In meinem Blogeckchen ist es still geworden, sehr still. Das liegt einzig und allein daran, dass es um mich herum niemals mehr still ist. Auch jetzt nicht. Ich höre das Rascheln der Zeitung, hinter der der Gatte sein Gesicht vergräbt. Im Flur wird wild Fußball gespielt, unterstützt von einem stimmgewaltigen Kommentator. Das Hundebaby schnarcht und pupst leise vor sich hin, von oben tönt fernes Schlachtengetümmel der Playstation und an die Scheiben trommelt der Regen. Er trommelt seit Wochen sein Lied, dieser Regen und ich hoffe inständig, dass er nicht irgendwann um Einlass bittet.

Überhaupt könnte man den Eindruck bekommen, dass es in dieser Pandemie nur noch zwei Arten von Menschen gibt. Die eine, der die anhaltende Stille der Vereinzelung und Einsamkeit lauthals in den Ohren dröhnt und die andere. Ich gehöre zu der anderen. Für diese Art ist Stille zu einem fernen Häufchen Sehnsucht zusammengeschmolzen, als wäre sie bei den einen gänzlich ausgezogen, um bei den anderen gänzlich einzuziehen. Die einen werden schier überwältigt von ihrer neuen Mitbewohnerin, sie vermissen und verzagen in ihren leeren Häusern und Wohnungen, in der Einsamkeit ihrer Krankenbetten ohne Aussicht auf Besuch. Die anderen vermissen gerade diese Stille schmerzlich, weil es in ihren Häusern und Wohnungen brummt, wie in einem Bienenstock, in dem niemals Ruhe einkehrt.

Unser Haus ist ein einziger großer Schmelztiegel an Stimmen und Geräuschen, Geklacker und Geplapper, Geseufze und Geheule, Gelächter und Gekicher. Die Lernplattformen der Republik spülen zusätzliche Stimmen ins Haus. Wenn ich koche, höre ich jetzt immer die gestrenge Stimme einer Matherlehrerin, die Sextanern die Welt der Terme erklärt und automatisch spannen sich auch meine Schultern an und mein Kopf rechnet panisch, was war nochmal gleich 17 mal 185. Die unermüdliche Grundschullehrerin singt jeden Vormittag unverdrossen und tapfer das Begrüßungslied in die Kamera und „Laurentia, liebe Laurentia mein“, alle Strophen, denn auch Wochentage wollen gelernt werden. Gebrochene Jungenstimmen üben sich in der Kunst des Argumentierens, suchen Gründe für den Untergang der Weimarer Republik und buchstabieren sich stockend durch „de bello gallico“. Nachts bellt das Hündchen um Erleichterung für seine kleine Welpenblase und wenn dann endlich, endlich Ruhe eingekehrt ist, dann plappern die Stimmen in meinem Kopf lauthals weiter, erzählen von alten Ängsten und neuen Ideen, von liebe Menschen in Nöten, von allem, was nicht geschafft wurde, von Sorgen, die man sich durchaus mal machen könnte, von Mutationen und Konflikten.

Zu Weihnachten bekam ich vom scm- Verlag liebe Post mit einem Buchpräsent darin. Ich packte das Präsent aus und prustete los. In den Händen hielt ich ein Buch, das den Titel „Stille ist…“ trägt. Ja wunderbar, dachte ich kichernd, wenn es eine Zeit für fromme Wünsche gibt, dann ist es wohl Weihnachten. Da wünschen wir uns ja auch Weltfrieden und Schneegestöber und ewigwährende Harmonie in den Häusern. Und ein wenig war es so, als würde man dem Hundebaby eine große Wurst vor die Nase hängen, gerade so hoch, dass es nicht dran käme. Irgendwann hatte ich ausgekichert und irgendwann hatte ich das Buch gelesen. Das Buch ist wunderbar. Es ist eine gelungene und sehr berührende Hommage an die Stille, aus unterschiedlichsten Perspektiven und in verschiedensten Aspekten. Gebannt las ich die Gedanken einer Höhlenforscherin und eines Astronauten, einer Hebamme oder eines Choreographen. Die Stille scheint ein einzigartiges Universum mit tausensenden von Gesichtern zu sein. Immer eröffnet sie Wundersames, schärft sie die Wahrnehmung, manchmal hält sie den Weltenlauf für einen Herzschlag an. Immer wieder denke ich seither über sie nach, ihre Vielfältigkeit, ihre Schönheit und ihre Zerbrechlichkeit, ihre Leichtigkeit und unendliche Schwere. Erinnerst du dich an die Stille und den Frieden, in den ersten Minuten mit deinem Neugeborenen? An die bleischwere Stillesekunde, nachdem du eine wirklich schlimme Nachricht erhalten hast, genau so lang, wie es braucht, um den harten Stein der Erkenntnis in die Seele sacken zu lassen? Die Stille eines Waldspaziergangs, eines Sommermorgens, einer kühlen Kirche und die, während einer Matheklausur in abgestandener Luft mit kratzenden Füllern über störrischem Papier? Ich sah das Gesicht der Ehefrau von Alexei Nawalny bei der absurden Urteilsverkündung gegen ihren Mann und für einige Sekunde stand sie in absoluter Stille, trotz des Tumultes um sie herum, was mag diese Stille in ihr Herz geflüstert haben?

Stille meint nicht die Abwesenheit aller Geräusche, sie ist selten wirklich still. Das weiß ich spätestens wieder, seit ich häufig nachts um drei Uhr im Garten umeinanderstehe und auf den pinkelnden Welpen warte. Irgendwo raschelt es immer, tanzt der Wind in den Zweigen, huscht eine Maus durch das Gras. In der Stille werden wir automatisch hellhöriger, durchlässiger und offener für die leisen Töne, für die Stimme unseres Herzens, unserer Sehnsucht, unseres Gottes. Vielleicht fürchten und ersehnen wir sie deshalb gleichermaßen, weil man nicht immer hören will, was die Stille erzählt und doch ahnt, dass es von Bedeutsamkeit wäre.

Das Buchpräsent steht jetzt im Regal, ganz präsent, mit der Frontseite nach vorne und nicht mit dem Buchrücken. Wenn ich sehnsüchtig werde, nach etwas Stille im Haus, dann ist es mir Verheißung und Trost. Sie wird wieder kommen. Vielleicht an einem Frühlingsmorgen mit Sonnenschein, an dem sich nur Vogelgezwitscher in die Ruhe drängelt und der Wind in den Zweigen. Bis es soweit ist, versuche ich sie in den Zwischenräumen zu erhaschen, in meiner Teetasse, beim Spaziergang mit dem Hund durch pladdernden Regen, bei einer meiner Klopausen mit Shauna (Klobücher, du weißt schon…). Ich weiß nicht, ob du die Stille gerade fürchtest oder ersehnst, ob du Netflix und Musik laut aufdrehst, weil sie dir in den Ohren dröhnt oder ob du sie herbeibetest, um wieder atmen zu können. In jedem Falle wünsche ich dir Tapferkeit, Geduld und Zuversicht. Und jemanden, der dir dieses Buch schenkt. Damit ihr euch neu kennen und verlieben lernt, die Stille und du.

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