Jedes Jahr, am Morgen des ersten Novembers, frage ich mich aufrichtig, woher denn das Wetter so genau weiß, dass jetzt November ist, und dass zu einem ordentlichen Allerheiligentag auch ein ordentlicher Regen gehört, bitte schön. In der letzten Oktobernacht wird der große Lichtschalter umgelegt und das Jahr biegt auf die unbeleuchtete Schlussbahn ein. Deshalb regnet es am 1. November immer, seit ich zurückdenken kann. Immer stapfen wir mit regenfeuchtem Gesichtern und tief in die Stirn gezogenen Kapuzen durch graue Nebelsuppe über den Friedhof, zünden mit klammen Fingern das Lichtlein an und sind heilfroh, so schnell wie möglich in unser trockenes Daheim zu kommen.

Der November hat es ja eh nie leicht, keiner käme ernsthaft auf die Idee mal eine große romantische Novemberhochzeit zu feiern oder eine Gartenparty auszurichten (außer meiner wunderbar verrückte Freundin Eva, die kommt auf solche Ideen, aber das ist eine ganz andere Geschichte). Dieses Jahr hat es das ungeliebte Stiefkind mit dem schmuddeligen Äußeren, dem welken Haar und den dunklen Ringen unter den Augen natürlich besonders schwer. Es ist schon ein bisschen gemein, dem Ärmsten jetzt auch noch eine Extralast, wie Lockdown zuzumuten, das erhöht den Beliebtheitsgrad ja Minimum auf Fußpilzlevel. Ich glaube, er hat das Stöhnen und Augenrollen sehr wohl mitbekommen und gibt sich nun wenigsten wettertechnisch ein wenig mehr Mühe. Wir sollten das wirklich würdigen und zu schätzen wissen. Wenn du mich kennst, dann weißt du ja schon längst, dass ich ein sehr großes Herz für den November habe. Eingeklemmt zwischen dem farbenfrohen Kraftprotz Oktober und der glitzernden, geheimnissollen Diva Dezember findet er eindeutig zu wenig Beachtung, dabei hat er doch seine ganz eigene Qualitäten. Manchmal müssen wir ihn ein wenig unterstützen, damit er seine Qualitäten auch zeigen kann. Als freundliche Menschen tun wir das natürlich gerne und helfen ihm, seine Nebelleuchten nicht unter den Scheffel zu stellen. Gerade in diesem Jahr könnten diese Qualitäten dann ein Geschenk sein, auf das wir dringend angewiesen sind.

Weil man natürlich nicht drumherum kommt, dass dies die dunklen Wochen in eh schon trüben Zeiten sind, habe ich mir eine kleine persönliche Challenge vorgenommen. Die Idee ist im Übrigen gestohlen, ich kann noch nicht mal eine website verlinken, denn ich weiß beim besten Willen nicht mehr, woher dieser Gedankenblitz, der schon Monate alt ist, kam (falls er von dir kam, dann möchte ich mich ganz herzlich bedanken, denn ich finde ihn großartig) . In den nächsten dreißig Tagen werde ich dreißig Postkarten oder Briefe verschicken, an dreißig Menschen, von denen ich glaube, dass sie ein paar freundliche Worte, einige Herzensgrüße und Freude dringend verdient haben. Echte Post im Briefkasten ist etwas außerordentlich feines und handgeschrieben Sätze, seien es auch nur zwei oder drei, zünden ein Lichtchen an, davon bin ich überzeugt. Meine ersten Karten sind schon raus, an den Opa, der jetzt ganz alleine ist, weil er mit neunzig Jahren ein wirkliches Risiko trägt. An eine befreundete Lehrerin, von der ich weiß, dass sie, wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen ihr allerbestes gibt, damit es unseren Kindern gut geht und keiner auf der Strecke bleibt. An eine Arzthelferin, die sich jeden Tag die Füße plattläuft und Überstunden in der Infekt-Sprechstunde schiebt. Man braucht tatsächlich nur einige Sekunden zu überlegen, und dann purzeln einem die Namen nur so ins Gehirn. Und es braucht nur wenige Minuten, um ein paar gute Worte zu verschenken. Du könntest auch eine Sprachnachricht versenden, einen mehrseitigen Brief schreiben oder einfach mal anrufen., nur für den Fall, dass dir jetzt auch ein paar Namen durch den Kopf purzeln.

