Jetzt kann sie wirklich nicht mehr geleugnet werden, die Übergangszeit., ganz großes Kino auf himmlischer Großbildleinwand vor unseren Fenstern und Türen. Der Spätsommer geht in die Verlängerung und tanzt mit dem Herbst ein wildes Abschiedstänzchen. Der Himmel hat alle Farben schon im Programm, von glühend rot bis strahlend blau. Morgens frierende Kinder kommen mittags mit hochroten Köpfen und völlig verschwitzt nach Hause. Eigentlich ist ja immer gerade irgendwie Übergang. Irgendeiner oder Irgendetwas ist immer gerade am Verändern, Wachsen, Werden, Jahreszeiten, wie Menschen. Aber in diesen Tagen fühlt sich der Übergang besonders greifbar, besonders wirklich an. Und hübsch aussehen tut er außerdem noch. Wenn du hier wohnst, dann kannst du jetzt die Vollernter rumpeln hören, die sich langsam durch die Weinberge mühen und eine hoffentlich gute Ernte einfahren. Und falls dir einfallen sollte, mit dem Auto dringend wohin zu müssen, dann vergiss nicht, das irgendein Traktor gerade jetzt auch da entlang fahren möchte. Übergänge brauchen Zeit. Und Geduld.

Während sich draußen also die Farben ans explodieren machen, die Bäume und Reben voll hängen und die ersten Blätter über das Herabsegeln nachsinnen, sitze ich tippend vor meinem Bildschirm und der ist recht unspektakulär grau. Nur in meinem Kopf purzeln die Wörter und Gedanken, formuliere ich Sätze und Texte, nur um sie wieder zu verwerfen, zurückzuholen, umzustellen, da wird es mir auch schon ganz warm, obwohl ich mit kalten Füßen gestartet bin.

Dieser Tage hatte ich das große Vergnügen, einige Interview-Fragen für die Zeitschrift „family next“ zu beantworten. Ich musste mich gar nicht alleine durch die Fragen frimmeln, sondern gemeinsam mit dem Gatten, schließlich war das Thema unsere nun schon 15 Jahre andauernde Ehe. Ein Jubiläum sozusagen. Die Zeitschrift befragt in jeder Ausgabe Ehejubilare, manche sind fünf Jahre verheiratet, andere 25, ich lese die Antworten selber immer furchtbar gerne. Von manchen kann man ja etwas lernen, bei anderen schüttelst du den Kopf und denkst dir:“ So hätte ich das nicht gekonnt!“. Allen gemeinsam ist aber, das Menschen vor einigen Jahren zueinander „Ja!“ gesagt haben und zu diesem „Ja!“ bis heute stehen, trotzdem, oder gerade wegen, oder ganz ohne Frage, je nachdem. Das ist sehr spannend. Wer schon eine Weile gemeinsam durchs Leben spaziert weiß, dass da jede Menge Übergänge zu bewältigen sind, manche sind waschechte Hürden oder tiefe Abgründe, ein reiner Sonntagsspaziergang ist es wohl nie. Ehe ist ja auch nichts anderes als Leben. Das Leben hat es immer in sich.

Nun gehöre ich wirklich nicht zu den Menschen, die sich beständig über ihre Ehe Gedanken machen. Ich mache mir ja auch nicht tagtäglich Gedanken über die Erde, über die ich gehe, über das Fundament, auf dem unser Haus steht oder die Luft, die ich zum atmen brauche. Das ist einerseits sehr beruhigend, weil da nichts ist, was mich beunruhigen müsste. Andererseits ist es natürlich ein bisschen schade, denn nichts ist letztlich selbstverständlich, auch das stabilste Fundament nicht, auch nicht die Luft, die wir zum Atmen brauchen und eine stabile Ehe schon gleich gar nicht. Die Fragen kamen gerade richtig, kleine Gedankenanstöße zum Innehalten.

Wir säen viel in unserem gemeinsamen Leben, in unseren Ehen und Familien. Wir pflanzen und begießen, wir halten alles im Auge und bekämpfen Schädlinge. Wir hoffen auf genügend Sonnentage zum Wachsen und Reifen und bitten inständig, dass uns Sturmwind und Hagel verschonen mögen. Das ist oft anstrengend und ermüdend, herausfordernd und immer wieder neue, unbekannte Erde. Und weißt du, was wir manchmal vor lauter rumgärtnern vergessen? Das Ernten! Passiert einem echten Landwirt im echten Leben natürlich nicht. Ich brauche ja nur aus dem Fenster zu schauen, wo die Ernte eines Jahres gerade in riesigen Anhängern vorbeiholpert und nur den Duft nach Traubenresten in der Luft hängen lässt. In unseren Ehen vergessen wir das Ernten manchmal, wurschteln einfach immer weiter in unserem Familiengarten, als gäbe es Ernte erst mit dem Auszug der Kinder, im Ruhestand oder noch später. Da verpassen wir aber was!

Die Interview-Fragen waren nicht nur spannend zu beantworten, sie waren auch eine kleiner Erinnerungsmarker zum Innehalten. Eine Einladung zur Bestandsaufnahme, um sich zu erinnern, warum man gleich nochmal hier war, gemeinsam, zu zweit auf diesem Planeten, auf diesem Sofa. Wie hat es uns denn hierher verschlagen, was war uns wichtig und ist es das heute auch noch? Was mochte ich an dir und was mag ich noch heute? Was hat uns zu denen werden lassen, die wir heute sind? Plötzlich ploppten Erinnerungen hoch und ein Lächeln im Gesicht, ein bisschen Wehmut war dabei, wie immer, wenn man erinnert, aber auch Dankbarkeit, für das, was ist. Ein Erntemoment. Wir haben viel erreicht, wir haben viel überstanden. Wir haben einander ertragen und getragen durch alle Höhen und Tiefen. Und wir sind immer noch hier. Damals wie heute mit Gottes Hilfe. Das ist alles andere als selbstverständlich und manchmal musst du dieses Wunder in die Hand nehmen und bestaunen, wie einen reifen, frisch geernteten Apfel im Spätsommer. Und dann gehst du gemeinsam weiter durch den Jahreslauf, gestärkt, denn du weißt, worauf du baust. Dankbar, weil du weißt, was du hast. Ein bisschen verliebt, weil jeder Übergang auch etwas Zauber des Anfangs trägt. An Anfängen ist das Lieben leichter.

Natürlich verrate ich dir hier nicht den Inhalt unseres kleinen Interviews, das geht natürlich nicht. Du musst schon selber lesen und bei der Gelegenheit kann ich dir die Zeitschrift nur wärmstens empfehlen. Doch sieh nur, draußen auf der himmlischen Großbildleinwand ist gerade ganz großes Kino, ganz umsonst und absolut Corona-tauglich. Falls du das Glück hast mit einem Menschen an deiner Seite durchs Leben zu stolpern, dann schnapp ihn dir. Macht einen Gang, nach draußen, wo Spätsommer und Herbst ein wildes Abschiedstänzchen tanzen. Und erntet.

3 Gedanken zu “Harvest

  1. Ein wunderschöner Text. Ein bisschen mehr Erntedank (der „Muttertag“ des Herbstes?), ein bisschen weniger Selbstverständlichkeit, das täte uns allen wohl gut.
    Danke für diese Worte, die es auch mir wieder in Erinnerung gerufen haben.
    Liebe Grüße aus Ostwestfalen (hier sind es gerade die Kartoffeln, die von Feld rumpeln)
    Anja (Annuschka)

    Gefällt 1 Person

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