Also das Wichtigste natürlich zuerst: ich wünsche dir ein gutes, segensreiches neues Jahr! Ein segensreiches neues Jahr darf man getrost auch noch am 12. Januar wünschen, denn erstens haben wir alle gute Wünsche dringend nötig, die wir nur kriegen können und zum anderen fallen die ersten zwölf Tage definitiv noch in die Rubrik „Anfang“. Ich bin jetzt nicht gerade enthusiastisch in dieses neue Jahr gestartet, aber doch guten Mutes. Ich dachte, dass die bisherigen Homeschoolingerfahrungen ausreichen würden, um mich relativ gelassen mit den Umständen umgehen zu lassen. Gelassen und geduldig und immer zu liebevollen Erklärungen bereit. Ich dachte, wir würden uns alle um den großen Tisch versammeln und unsere jeweilige Arbeit erledigen, ja auch ich. Ich dachte an klirrend kalte Januartage, an denen wir zur Erfrischung von Geist und Seele lange Spaziergänge unter dem weiten blauen Himmel unternehmen würden. Ich dachte an das entzückende Hundebaby, das dabei zwischen unseren Beinen herumspringen würde. Ich dachte, wie schrecklich tapfer wir alle sein würden, tapfer und guten Willens und irgendwie heroisch.

Tja, heute, an Tag zwölf diesen Jahres und Tag fünf in der „Distanzlernhölle“ kann ich festhalten, dass ich falsch gedacht hatte. Es ist ein grauer, trüber Januar und wir leben anscheinend auf dem einzige Fleck der Republik, an dem keine Schneeflocken tanzen sondern kalter Regen ausdauernd vom Himmel fisselt. Kein Mensch will freiwillig da raus. Auch das entzückende Hundebaby bevorzugt warme Wohnräume und markiert fleißig dort sein Revier. Meine Gelassenheit und liebevolle Geduld war bereits nach den ersten drei Stunden Zuhause-lernen so gründlich aufgebraucht, dass ich jetzt zusehen kann, wie ich das Jahr so ganz ohne Gelassenheit und Geduld bestreite. Wir sitzen auch nicht entspannt um den großen Tisch, zumindest ich nicht. Ich renne zwischen Drucker und diversen digitalen Endgeräten hin und her, dividiere hier ein paar negative Brüche, springe im Galopp über Längen und Breitengrade, erkläre dort die Ordnungszahlen und beschimpfe entnervt implodierende Plattformen. Dazwischen wische ich ein bisschen Hundepipi und tröste untröstliche Kinder, die aus irgendeiner Konferenz geflogen sind, nicht wegen persönlichen sondern wegen Serverfehlverhaltens. Nichts davon fühlt sich irgendwie heroisch an.

Nun, wahrscheinlich geht es dir ganz ähnlich und ich will dich auch gar nicht mit großem Gejammer aufhalten, schließlich hört es sich eh an jeder Ecke gleich an. Es ist das pralle Leben, das da um uns alle herumtost und an uns rüttelt, als wolle es wirklich noch den letzten Stein auf seine Tragfähigkeit hin überprüfen. Und weil es eben das pralle Leben in Gänze ist, schenkte es mir am Sonntag eine kleine Auszeit.

Der Januar war für wenige Stunden knackig kalt und wir gingen lange spazieren unter blitzeblauem Himmel. Ein Hundebaby sprang fröhlich zwischen unseren Beinen umher und alles fühlte sich genau richtig an für den Moment. Am Rheinstrand lag selbstredend kein Schnee, aber dafür jede Menge Steine. Flache, die man wunderbar flitzen lassen kann, kleine Runde, spitze und eckige. Sie liegen da und werden in Form gewaschen, Monat um Monat, Jahr um Jahr, vom Fluss, der sie umspült und der Witterung, die sie schleift. Keiner gleicht dem anderen, abertausende von Unikaten. Und ich dachte, dass es doch ein großer Vorteil des Nicht- mehr -ganz- so- jung-seins ist, dass ich mich selber nicht mehr schleifen möchte, auch nicht zu Beginn eines Jahres. Ich muss mich nicht mehr mit Selbstoptimierungsplänen belasten, eine Form anstreben, die gar nicht für mich gedacht ist, weder Außen noch Innen.

