Morgen ist Geburtstag. Schon wieder. Dieses Mal ist es mein eigener und seit Jahren wird es der erste sein, den ich nicht im Sommerurlaub, gewöhnlich ein Tag nach Anreise oder auch ein Tag vor Abreise, verbringe. Neulich unterhielt ich mich mit einer Freundin über das Geburtstagfeiern und warum es so schrecklich schwierig ist, sich selbst zu feiern oder auch feiern zu lassen, während es doch überhaupt kein Problem darstellt, andere frohen Herzens zu feiern, direkt unangenehm fühlt es sich an. Falls du zu denen gehörst, die sich jedes Jahr mit Freuden hochleben lassen, dann gratuliere ich dir sehr herzlich und zwar nicht nur zum Geburtstag. Du hast schon ziemlich viel ziemlich gut begriffen. Aber vielleicht gehörst du wie ich zu denen, die die alljährliche Herausforderung immer neu durchdenken müssen oder sie sogar weitestgehend ignorieren, weil es einfach kompliziert ist. Die Freundin meinte, man müsse das Feiern und das Sich- Feiern-lassen lernen, denn es sei eine Lektion, die auch für alle anderen Tage im Jahr Gültigkeit habe. Die Lektion beinhaltet die Unterkapitel „Wie schön, dass ich da bin“, „Danke für mein Leben, ich kann es gar nicht genug feiern“ und „Ich bin es wert“. Außerdem streift sie in Teilen die weit aus anspruchsvollere Lektion „Ich bin genug“. Sie ist eine sehr kluge Frau, meine liebe Freundin und ich zwar eine langsam aber doch immer willig Lernende.

Morgen ist also Geburtstag und ich werde halbrunde 45, womit ich spannenderweise überhaupt keine Schwierigkeiten habe. Ich bin tatsächlich sehr froh, dass ich nicht nochmal wackelige 16 sein muss oder furchteinflößende 21, gestrandet in einer fremden Stadt. 45 ist ein wenig so, als würde man schon eine ganze lange Weile im eigenen Zuhause wohnen. Du hast dich nett eingerichtet und weißt, wie alles funktioniert. Gut, da sind die üblichen Kruschtecken und ein paar Schranktüren, die du besser nicht leichtfertig öffnest, außer du hast viel Zeit zum Sortieren. Aber im Großen und Ganzen ist es ein schönes Daheim mit den üblichen Gebrauchsspuren. Du weißt, was dir gefällt und was besser draußen bleibt. Was nötig ist, damit du dich wohlfühlst und wann du welchen schnellen Trends besser milde lächelnd hinterherwinkst, während sie an dir vorbeigaloppieren. Du hast schon richtig viel gewuppt und bist oft genug auf die Nase gefallen, so dass du längstens weißt, wie man Narben mit Würde trägt. Du lebst in Räumen, deren Wände Geschichten erzählen, von bestandenen Abenteuern und grandiosen Niederlagen, vom Geschenk des Lebens und dem ein oder anderen Irrtum. Da stehen ein paar richtig kitschige Vasen in der Ecke, um deren unermesslichen Wert du alleine weißt und die du nicht missen möchtest. Ein einzigartiges Zuhause, dein Leben, dein Geschenk- von Gott selbst überreicht und du hast begriffen, wie wertvoll es ist.

Hin und wieder musst du eine kleine Bestandsaufnahme machen, dein Zuhause ausmisten und schauen, was du gerne behalten würdest und was getrost auf den Sperrmüll kann. Das kannst du an Silvester machen, im Urlaub oder an einem gewöhnlichen Donnerstag. Oder eben rund um deinen Geburtstag, wenn es sich ergibt. Dann schaust du dich um und überlegst, wie du es dir noch netter machen kannst, und zwar ohne gleich die Abrissbirne auszupacken oder dich von Selbstoptimierungsphantasien in die Ecke drängeln zu lassen.

Ich habe ein wenig ausgemistet und ganz Erstaunliches entdeckt. Dieser lebenslange Vorrat an Selbstzweifeln, der darf gerne weg. Wenn ich ein paar Körbe davon rausschmeiße bleiben immer noch mehr als genug übrig, um mich nicht größenwahnsinnig werden zu lassen. Gleich daneben stelle ich einige Kisten von der alten Angst, nicht genug zu sein. Die gedeiht wie Unkraut und wächst von alleine nach. Wenn du sie nicht immer wieder zurückschneidest, dann wuchert sie irgendwann alles zu und nimmt dir die Luft zum Atmen. Die alberne Idee eine andere, bessere, witzigere, klügere, schönere und mutigere Version meiner Selbst werden zu wollen, habe ich tatsächlich schon vor längerer Zeit aufgegeben. Das ist nämlich ein ausgesprochen mühseliges und kräftezehrendes Unterfangen ohne jede Aussicht auf Erfolg. Ich bin und bleibe die, die ich bin, aus einer Doppelhaushälfte machst du kein 24- Zimmer-Villa, aber jetzt mal ehrlich, wer braucht wirklich 24 Zimmer und wer soll die alle putzen?

