Vor einiger Zeit bekam ich eine nette Einladung zu einem klassischen Kaffeeklatsch mit netten Frauen, die ich mag. Sehr schön. Kaffeeklatsch in Coronazeiten findet natürlich nicht live und in Farbe statt, sondern online. Das hat große Vorteile. Du musst dich nur um die Füllung deiner eigenen Kaffee bzw Teetasse kümmern, du schaffst es ohne Mühe dir den Kuchen zu verkneifen, denn es gibt gar keinen, und du hast Frauen aus der ganzen Republik und der Schweiz in deinem Wohnzimmer, an einem ganz gewöhnlichen Freitagmorgen. Es gibt aber auch diverse Nachteile. Keine dieser Frauen kannst du mal eben feste drücken und wenn es dir noch so sehr danach wäre, man muss diszipliniert reden und zuhören, denn die Zeit ist begrenzt und Augenkommunikation unmöglich. Ich mag gerne Kuchen und habe gerne gute Gründe ihn zu essen. Und natürlich der größte Nachteil- das ganze funktioniert nur mit einem Mindestmaß an technischem Sachverstand. Ich seufzte also schon beim Studieren der Einladung, weiß ich doch genau, dass bei mir der technische Sachverstand irgendwie vergessen wurde, bestimmt ein Versehen, aber was will man machen?!

Ich bekam also pünktlich die nötigen Zugangsdaten, stellte die Teetasse bereit, kämmte mir die Haare und setze mich ordentlich aufs Sofa, zu allen Schandtaten bereit. Einwählen ging, ich sah die anderen lieben Frauengesichter in kleinen Quadraten, sie waren schon am plaudern. Allein, ich konnte sie nicht hören. Sie entdeckten mich, machten seltsame Zeichen, ich suchte irgendein Ton an-Ton aus-Symbol, vergebens. Das Handy klingelte, das hatte ich nicht bereit gelegt. Hektisch sprang ich auf, verhedderte mich heillos in der Sockenwolle und sprintete los (das Haare kämmen hätte ich mir sparen können, den Anblick würde ich nie wieder gut machen können), doch da gäbe es bestimmt eine Einstellung, ich wischte hektisch über die Tabletoberfläche, denn natürlich gab es hier überhaupt gar kein Symbol, das passen könnte- doch, da-aber jetzt konnte ich niemanden mehr sehen! Wieder hektisches Wischen, Bild wieder da, Ton weg. Ich wählte mich gleichzeitig über das Handy ein und tadaa, das Handy produzierte keine Bilder, aber immerhin Ton. Ich sah jetzt also in äußerst rückenfeindlicher Haltung in die Tablet-Kamera und sprach gleichzeitig ins Handy. Wahnsinn!! Natürlich gab es irgendwann eine Rückkopplung und der Tee wurde kalt. Aber ansonsten habe ich das Gespräch wirklich sehr genossen. Ich tippte im übrigen zu meinem eigenen Trost auf unzureichende technische Ausstattung der Endgeräte, was genau so lange funktionierte, bis sich drei Stunden später ein Zehnjähriger ohne Mühe in seine Trompetenstunde einwählte, mit Ton und Bild.

Also, was mache ich jetzt mit dieser offenkundigem Mangel an Hirnsoftware? Schamesröte? Selbstdemontage? Kapitulation? Nein. Tatsächlich nicht. Einer der vielen Vorteile, die das Leben weit hinter dem Teenageralter mit sich bringt, ist die Möglichkeit, sich selbst gelten zu lassen, so, wie man nun mal ist. Ich kann nicht gut mit dem digitalen Endgeräten umgehen und kaum einen Knopf annähen. Ich bin immer mal wieder zu dick, ich kann schlecht Prozentrechnen, weiß nie in welche Richtung man das Komma schieben muss und hin und wieder passieren mir blöde Sachen, weil ich ein klitzekleines bisschen zur Hektik neige. Ich bin ein Mensch und als solcher ein Mängelexemplar. Das ist so unfassbar erleichternd! Ich muss nicht perfekt sein und ich will es auch gar nicht sein, es wäre sogar in höchstem Maße anmaßend, denn es gibt nur einen Vollkommenen. Ich will mich gern haben, mit all meinen Schwächen und Macken, mit den Spuren, die das Leben an mir hinterlassen hat und immer, immer, immer will ich gerade darüber lachen können. Ein freundliches Lachen, kein höhnisches. Ein versöhnendes, gnädiges Schmunzeln, kein hämisches Gelächter. Und dann versuche ich es einfach weiter. Mit zoom- Konferenzen und digitalem Kaffeeklatsch, mit Einparken und gesundem Essen. Nur Prozentrechnen verschiebe ich auf ein anderes Leben.