Stattdessen darf ich mich getrost diesem Leben hingeben, dass mich schleift und in Form wäscht, wie der Fluss die Kiesel, hineingelegt von jener Schöpferhand, die ihre Einzelstücke niemals loslässt. Dieser Gedanke ist unwahrscheinlich tröstlich. Das Leben mit jenen Geschichten, die mir zugedacht wurden, sind es, die mich ausmachen und es nimmt sehr viel Lebenslast von unseren Schultern, wenn wir nicht auch noch selbst beständig an uns rütteln. Die Zeit, wie sie jetzt nun mal gerade ist, lehrt uns vielleicht gerade dies. Wie wenig wir selbst in der Hand haben, wie wenig selbstverständlich unser Haben, unsere Werte, unser Sein letztlich sind, wie lächerlich rührend die Bemühungen des Steines wären, wenn er den Fluss umformen wollte. Also stehe ich hier in Mitten des prallen Lebens und werde immer mehr zu der, als die ich gedacht wurde. Und es ist nicht weiter tragisch, wenn ich dabei hin und wieder ein wenig müde, gereizt oder bar jeder Gelassenheit bin. Im Handbuch für vorbildliches Verhalten in allen Lebenslagen gibt es viele freie Seiten zum gestalten und wir alle geben unser Bestes.

Weil ich mich zwar nicht optimieren, aber dennoch gut für mich sorgen will, habe ich mir ein wenig Futter besorgt. Nun war mein Körper noch nie ernsthaft in Gefahr zu wenig Futter zu bekommen, aber mein Geist war doch sehr hungrig in den letzten Monaten. Ich habe mir also einen Jahresbegleiter der wunderbaren Shauna Niequist geschenkt. Kennst du dieses phantastische Gefühl, wenn du Worte liest, die direkt in den Grund deines Herzens fallen und dort ihre Wirkung entfalten? Das passiert zugegebenermaßen nicht allzu häufig, aber wenn, ist es wie Regen auf dürres Land. Shauna hat genau die richtigen Worte für mich und eines davon ist das Wort „episch“. Du kannst die Geschichte deines Lebens auf tausenderlei Weisen erzählen, du könntest sie als Tragödie erzählen, ja, vielleicht wäre genau diesen Abschnitt jetzt dazu angetan, wirklich tragisch zu sein. Oder du entscheidest dich dafür, trotzdem und gerade weil…, sie als Epos zu erzählen. Als gewaltige Geschichte, mit Höhe und Tiefpunkten, als großes, meisterhaftes Gesamtkunstwerk mit vielen Handlungssträngen, verwoben, verschlungen und doch immer sinnstiftend. Das ist großartig! Ich habe „Vom Winde verweht“ ganze dreimal gelesen, von den „Dornenvögeln“ will ich gar nicht erst reden, ich liebe epische Geschichten, weil sie nämlich platz für die ganze Bandbreite haben, die Liebe und den Schmerz, den Irrsinn, die Komik und die tragischen Momente, für Fehlentscheidungen und phantastische Wendungen. Wenn du die Geschichte deines Lebens als Epos erzählst, dann ändert das deine Blickrichtung und du erkennst seine ganze Weite, seine Fülle, seine ganze Größe.

„Wenn du dich ganz und gar hingeben kannst an das Leben, dass dich umgibt, statt dich ein für alle Mal aus dem Spiel abzumelden, weil dir das Leben so übel mitgespielt hat, dass ja wohl keiner von dir erwarten kann, dass du trotzdem weitermachst, dann bist du ein reich beschenkter Mensch“

Das neue Kapitel ist gerade zwölf Tage an. Wer weiß, wie sie weitergeht, die epische Geschichte deines Lebens? Spannend ist sie und aufregend, vielleicht ist die Heldin gerade etwas strapaziert, vom Leben, das sie umspült und formt und ihre Einzigartigkeit zum Vorschein bringt, aber hei, sie ist eine Heldin!

5 Gedanken zu “Episch

  1. „Kennst du dieses phantastische Gefühl, wenn du Worte liest, die direkt in den Grund deines Herzens fallen und dort ihre Wirkung entfalten?“
    Ja, du schaffst das immer wieder bei mir! Vielen Dank! Auch heute!
    Ganz herzliche Grüße und Gottes Segen, Julia

    Gefällt 1 Person

    1. Du nimmst mir die Worte aus dem Mund 😉 Genau das wollte ich auch eben schreiben 🙂

      Liebe Grüße und Gottes Segen (aus dem ebenfalls schneelosen Würzburg)
      Lisa

      Gefällt mir

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