Seit ich ein kleines Mädchen war liebe ich den Martinstag. Natürlich habe ich im Laufe der Jahre einige mehr als gruselige Martinszüge erlebt, aber eben auch viele schöne. Ich liebe Laternenlicht in der Dunkelheit, Martinsfeuer und Weckmänner und ich liebe die uralte Geschichte vom Teilen und füreinander Sorge tragen. In diesem Jahr ist alles abgesagt. Es hindert uns aber natürlich niemand daran, trotzdem die Geschichte von Martin zu erzählen, trotzdem Weckmänner zu essen und vielleicht sogar ein Feuer im Garten zu machen. Corona hindert uns auch nicht daran unser Licht zu teilen, in dem wir Laternen in die Fenster stellen und vielleicht ein oder zwei verschenken. Hier findest du eine tolle Aktion zum mitmachen und gleich noch eine Vorlage zum Ausdrucken. Lasst uns das Dunkle ein wenig heller machen.

Jetzt ist die Zeit zum Pläne schmieden. Jaja, ich weiß, gewagt, gewagt. Vielleicht planen wir noch nicht den nächsten Sommerurlaub oder drei bis fünf Großprojekte, aber was würdest du gerne machen? Was willst du lernen, wonach sehnt sich dein Herz, was würdest du gerne verwirklichen? Was soll auf deinem Acker wachsen, was würde dich nähren und froh machen? In der Dunkelheit keimt das Neue, es hat keine Eile, ganz still will es liegen, aber irgendwann darf es ans Licht. Wir könnten jetzt schon davon träumen.

Im November drängen sich die Gedenktage, als wollten sie sich gegenseitig warm halten. Am Allerheiligentag lesen wir immer die Geschichten der Heiligen vor, deren Namen unsere Kinder tragen. So unterschiedlich diese Heiligen waren, so ist ihnen doch allen gemein, dass sie durch echte Krisen gingen, vor haushohen Herausforderungen und das Leben alles andere als sicher war. Es sind Geschichten von Treue, Gottvertrauen und Mut. Geschichten, die uns gerade jetzt trösten. Vielleicht sind Heiligengeschichten überhaupt nicht deine Baustelle, aber welche Geschichten machen euch Mut, geben euch Kraft und Trost? Erzählt sie einander, erzählt die Geschichten eurer Namen, erzählt, von den Menschen, die nicht mehr bei uns sind, von ihren Herausforderungen, ihren Träumen, von ihren Leben voller Geschichten. Draußen mag es dunkel sein, aber wenn wir drinnen unsere Geschichten erzählen, wenn wir traurig sein dürfen, über die, die nicht mehr bei uns sind, wenn wir sie leben lassen in dem wir uns ihrer erinnern, um sie weinen und mit ihnen lachen, dann wird es drinnen hell sein und warm. Stell die Teekanne auf den Tisch, zündet ein paar Kerzen an , mehr braucht es dazu nicht.

Falls du auf Instagram unterwegs bist, könntest du auch mit Daniela von https://eltern-familie.de/ bewusst novembern, da wirst du bestimmt viele ermutigende Worte finden. Ich werde dabei sein. Ich werde auch die Nadeln klappern lassen und weiche Wolle zwischen den Fingern spüren, einfach, weil das meinen Tag hell macht. Ich werde zu jeder erdenklichen Tageszeit Kerzen anzünden und Zeit haben, für viele Runden Skip Bo und Canasta mit hausaufgabengeplagten Kindern. Nur eines werde ich nicht tun. Ich werde nicht versuchen, aus dem November einen verfrühten Dezember zu basteln und ihn mit Glitzer dekorieren. Das wäre ja schlicht eine Beleidigung, für solch einen Charakterkopf.

2 Gedanken zu “Nebelleuchten im November

  1. Ich liebe den November auch – darum haben wir vor 15 Jahren in diesem Monat unsere wunderschöne Hochzeit gefeiert! 🙂 Danke für deinen lichthellen, inspirierenden Blogpost ❤

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