Also, man möchte doch meinen, dass eine Frau, die immerhin schon eine ganze Weile durchs Leben spaziert und fünf Kinder großzieht, also dass solch eine Frau eine einigermaßen geerdete Persönlichkeit ist. Bin ich auch, meistens. So schnell bringt mich nichts aus der Ruhe, so schnell lass ich mich nicht kirre machen. Ich kenne meine Stärken und jede Menge Schwächen, mit Beiden kann ich ganz gut leben. Vor allem aber bin ich längstens aus dem Alter heraus, in dem man jedem Trend hinterherhechelt, nur um irgendwie dazuzugehören, sehr befreiend. Allerdings gibt es hin und wieder Ausnahmen und die gestandene Persönlichkeit flattert wie ein loses Blättchen durch die Luft, lässt sich rumwirbeln von albernen Ideen und, nun ja, kauft ein. Ich habe mir einen Hula-Hoop-Reifen gekauft. Jetzt, wo scheinbar die ganze Nation beschwingt die Hüften kreisen lässt, fand ich die Idee plötzlich wahnsinnig verlockend. Geht ja ganz einfach. Du kaufst dir einen farbenfrohen Fitnessreifen, machst dir die Netflix-Serie deiner Wahl an und beim Schauen verwandelt sich wie durch Zauberhand deine mollige Mitte hüftkreisend in ein straffes Brett. Das kann wirklich jeder, der Reifen nimmt nicht viel Platz weg und du hast eine gute Ausrede zum netflixen, denn jetzt ist es ja Sport.

Der Reifen kam und ich legte vor den staunenden Augen meiner Kinder umgehend los, erstmal ohne Netflix natürlich. Schwung genommen, kreisen lassen und dann krachte das Ding zu Boden. Um eine sehr lange, sehr traurige Geschichte kurz zu machen. Ich kann es nicht. Grün und blau sind meine arme Hüftknochen inzwischen und ich gerate auch regelmäßig sportlich außer Atem, aber nur, weil ich mich beständig bücken und das Trumm wieder aufheben muss. Ich sah meine wunderschöne Tochter, die den Reifen aufnahm und direkt halbstundenweise mühelos um sich kreisen ließ. Eine hullernde Freundin schickte mir ein Filmchen, bei dem sie mir vormachte, wie es gehen sollte. Ein Siebenjähriger auf Lösungssuche vermutete, dass ich so viele Kinder bekommen hätte, dass mein Busen jetzt eben breiter sei. „Ich huller doch nicht mit dem Busen!!“, brüllte ich empört zurück. Ich packte das Ding ein, fuhr zur Freundin, um mir Nachhilfe geben zu lassen. Sie ist ein wirklich freundlicher und höflicher Mensch mit wirklich freundlichen und höflichen Kindern. Nach kürzester Zeit verkrümmelten sie sich, prustend, kichernd und schnaubend, reizend, wirklich, ganz reizend. Die Fehleranalyse ergab einen falschen Anschwung. Den richtigen habe ich bis heute nicht gefunden und es macht mich wahnsinnig. Mittlerweile klicke ich alle Bilder hulernder Menschen entnervt weg. Warum? Warum gelingt den einen scheinbar mühelos, was die anderen trotz aller Anstrengung nicht auf die Reihe bekommen?

Viel wichtiger aber scheint die Frage, warum mich das überhaupt kratzt. Ich habe doch eigentlich schon sehr früh gelernt, dass die einen wohl schon mit der Muttermilch das Geheimnis des 500m- Sprints eingesogen hatten und Kinder, wie ich ein Abo auf Wahl des Letzten bei der Mannschaftsaufstellung hatten. Ich war noch nie ein zartes Rehlein und habe das räumliche Vorstellungsvermögen einer Maus. Ich kenne mich in Wirtschaftsfragen nicht aus, habe von Computern keine Ahnung und selbst die robustesten Pflanzen ziehen den schnellen Tod meinem gärtnerischen Geschick vor. Allein, es macht mir nichts. Ich kann ja nicht alles können, wichtig ist im Zweifel nur, jemanden zu kennen, der kann. Und sich selbst und die eigenen Grenzen nicht ganz so ernst zu nehmen, dass ist wohl auch noch wichtig. Frieden schließen mit den eigenen Grenzregionen und den Waffenstillstand strikt einhalten, damit kannst du dir wirklich viel Kummer und Ärger vom Leibe halten.

