Ferien. Eigentlich sollte ich dir jetzt von einem netten Urlaub in Sachsen erzählen können, von Wanderungen durch wilde Wälder mit verrückten Steingebilden und wie wir den Kindern unvergessliche Kultureindrücke in Dresden schenkten um sicher zustellen, dass sie und wir geistig nicht völlig verwahrlosen. Ja, ja. Das wäre bestimmt schön gewesen und in gewisser Weise auch nötig. Nun, leider sind die Zahlen eine gute Woche zu spät nach unten gegangen. Vielleicht kann ich dir ein anderes Mal von so einem Urlaub erzählen, heute jedenfalls nicht.

Ferien sind trotzdem und sie waren und sind mit und ohne Urlaubsreise dringend nötig, aus den bekannten Gründen. Wenn du nicht weg kannst, musst du dich mit dem beschäftigen, was vor deinen Füßen liegt. Alte und neue Ausflugsziele in der weiteren Umgebung entdecken, Freunde besuchen, so tun, als wäre die eigene Stadt eine fremde und etwas Geld in ein neues Kartenspiel und ein paar Bücher investieren. Die erste Ferienwoche verging fast wie im Flug, der Nachwuchs fühlt sich bis hierher ausgezeichnet unterhalten und klagt nicht wegen der ausgefallenen Reise. Ich fühle mich auch ausgezeichnet unterhalten und spüre doch die Müdigkeit in allen Knochen, es ist die Müdigkeit von 14 langen Monaten.

Nachdem ich nun eine Woche lang die Reiseleitung durchs eigene Bundesland übernommen hatte, verkündete ich am Sonntag, dass ich nun einen Tag lang nichts zu tun gedachte. Ich hatte gleich morgens um sechs damit angefangen. Mich wecken zwar keine Kleinkinder mehr zur nachtschlafender Zeit, aber dem Hundemädchen wird irgendwann langweilig und ich möchte doch die Reste unserer Einrichtung erhalten wissen. Bis zum Frühstück hatte ich also schon fast drei Stunden lang nichts getan, außer Nachrichten zu lesen, den Hund zu füttern, Kaffee zu kochen und den Tisch zu decken. Mit frisch gewaschenen Haaren war ich startklar zum weiteren faul sein, denn schließlich hatte ich es bitter nötig. Während also die Kinder freundlicherweise den Frühstückstisch abräumten, überlegte ich, wie mein Nichtstun, mein Ausruhen, meine Zuständigkeitspause jetzt aussehen könnte. „Wenn ich nichts tun will, dann laufe ich erst eine Weile umher, von hier nach da und seufze laut. „,riet meine Tochter. „Dann lässt du dich irgendwo fallen und schaust eine Weile vor dich hin, klappt immer!“. „Zeitung lesen ist am besten!“, wusste der Gatte und verzog sich umgehend mit dem Politikteil der Sonntagszeitung aufs Sofa. „Um was geht es gerade?“, fragte ein Menschenkind, das bis hierher nur körperlich anwesend und ansonsten noch im Träumeland gewesen war. „Die Mama. Sie will nichts tun und weiß nicht wie.“ „Ach so. Du könntest mit mir Karten spielen!“, beeilte sich das Träumerle mir zu helfen. „Lies ein Buch!“, schlug der Teeniejunge vor. „Das sagst du mir doch auch immer.“ Hmm. Ich wählte erstmal eine Kombination aus Seufzen, Sofa und Sonntagszeitung. Der Gesellschaftsteil selbstredend, ich wollte mir ja nicht direkt die Laune verderben. Ich las ein langes Interview mit Cornelia Funke und zwei weitere Artikel mit Interesse. Dann bekam ich Kopfschmerzen und ein nervöses Kribbeln. Also ab in den Garten mit Stiften und Notizbuch. Danach verlagerte ich meinen faulen Hintern aufs Bänkchen mit einigen Runden mindless knitting und Sonne im Gesicht. Machte schnell einen Pizzateig und lernte das neue Kartenspiel. Ging alleine eine große Runde mit dem Hund und rollte schließlich die Yogamatte aus. Alles sehr schön. Ich war mir dankbar. Ein bisschen war ich aber auch erleichtert, als der Tag voller Nichtstun vorüber war.

