„Sie haben wohl mehrere Jungs zu Hause?!,“ grinste der nette junge Mann an der Kasse, während er das zweite „Sondermagazin zum Triple-Gewinn“ über das Scanner-Feld piepsen ließ. „Allerdings und manche Fehler machst du nur einmal!“, antworte ich und musste lachen, er hatte die Lage messerscharf erkannt. „Das glaube ich sofort!“; meinte er sehr verständnisvoll, wahrscheinlich hat er selber Brüder und kennt die Not, die unversehens über alle hereinbrechen kann, wenn eine fürchterliche Ungerechtigkeit gewittert wird.

Ich packte meine zwei Hochglanzmagazine und den ganzen Rest und machte mich auf, um zwei Buben, die eine schier endlos lange Schulwoche bewältigt hatten, eine Freude zu bereiten. Die Rechnung ging auf und der Jubel war groß. Diese beiden Heftchen wurden geblättert, gelesen und analysiert, dass jedes Mathebuch vor Neid erblassen würde. Beim Autofahren hörte ich unmittelbar von hinten eine Stimme, die sagte: „Danke, Mama. Damit hast du mir so eine Freude gemacht. ich könnte mich gar nicht mehr freuen!“ Hoch ja, dass höre ich doch gerne und deshalb machte es mir auch gar nichts, dass dieses hübsche Sätzchen noch zwanzig Mal wiederholt wurde, beim Gute Nacht-sagen und frühmorgens um 6.00Uhr beispielsweise. Blöderweise sind Hochglanzmagazine zum bayrischen Triple-Traum nicht darauf ausgelegt, so sehr geliebt und geschätzt zu werden. Und es dauerte natürlich keine drei Tage, bis sich die Blätter aus der Heftung lösten. Das plötzlich losbrechende Geheul klang so verzweifelt, dass ich dieses Mal wirklich glaubte, jemand sei ernsthaft verletzt worden. So musste nur das Heft notärztlich versorgt werden. Mit Hilfe von Tesafilm gelang die OP. Auch den zweiten und den dritten Eingriff überlebte das Heft, ich scheine da ein echte Talent zu haben.

Du kannst dir natürlich vorstellen, dass mein Mutterherz, das eh immer die Konsistenz von ranziger Butter hat, welcher der Weg zum Kühlschrank verwehrt wurde, dieses Mutterherz also, schmolz endgültig dahin. Wegen der Freude, die so ein albernes Blättchen auslösen kann, wegen der Ernsthaftigkeit, der Hingabe und der Sorgfalt. Aber auch und vor allem, weil nicht für einen Moment, nicht für eine Sekunde nur, der Gedanke im Raum stand, der eigentlich naheliegend gewesen wäre. Das Heft gehört ins Altpapier. Aber nein, kein Denken dran. Es wird nichts weggeworfen, woran das Menschlein hängt, es wird nichts weniger wertvoll, nur weil es sichtbare Gebrauchsspuren aufweist.

Das hat mich sehr gerührt. Vielleicht, weil ich selber gerade deutliche Gebrauchsspuren aufweise, ein bisschen ramponiert durchs Leben eiere, nicht zuletzt, weil ich sehr geliebt werde und beansprucht. Leider kommt keiner mit einer Rolle Tesafilm um die Ecke, um alles was zerfleddert ist, wieder in ordentliche Bahnen zu lenken (wobei ich mir so ein hübsches Washitape recht dekorativ auf meiner Stirn denke, eines mit Blümchen vielleicht). Also, es nützt nichts, ich werde mich schon selber wieder zusammenflicken müssen. Wenn du mich kennst, dann weißt du ja, welch hohen Wert ich der Dankbarkeit zuschreibe. Dem Wert der kleinen Dinge. Auch dem „am Riemen reißen“, dem auch und ich bin ganz schlecht mit Gejammer. Aber ich schätze, man darf sich auch hin und wieder zerfleddert fühlen. Es ist keine Schande, schon gar nicht in diesem Jahr, Gebrauchsspuren aufzuweisen, müde zu sein. Müde der Nachrichten, müde der vielen Fragen, auf die es keine Antwort zu geben scheint. Wahrscheinlich geht es vielen Menschen so, dass ihr Hochglanzumschlag auseinanderfällt und sie sich neu sortieren müssen.

Geliebt sind wir immer trotzdem. Deine Kinder, dein Mann, lieben dich, egal wie tief die Runzel zwischen deinen Augenbrauen sich auch eingraben will, egal, wie tief deine Augenringe sind und egal, wie sehr du durch deinen Alltag eierst, immer bemüht den Kurs zu halten in der stürmischen See, die dein Leben gerade ist. Dein Gott liebt dich, egal, wie tief die Risse auch sind, egal, welche Gebrauchsspuren sich nicht mehr leugnen lassen. Keines Falls weniger wertvoll als von der Sekunde an, in der du erdacht wurdest, kein Fall für das Altpapier, so viel ist klar, schließlich bist du doch eine Freude, über die man sich gar nicht mehr freuen könnte. Das zu wissen ist ein bisschen so, als würde eben doch jemand mit dem Tesafilm um die Ecke kommen. Und vorsichtig kleben, was auseinanderfällt.

Ein Gedanke zu “Altpapier

  1. Liebe Sandra!
    Was für ein wunderbarer Text! Vielen, vielen Dank! – und solche zerfledderten Fußballheftchen haben wir hier auch 😉 viele Grüße Kerstin

    Liken

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