Guten Morgen, die Uhr sagt mir gerade, dass es 9.17 ist. Echt? Fühlt sich eher an wie, na ja, später Nachmittag. Ich hatte schon ganz schön viel Tag seit dem ich aufgestanden bin. Eventuell ist heute schon eine große Packung Flipscorn (so sagen wir hier zu Frühstücksflocken) versehentlich vom Tisch heruntergefallen und wir mussten sehr schnell sehr viel sammeln bevor das als Hund getarnte Trüffelschwein richtig in Fahrt kam. Eventuell hat einer irgendwann zwischen dem gestrigen Abend und dem heutigen Morgen den Haustür- und vor allem Fahrradschlüssel verloren, was eine ebenso hektische wie erfolglose Suche nach sich zog, bis uns wenigstens einfiel, wo der Ersatzschlüssel wohnt. Eventuell hat ein anderer jemand beim überstürzten Aufbruch den Schulrucksack stehen lassen und das väterliche Büro-Schul-Stadttaxi musste unverichteter Dinge wieder umkehren. Eventuell hat jemand unterwegs sein Fahrradschloss verloren und musste es suchen und vor lauter Sucherei hat man vergessen Bescheid zu sagen was eine weitere panische Sucherei von Elternseite aus nach sich zog. Und weil die Auswahl hier wirklich groß ist hat ein weiterer jemand seine Pausenbrotdose stehen lassen, ich war nett und habe sie jetzt vorbeigefahren. Normalerweise haben wir die Dinge etwas besser im Griff, aber ich schätze uns fehlt es massiv an Routine. In dieser Konstellation mussten wir hier seit Monaten nicht mehr aus dem Haus, was ursprünglich mal wie am Schnürchen lief, hat jetzt das Zeug zum morgendlichen Totalausfall.

Gott sei Dank ist wenigstens das Schaf weg. „Das Schaf“ ist ein wunderbares Gemälde meiner Tochter, das nun über viele Monate hübsch eingerahmt im Wohnzimmer hing. Direkt an dem Stück schmaler Wand neben dem Sofa. Von da aus guckte das Schaf uns an. Egal, ob du auf dem Sofa lümmeltest oder ordentlich gearbeitet hast, wenn heimlich Schokolade gemopst wurde oder man sich gegenseitig ein wenig schupste, das Schaf sah alles, eine Art Mona Lisa im Schafspelz. Nur umspielte leider kein sanftmütiges Lächeln seine zarten Lippen, nein, das Schaf guckte indigniert. Es schien missbilligend den Kopf zu schütteln. Immer. Und man fühlte sich immer irgendwie ertappt und gerügt von und unter den streng blickenden Schafsaugen, Weil das nicht nur mein Empfinden war sondern allen so ging und weil ich mich in den letzten Monaten auch ganz ohne das indignierte Schaf schon unzulänglich genug fühle, musste ich das Schaf bitten zu gehen. Da eine kahle Wand aber auch nicht aufbauender als das Schafsporträt wirkt, hielt ich Ausschau nach einer freundlicheren Lösung. Ich suchte und fand und gestern kam sie mit der Post, was habe ich mich gefreut. Ein Bild, wie gemacht für diese Wand, für diese Zeit und für die Menschen, die in diesem Haus wohnen, sogar der Gatte war zufrieden. Wenn du keine Werbung magst, dann musst du jetzt kurz die nächsten Zeilen überlesen. Ich verspreche aber, dass sie völlig unbeauftragt ist und gänzlich freiwillig erfolgt. Das Bild kommt nämlich von Anne und Linda, die zusammen das kleine Label „Bloom of eden“ haben. Du findest dort Postkarten, Kalender und eben auch Aquarelle. Ist natürlich alles Geschmacksache, aber ich finde ihre Arbeiten ganz zauberhaft.