Es ist jetzt nicht so, als würde ich mich für unersetzlich und so wahnsinnig bedeutsam halten, dass ein Tag voller Nichtstun den Weltenlauf beeinträchtigen würde. Die wenigsten von uns operieren ja täglich am offenen Herzen oder retten Menschenleben im Sekundentakt. Dem Dreck ist es eh egal, der liegt und wartet geduldig bis man sich irgendwann Zeit nimmt und sei es am St Nimmerleinstag. Familienmitglieder sind vielleicht sogar erleichtert, wenn sie ausnahmsweise mal nicht behelligt werden, erstaunlicherweise verhungert auch keiner, selbst wenn der Weg zum Kühlschrank nicht eigens ausgeschildert wurde. Und doch fällt es mir schwer mich für eine Zeit nicht verantwortlich, zuständig und beschäftigt zu fühlen. Wenn du nicht weg kannst, musst du dich mit dem beschäftigen, was vor deinen Füßen liegt. Oder auf deinem Herzen oder in den hinteren Winkeln deines Geistes. Das kann spannend und unterhaltsam sein, wie die unbekannten Ausflugsziele in deiner nächsten Umgebung. Es kann dir neue Perspektiven auf Altvertrautes eröffnen und manche Gedanken hast du vielleicht schon oft gedacht und besuchst sie, wie alte Freunde. Es kann aber auch ein wenig beängstigend sein, herausfordernd und verunsichernd. Wenn du ohne Stöpsel in den Ohren eine lange Runde läufst, wenn du ganz still sitzt und einfach vor dich hinstrickst, dann blubbert langsam nach oben, was vorher nicht zu spüren, zu sehen, zu hören war.

Das Innen macht sich oft erst dann bemerkbar, wenn das Außen leise wird. Es erzählt von Veränderungswünschen und neuen Ideen, von Sehnsüchten und alten Ängsten. Das muss gar nichts dramatisches sein, nein, nein, aber vielleicht ist es etwas unbequem und verlangt nach einer besonderen Art der Bewegung, eine Bewegung, die anstrengend werden könnte, aber lohnend. Vielleicht offenbart das Nichtstun, dass es an der Zeit ist, etwas zu tun, etwas Neues zu denken, eine Veränderung zuzulassen, einen neuen Lebensabschnitt zu umarmen. Vielleicht legt das Nichtstun den Finger in alte Wunden, die heilen sollen, auf alte Ideen, die fertig gedacht werden wollen. Du bist nicht faul, wenn du nichts tust, ganz im Gegenteil. Es ist viel einfacher beständig in Bewegung zu sein als innezuhalten und dem eigenen Herzen zuzuhören.

Ich habe mir selbst eine Weile zugehört und Spannendes erfahren, habe zwei, drei Sachen herausgefischt, die an die Oberfläche blubberten, um sie bei Tageslicht und im trockenen Leben zu betrachten. Wann hast du denn das letzte mal nichts getan, für einen Tag oder zwei? Wann hast du dir wirklich, richtig zugehört, dem was auf deinem Herzen liegt und in den hinteren Winkeln deines Geistes, kurz nach „ich bin müde“ und „ich hab es gerade aber wirklich schwer“ hinten links? Es mag nicht unbedingt bequem sein, aber du entdeckst bestimmt etwas Neues, etwas Unbekanntes im Altvertrauten, eine neue Facette, etwas, was dich näher zu dir selbst bringt. Du musst dafür nicht eine Woche im Kloster schweigen oder den Jakobsweg laufen, ein paar Stunden im Garten oder wo auch immer du froh sein kannst, reichen völlig aus.

Hier sind immer noch Ferien und sie sind immer noch nötig. Danach suchen wir uns dann einen Weg zurück in die wackelige Normalität und hoffen, dass sie diesmal hält, was sie verspricht. Bis dahin hab es fein und bleib behütet.

3 Gedanken zu “Sie tut nichts

  1. ….oho da sehe ich doch eine traumschleife…welche ist das denn?….wir sind hier im wanderfieber und haben schon einiges an traumschleifen durch….
    lg
    annette

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      1. …sag bloss die ehrbachklamm?…wir wollten die gestern laufen, war aber so überfüllt, dass wir im nachbarort die traumschleife hasenkammer gelaufen sind…..auch sehr schön….wir habne es hier doch einfach herrlich….
        herzlichst
        annette

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