In der letzten Woche haben wir uns einen lang gehegten Wunsch erfüllt, und unseren altes, abgeschrapptes Wohnzimmerparkett abschleifen lassen. Zwölf Jahre war dieser Wunsch alt, denn der Boden war schon bei unserem Einzug ziemlich lädiert. Der Parkettfachmann kam, Tag um Tag, wir hatten das ganze Mobiliar im Haus verteilt, bis in die kleinste Ritze. Und aßen, arbeiteten und lebten für eine Woche in unserer Küche, gequetscht, wie die Ölsardinen. Der Parkettmann vollbrachte handwerkliche Wunder, schliff und lackierte, was das Zeug hielt. Am letzten Abend, als die Arbeit schon fast getan war, wollte einer nur mal schauen gehen. Nur schauen. Und dann noch einer. Und dann fühlte der Schauende klebrigen Parkettlack unter den bestrumpften Füßen. Jeder der zehn Fußtapser wurde umklebt, vorsichtig angeschliffen und nachlackiert. Es nützt nichts. Je nach Sonneneinfall sieht man Kinderfußspuren im wunderschönen Buchenparkett. Jetzt ist der Boden, je nach Sonnenstand, ein Mängelexemplar. Ich finde ihn traumhaft schön. Das Kind? Ist auch ein Mängelexemplar, genau wie seine Mutter und genau, wie der ganze Rest. Es grämte sich ganz schrecklich über seine Fehltritte in feuchter Versiegelung. Als sein Papa kam, zog es die Schultern hoch bis zu den Ohren und stille Tränen kullerten. Gott sei Dank ist sein Papa ebenfalls ein Mängelexemplar und weiß sehr wohl, wie es sich als solches so lebt. Er sagte gar nichts und nahm sein Kind fest in die Arme. So lange, bis die Tränen aufhörten zu tropfen. Fehler passieren, früher oder später bekommt jeder und alles seine Macke ab, das macht uns nicht weniger wertvoll, nur einzigartiger.

Wahrscheinlich wäre das Zusammenleben der Menschenkinder an vielen Stellen deutlich einfacher, wenn es uns doch nur gelänge, gnädiger zu sein. Mit uns, mit unseren Fehlern, mit unserem Scheitern. Mit unseren Irrwegen und Mängeln. Wenn wir sie umarmen, trösten und über sie lachen könnten. Dann könnten wir diese Gnade, diesen Trost und dieses Lachen auch den anderen schenken, deren Fehlern, deren Scheitern und deren Irrwegen. Weil es das ist, was der Mensch nun mal ist, ein Mängelexemplar. Und doch. Unendlich geliebt, von Gott selbst mit Gnade beschenkt. Trotzdem. Heute will ich es versuchen. Und ein wenig Gnade schenken, mir und anderen. Damit es heller wird in der Welt. Ein Licht, dass die Mängel verschwinden lässt.

Vielleicht wunderst du dich ein wenig, warum es hier oft so lange still ist. Ich arbeite ganz fleißig an meinem Buch, das Schreiben macht mir so viel Freude, aber die Stunden sind so rar. Also verzeih mir, wenn es manchmal ein wenig dauert. Aber dann, dann, wenn alles fertig ist, dann kannst du, wenn du magst, gleich ein ganzes Buch lesen. Da freue ich mich jetzt schon drauf!

7 Gedanken zu “Mängelexemplar

  1. Mir stehen beim Lesen Tränen in den Augen! Vielen herzlichen Dank für deine tollen Worte! Mit Prozentrechnen hättest du mich nicht so berühren können! ER sieht uns an und sagt: Sehr gut!

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  2. Stell Dir nur mal vor, wenn das Kind schon eine eigene Familie hat und nicht mehr durch Euer aus läuft. Dann wirst Du manchmal etwas traurig sein. Du schaust auf Dein Parkett, wenn die Sonne drauf scheint. Und mit den Fußstapfen kommen Deine Erinnerungen. Du lächelst ganz still und manchmal seufzt Du leise….
    Lasse die Tapsen da, sie werden eine schöne Erinnerung sein – und manchmal tröstend! ❤

    Liebe Grüße,
    Werner

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  3. Wieder einmal herzlichen Dank für die tröstlichen Worte. Sie richten mich auf und führen mich auf den richtigen Weg. Bin ich doch eine, die alles perfekt und schnell machen will, dasselbe verlange ich, unbewusst auch von meinen Mitmenschen. Milde, Snftheit tun so gut. Danke

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  4. Vielen Dank für den ehrlichen und menschlichen Einblick in Euer Familienleben! Das goldene Blatt mit (Loch-) Herz als Titelblatt fand ich so treffend schön zum Thema ausgewählt!

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  5. Ich mag deine Art zu schreiben. Auch hier gibt es Spuren vom Kind in der neuen Wohnung. Kleckerspuren, Spuren vom Kinderwagen und Spuren eines Kugelschreibers im Buch. Mein Mann ärgert sich immer über Kleinmädchenspuren in seinen Noten. Doch bald wird das kleine Mädchen groß sein… .

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