Trotzdem bringt mich der Hula-Reifen aus der Fassung. Vielleicht, weil die letzten Monate so grässlich mühselig waren. Vielleicht, weil ich mir so sehr wünsche, dass einmal etwas wirklich genauso einfach und mühelos ist, wie es bei den anderen immer aussieht. Weil mich das ganze Homeschooling und die ganze Chose überhaupt wirklich Kraft kostet, obwohl ich so schrecklich gerne liebevoller, geduldiger und verständnisvoller wäre. Anderen scheint es besser zu gelingen, oder? Den anderen geht es leichter von der Hand, sie scheinen mehr Energie zu haben, sie können mehr wuppen, oder? Aber das stimmt so gut, wie nie, soviel ist gewiss. Beim Hullern mag es noch für die meisten funktionieren, aber bei allen anderen Dingen schwerlich. Fragst du dich manchmal, warum es bei den anderen immer so leicht aussieht, so harmonisch und perfekt? Während du doch kämpfst und ringst und dich abplagst, mit dem, was dir das Leben um die Ohren haut? Warum die eine kann, woran du immer wieder scheiterst?

Ich habe eine sehr gute Doku gesehen, zum Thema „Neid unter Frauen“ und die wunderbare Priska Lachmann sagte in ihrem wunderbaren Schlusssatz, dass wir die Stärken der Anderen nicht als unsere eigene Schwäche verstehen sollten. Sie bezog sich auf Frauen, aber ich finde, du kannst es getrost auf alle Menschen beziehen. Die wenigsten Menschen lassen dich einen Blick in ihre Grenzregionen riskieren, da, wo sie sich wirklich schwertun, wo es einfach nicht klappen will, wo der Reifen immer und immer wieder krachend zu Boden fällt. Das ist eigentlich schade, denn es würde die Sache doch sehr vereinfachen, wenn wir alle zu unseren Schwächen ein versöhntes Verhältnis hätten. Wenn sich die Stärken der Einen und die Schwächen des Anderen ergänzen und wechselseitig tragen würden. Wenn wir die eigenen Grenzen und die der Anderen als Gottgegeben anerkennen und respektieren. Vielleicht, weil es gar nicht schlecht ist, wenn wir einander brauchen, ergänzen und unterstützen, anstatt als bissig neidische Einzelkämpfer durchs Leben zu stolpern.

Der Hula-Reifen steht in der Ecke. Wenn keiner hinschaut nehme ich ihn heimlich zur Hand. Bei aller Liebe zu meinen Grenzregionen, ganz zum Affen will ich mich auch nicht machen. Und manchmal, hin und wieder, ist es vielleicht sogar ratsam, die eigenen Grenzen zu testen und auszuprobieren, ob man nicht ein Stückchen Neuland für sich erobern kann. Falls ich jemals hulern lerne, werde ich es dir erzählen.

So, jetzt aber zu den wirklich wichtigen Dingen. Wer hat gewonnen? Zunächst mal herzlichen Dank für eure wunderbaren Kommentare. Ich habe mich so sehr gefreut und war ein wenig überwältigt, denn mit so viel freundlichen Worten hatte ich nicht gerechnet. Dankeschön!

Und wenn du Luci bist, oder sophietod, dann herzlichen Glückwunsch! Meldet euch bei mir, die Mailadresse steht im Impressum, dann bekommt ihr bald Post.

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5 Gedanken zu “Hulagirl

  1. Hallo, ich habe meine nieeeeeeeeeeeeeeee so richtig gelingenden Versuche zu der Zeit gemacht, als die Reifen wohl aufkamen und auch in der DDR käuflich erworben werden konnten. Meine Freundin „rollerte“, ich kollerte, nämlich fast mit dem Reifen um die Knöchel herum – aber nur für Sekunden.
    Als ich das las: „…und habe das räumliche Vorstellungsvermögen einer Maus. “ dachte ich, dass wir die gleichen Urgroßeltern (oder so ähnlich) haben müssen. Doch bei den nächsten aufgezählten Kenntnissen relativierte sich das wieder, denn Technik und Computer kann ich ziemlich gut.
    Als die Navis fürs Auto aufkamen, meinte mein Sohn, dass er jetzt endlich entspannt mit mir mitfahren könne – er hatte zwar recht, aber soooooooooo deutlich hätte er das auch nicht sagen müssen.
    Als Geduld und Orientierungssinn im Himmel verteilt wurden, habe ich mich an anderen Schlangen angestellt.
    Lieben Gruß von Clara

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  2. Meine Töchter liefern sich Hula-Wettkämpfe, und die Große langweilt sich dabei und übt Kunststücke ein, wie, sich gleichzeitig einen Zopf zu flechten. Ich hatte denselben Gedanken wie du: Das mach ich auch! Denkste, habe gaaanz schnell aufgegeben. Es war so deprimierend. 🤦‍♀️ Jetzt mache ich seit einer Woche Stretching-Entspannungsübungen, da kann ich einigermaßen mithalten.😉

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