Guten Morgen, wie schön, dass du da bist. Hier kommt ein kleiner frühlingshafter Gruß aus der Versenkung. Heute Morgen haben zwei mittlerweile gar nicht mehr so kleine Erstklässler das Haus verlassen, zum ersten Mal seit drei Monaten, den Bauch randvoll mit aufgeregtem Kribbeln, wie sie mir verrieten. Ich habe zwischenzeitlich ganz vergessen, wie Schule geht und und deshalb auch die Bereitstellung eines Pausenbrotes. Mist! Andererseits soll man ja die örtlichen Läden supporten, bitteschön, und so wird aus der Rabenmutter flux eine engagierte Bürgerin mit Sinn für den Erhalt des Bäckerhandwerkes. Heute verdirbt mir nix den Morgen. Du darfst dich ja wahnsinnig gebauchpinselt fühlen, dass ich mit Klappen der Haustür an den Laptop gesprintet bin, nur um dir einen kleinen Gruß zu schicken. Bevor sie mir das Gerät wieder entwenden, mit so fadenscheinigen Begründungen, wie „Lateinkonferenz“ und „Muss Physikblätter ausdrucken“. Bevor die strenge Mathelehrerin fertig ist, mit ihren langatmigen Erklärungen über die Kantenanzahl einer Pyramide. Bevor das mittlerweile auch gar nicht mehr so kleine Hundebaby seine irren fünf Minuten bekommt. Also, sei ganz herzlich gegrüßt! Ich hoffe, dass es dir gut geht und du noch den Kopf oben trägst und auch noch atmest, dann und wann zumindest.

In die Versenkung zurückbefördert haben wir vor einigen Tagen die Kisten mit den Verkleidungssachen. Sie haben uns ein wenig Abwechslung in das Alltagseinerlei gebracht, auch, wenn natürlich alles ganz anders, und viel, viel stiller war, als es sich üblicherweise für Mainzer gehört. Gefeiert haben wir trotzdem und trotzdem hat es Spaß gemacht. In diesen Kisten befand sich unter anderem auch ein winziges kleines Döschen mit Goldglitzerstaub. Ich tupfte mir ein wenig davon auf die Wangen, denn man sollte wohl doch keine Gelegenheit auslassen, ein wenig Glitzer ins Leben zu lassen. Das dachte sich auch unser Zwillingsmädchen und interpretierte das richtige Maß an Glitzerstaub deutlich großzügiger als ich. Das Döschen war so winzig, aber es entfaltete binnen kürzester Zeit seine volle Wirkung. Das Zwillingsmädchen glitzerte von Kopf bis Fuß und die Fugen des Badbodens und alle Zahnputztbecher. Der Hund glitzerte und ein Teeniejunge, der sich eigentlich nur das Gesicht abtrocknen wollte. Der Glitzerstaub trat seine Reise durch unser Haus an und setzte sich in jede Ritze, bestäubte alle Winkel, Nasen und Kleiderfalten, keiner konnte ihn mehr aufhalten.

Jetzt, wo alle Kisten wieder in der Versenkung verstaut und alle Kreppel verdaut sind, wo sich wieder Schulbücher stapeln und nicht länger Luftschlangen kringeln, jetzt glitzert es immer noch. Hier und da, an den unmöglichsten Stellen, manchmal sogar noch auf einer Nasenspitze. Wann immer ich ihn entdecke, muss ich lächeln und mich freuen, über die Hartnäckigkeit von Goldglitzer auf schwarzen Schieferfliesen. Und dann denke ich auch immer gleich daran, was so ein winziges Döschen für eine große Wirkung haben kann, wie wir den Glitzerstaub weitergetragen haben, mit unseren Umarmungen und Küssen, unserem Tanzen und unseren Schritten, hineingetragen in den schnöden Alltag, der dadurch unweigerlich auch ein wenig glitzeriger wird.

Am Valentinstag hatten uns liebe Freunde eine Tüte Freundlichkeit vorbeigebracht und ich habe mich so sehr gefreut, dass ich gar nicht anders konnte, als gut gelaunt durch diesen Tag zu spazieren und ein wenig dieser Freude weiter zu schenken. Als ich in den letzten Wochen ziemlich niedergeschmettert war, aufgrund der Umstände, einer elenden Mittelohrentzündung und der ein oder anderen krachenden Niederlage, da fanden Worte echter Ermutigung über simple Sprachnachrichten den Weg zu mir. Wahrscheinlich haben die Absenderinnen gar keine Ahnung, welch große Wirkung diese kleinen Nachrichten haben, wie sie sich festsetzen in den Winkeln und Ritzen meines Herzen, wie sie heilen und glitzern und wie sie es mir ermöglichen, selbst ein wenig Freundlichkeit und Ermutigung weiterzugeben. Die nette Dame bei Aldi letzten Dienstag hat keinen Schimmer, wie sehr mir das Leben erleichtert hat, nur weil sie mich vorgelassen hat, ganz unaufgeregt und nett. Es ist wirklich absolut erstaunlich, wie freundliche Worte, kleine Gesten, ein Kompliment von Herzen, ein ernstgemeinter Dank, ein Lächeln, das aus den Augen strahlt, wie diese Winzigkeiten binnen kürzester Zeit ihre volle Wirkung entfalten, wie sie weitergetragen werden, ganz genauso, als würde man ein winziges Döschen Goldglitzerstaub öffnen.

Natürlich ändert der Glitzerstaub den Fliesenboden nicht, der bleibt aus Schiefer und er bleibt schwarz. Er ändert auch nicht die Form unserer Nasenspitzen und auch nicht die staubigen Winkel unseres Hauses. Natürlich ändern Freundlichkeiten unsere Umstände nicht und ehrlicherweise bleibt eine Ohrenentzündung eine Ohrenentzündung und ein Scheitern ein Scheitern. Und doch geschieht etwas, eine kleine Verwandlung mit großer Wirkung. Sie macht das Leben glitzeriger, zaubert etwas Leichtigkeit herbei, weitet die Herzen und öffnet die Augen, für das Gute, für die kleinen und großen Schönheiten, die sich überall und in jedem verstecken. Und dann breitet sie sich aus, ansteckender, als jeder Virus.

Ich grüße dich, aus der Versenkung und frage dich:“ Wollen wir Glitzerstaub sein, in diesen Tagen? Wollen wir unsere Freundlichkeit, unsere Anteilnahme und unsere Güte verschenken, auf das sie sich ausbreiten und alles zum leuchten bringen, wie Krokusse auf Winterwiesen? Lass uns verschwenderisch sein, mit unseren guten Worten, mit unserem Lächeln, unserer Wertschätzung, damit sie weitergetragen werden, in alle traurigen Ecken und müde gewordenen Ritzen! Machst du mit?“

Ehrlicherweise habe ich keine Ahnung, wann ich das nächste Mal aus der Versenkung auftauchen kann. Bis dahin aber bleib behütet, ich puste dir ein wenig Glitzer zu! Der Frühling kommt, der lässt sich so wenig aufhalten, wie Glitzerstaub und Ostern, Ostern ist gar nicht so weit.

3 Gedanken zu “Aus der Versenkung

  1. Ich musste so laut lachen, wie du über die Verbreitung des Goldglitzerstaubes geschrieben hast! Das hat allein schon ein Glitzern in meinen Tag gebracht! 😄
    Und ja, ich mache gerne mit beim Glitzer verbreiten.

    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Was ist das schön!ich packe auch eine Tüte Freundlichkeit 😃,so eine geniale Idee und bin sicher, sie bringt Strahlen in meine Stadt!Sei reichlich gesegnet ,dankbar,Elisabeth

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