Vieles von dem, was ich in den letzten Jahren lernen durfte, kann gerne bleiben, ich wedele mit dem Staubtuch drüber und freue mich daran. Das Wissen um das, was ich gut kann, was mich froh macht und wofür das eigene Herz brennt. Die Fähigkeit sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen, so schnell ist mir nichts peinlich und ich stehe zu meinen Schwächen. Natürlich heule ich zu schnell, natürlich kann ich schlecht rechnen, selbstverständlich habe ich einen Hang zur Dramaqueen, weißt du was- das macht mir nix. Ich will freundlich bleiben und vom Besten im anderen Menschen ausgehen und zwar immer, auch wenn andere das für weltfremd, naiv und gutgläubig halten. Die Neugier darf weiter hier wohnen, auf Menschen und ihre Geschichten, auf die kleinen und großen Überraschungen hinter jeder Wegbiegung sind sie zu finden. Die Dankbarkeit, dieses Heilkraut unter den Gefühlen ist längstens umgezogen, vom Dachkämmerchen in die großen Wohnräume des Herzens, da wächst und gedeiht sie und macht mir das Leben leichter. Zu wissen, dass ich mich nicht erneuern muss, dafür aber einfach immer weiter wachsen darf, fällt fast schon in die Kategorie Lebensweisheit, genau wie die Erkenntnis, dass ich eh nie fertig sein werde.

Natürlich wäre da auch noch ein wenig Raum für Neues und manches darf gerne noch kommen. Wenn du irgendwo ein paar Dosen Geduld siehst, dann immer her damit. Und Gnade. Gnade kann man einfach nicht genug haben, mit sich selbst, aber vor allem auch mit den anderen. Den Frieden will ich immer wieder suchen gehen. Frieden mit vergangenen Tagen und alten Fehlern, mit dem, was nicht sein konnte und denen, die es auch nicht besser wussten. Den Frieden, der versöhnt und versteht, dass auch die anderen immer ein bisschen Recht haben.

Morgen ist Geburtstag und ich werde ihn feiern. Weil man das Leben in all seiner Fülle gar nicht genug feiern kann. Weil es ein großes Geschenk ist auf der Welt zu sein und diese verrückte Lebensreise zu machen. Weil ich gerne Kuchen esse. Weil ich gerne in meinem Leben daheim bin, zusammen mit denen, die mir unfassbarerweise ans Herzgelegt wurden.

Jetzt mal ehrlich, was war denn das für ein halbes Jahr??!! Über fehlende Herausforderungen können wir uns ja wohl nicht beklagen. Höchste Zeit für eine Sommerpause! Ich verabschiede mich hier für acht Wochen, um all das zu tun, was man im Sommer immer dringend und unbedingt tun sollte. Eis essen und lesen, das Meer suchen und Ideen sammeln, mit den Kindern Canasta spielen und alte Freunde besuchen. Dann treffen wir uns wieder und haben uns viel zu erzählen. Bis dahin bleib behütet und lass es dir gutgehen!

7 Gedanken zu “Kann weg, darf bleiben, soll kommen

  1. Danke für die tiefgründigen Worte! Das tat jetzt gut, ich darf gegen Ende des Jahres ein halbes Jahrhundert feiern (so Gott will) und Du gibst mir den Anstoß mich unter den drei Stichworten der Überschrift vorzubereiten:) Hab einen wunderbaren Geburtstag, möge Gott Dich und Eure Familie segnen und Euch einen bunten Sommer schenken!
    Birgit

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  2. Das sind so wundervolle Zeilen und ich finde mich darin wieder, auch wenn ich die 45 schon 12mal überholt habe. Ich wünsche dir alles Liebe zum Geburtstag und einen wundervollen schönen Sommer.
    Liebe Grüße von der Petra

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    1. Zum gesunden Leben gehört auch eine ordentliche Mengen an Wohlgefühl, das stärkt die Seele und die Körperkraft, gesund zu bleiben. Ich wünsche Dir eine fröhliche Geburtstagsfeier mit Menschen, die von sich aus sehen, wie sie Dir „unter die Arme greifen können“
      Leb wohl , Johann

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  3. Herzlichen Glückwunsch!
    Einen wunderschönen Geburtstag für dich, lass dich feiern! Vielen Dank für deine schönen Worte, fühl dich aus der Ferne gedrückt! Liebe Grüße Luci

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  4. Liebe Sandra! Jetzt bin ich einen Tag zu spät und trotzdem noch: ALLES GUTE für dein neues Lebensjahr! Ich hoffe – und gehe nach diesem wunderbaren Text mal davon aus – du hast dich schwer feiern lassen, du tolle Frau! Deine Worte sind mal wieder so weise und kommen so leicht und umarmend daher…DANKE! Jedes Mal denke ich: Ach, würde dieser Text nur in einem Buch stehen, zu dem ich Abends greifen kann, um diese Trostworte immer wieder vor dem Einschlafen zu lesen.
    Ich wünsche dir und deinen lieben einen guten und erholsamen Sommer! Grüß das Meer !!!
    Christina

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