossen, in den Menschen das Gute und Freundliche zu sehen. Ich habe einen Heidenrespekt vor der Arbeit die vor mir liegt? Ich fliege trotzdem und vertraue darauf, dass die Kreativität, die mir geschenkt wurde, ausreichen wird. Eine Pandemie beherrscht die Welt, wir können kaum ein Handbreit die Zukunft planen? Ich fliege trotzdem…

Ach, die Liste ließe sich bis in alle Ewigkeit fortführen, ich will gar nicht wissen, was sich alles auf deiner stapelt, aber weißt du was, wir können es wagen, die Kraft und der Antrieb werden reichen…wir fliegen los und erobern mit unseren Hummelhintern die Welt!

3 Gedanken zu “Hummelflug

  1. Hummelig – was für eine wunderbare Wortschöpfung und Persönlichkeitseigenschaft! Ich liebe Hummeln und – wenn ich das so sagen darf – deinen Schreibstil. Der Text ist ja wohl der Beweis dafür, dass du mit Bravour deinen Hummelflug zum Buch meistern wirst! Liebe Grüße aus dem Schuljahresanfangslistenundelternabendchaos

    Liken

  2. Oh was für ein schöner Artikel am Morgen. Ich habe mich so doll wiedergefunden. Im Chaos, innerlich und äußerlich, in der Fluguntauglichkeit und im Hummeligen. Ich lasse dir einfach nur eine Umarmung hier und vielleicht begegnen wir uns in unserem unsicheren Hummelflug ja mal da draußen 🙂

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.