Das neue Bild hängt jetzt also an der schmalen Wand neben dem Sofa und statt Ermahnung sehen wir jetzt Ermutigung. Illustriert sind darauf nämlich die guten Gaben des Geistes, Frieden und Freundlichkeit, Nachsicht und Liebe, Güte, Treue und Geduld. Sind das nicht genau die Gaben, die wir dringend nötig haben, die uns das gute Leben ermöglichen, nach denen wir uns zur Zeit vielleicht mehr sehnen als jemals zuvor? Nicht, dass wir die schon im Übermaß hätten, aber es sind diese Geistesfrüchte, die in unserem Haus wachsen und gedeihen sollen. Ich kenne mich ja mit der Gärtnerei nicht aus, aber willst du Blumen haben, dann musst du immer wieder neu säen, das Unkraut entfernen, hegen und pflegen, was da langsam keimt und ans Licht drängt, bis es endlich blüht und vor Farben sprüht. Dann hältst du inne und genießt die Pracht, weißt du doch genau, dass das alles keine Selbstläufer sind, die einmal da für immer bleiben. Die Früchte des Geistes wollen kultiviert, gedüngt und gepflegt werden, von Unkraut und Ungeziefer befreit, immer und immer wieder. Nach und immer noch in all diesem Pandemiegedönse ist das die Essenz, die bleibt, wenn alles andere weggedunstet ist. Wie wollen wir miteinander leben, wie miteinander umgehen, was soll uns gemeinsam durchs Leben tragen, was stützt und hält, wenn alles Andere bröckelt? Die Früchte des Geistes sind die Antwort, immer und immer wieder, seit Menschengedenken.

Am Sonntag ist Pfingsten. Ich liebe Pfingsten, denn es ist ja das entspannteste Fest, dass du dir nur vorstellen kannst. Keine Präsente, keine Geschenke, die gekauft, verpackt und verschickt werden müssen, die Pfingstrosen blühen, es gibt wohl kaum etwas prächtigeres, und zur Not stellst du einfach eine Schale Erdbeeren auf den Tisch und alle sind glücklich. Und wenn du gar kein religiöser Mensch bist, wenn du haderst und zweifelst oder immer noch auf der Suche bist, dann kannst du trotzdem Pfingsten feiern. Vielleicht feierst du dann nicht den himmlischen Beistand, den Gott seinen Menschenkindern schenkte, wohl wissend, wie dringend sie ihn durch alle Zeiten nötig haben würden. Aber die Gaben dieses Beistandes, den Geist der Liebe, der Fürsorge, des Verständnisses und der Geduld, des Friedens und der Treue, die kannst du feiern, mit Erdbeereis und Sahne und einem Kuss für deine Liebsten. Ehrlich gesagt, fällt mir definitiv kein anderer Weg ein, wie wir sonst gut miteinander leben sollten als uns immer wieder um diese Gaben zu bemühen und sie immer wieder neu auszusäen, zu pflegen und zu bewahren.

Neulich erzählte eines der Kinder beim Essen von einem Klassenkameraden, der die eigene Mutter mit ziemlich heftigen Worten attackiert hatte. Der Nachwuchs im Hause 7geisslein war sich sofort einig, dass man sich so etwas niemals trauen würde, was ja einerseits sehr nett, andererseits aber auch ein sehr zweifelhaftes Kompliment ist. Also fragte ich, warum, ich meine, ich bin doch schließlich ein ausgesprochen netter Mensch, selten bedrohlich und nur hin und wieder…? „Du würdest gar nichts sagen, du guckst dann nur so und das reicht schon!“. Oh Gott, ich bin das Schaf in diesem Haus. Ein indigniertes Schaf. Na gut, hin und wieder braucht es das indignierte Schafsgesicht, machen wir uns nichts vor. Es ist wirkungsvoll und effektiv. Sehr viel lieber möchte ich aber die Blumen des Geistes mit vollen Händen verschenken und sie nicht mit missmutigem Gesicht auffressen, gerade an einem Morgen wie diesem, in einer Woche, wie dieser. Vielleicht erinnere ich mich jetzt immer daran, wenn mein Blick auf das hübsche neue Bild fällt. Im Übrigen hat das indignierte Schaf einen fröhlichen Bruder, den „staunenden Hasen“, ein wunderbares Gemälde meiner Tochter. Der hängt, hübsch gerahmt, über der Kommode neben dem Esstisch. Der darf bleiben. Fröhlichkeit und Staunen ergänzen die Früchte des Geistes auf das Allerfeinste. Ich wünsche sie dir alle im Übermaß.

Ein Gedanke zu “Das indignierte Schaf und die guten Gaben

  1. Liebe SAndra!
    Ach, wie ich deine Einträge genießen!!!! DANKE. DANKE . DANKE.
    (und den Schafsblick hab ich auch ganz prima drauf. Wirkt aber meistens nicht so gut… blöd wenn das Kind dann einfach wegschaut). Segensgrüße und ganz viel Kraft von oben (die kommt ja bekanntlich an den Pfingsttagen zu denen, die so sehnsuchtvoll danach Ausschau halten), sie umarmt! Christina (und euer Hund!!! Euer Hund ist so herrlich! Und ich bin doch dankbar, dass wir keinen haben:-)

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