In meinem Mund der Geschmack von Haferbrei mit geriebenem Apfel und Zimt, Kaffeegeruch in der Luft, gemischt mit dem Duft gammeliger Turnschuhe zum Leben erweckt nach sechs Wochen freudlosem Turnbeutelexil und ohrenbetäubende Stille im Haus- der Alltag hat uns wieder, die Sommerpause ist vorbei, der September mit all seinen Herrlichkeiten steht schon in den Startlöchern. So ganz habe ich diesen Umstand noch nicht begriffen, denn vor zwei Tagen war in meinem Mund noch der Geschmack von Baguette mit Crevetten und in der Luft eine Mischung aus Meer, Kuhdung und morgenfeuchten Wäldern. Ich fürchte, dass entscheidende Teile meines Gehirns noch verloren auf irgendeinem bretonischen Felsvorsprung sitzen und sehnsüchtig in die Wellen starren. Dem Hundemädchen geht es ähnlich. Sie liegt tief beleidigt in der Ecke und sehnt sich nach unendlichen Wiesen, einem Garten in der Größe einer Kuhweide und ihren Spielgefährten Peps und Noisette, einem stolzen Husky und einem eigenwilligen Zwergpony. Unpässlich ist sie außerdem, Hundeblicke können überraschend anklagend sein. Aber wir sind wieder da, hurra!, und ein wenig mischt sich der wunderbare Duft von Spätsommer und Neuanfang, eselsohrfreien Heften und die Weite der neuen Möglichkeiten in den Käsefuß- ups,- ich- hatte- die- Brotdose- im- hinteren- Fach- vergessen-Geruch. Es gibt ja kaum etwas schöneres als das alljährliche Spätsommersilvester mit all seinen guten Vorsätzen und Plänen und frischgespitzten Buntstiften.

Der Sommer servierte mir meine persönlichen Schlagwörter direkt am ersten Wochenende. Eines davon hieß „Loslassen“, das andere „Rastplatz“. „Loslassen“ hat ja ungefähr so viel Charme wie Kartoffelbrei, man bekommt es in schöner Regelmäßigkeit auf den Teller geknallt und dann sieh zu, wie du klar kommst. Du hast dreitausend eigene Loslass-themen und kennst dich bestens aus, also will ich dich gar nicht weiter mit meinen behelligen. Ich schickte tapfer meinen großen Jungen für zwei Wochen in die schwedischen Wälder zum Floßbauen, ohne Handy und ohne Flaschenpost, sprich-ich löffelte meinen Kartoffelbrei, das war`s. Vielleicht waren wir beide hinterher ein Stückchen gewachsen.

Ich erzähle dir lieber ein bisschen vom „Rastplatz“. An eben diesem Wochenende durften wir nämlich Rastplatz für die wunderbare Sonja Sorbara mit ihrer Familie sein. Die reisten von Zürich nach Schweden und samstags Morgen um 10.00 Uhr konnte ich ihr um den Hals fallen. Wir haben uns bisher erst einmal gesehen und auch das ist schon einige Jahre her, aber ach, manchmal reicht eine Begegnung völlig aus, um Freundschaft zu schließen. Wenn du so eine lange Reise machst, dann brauchst du Pausen und die verbringst du doch viel lieber auf einer Terrasse mit Kaffee und einer ordentlichen Toilette als neben der Autobahn ohne passendes Münzgeld für das elende Klodrehkreuz. Meine Kinder zogen derweil mit den Schweizer Kindern zum Bolzplatz und spielen seither etwas, dass sie das „Schweizer Spiel“ nennen und was wohl irgendeine Form von Fußball ist. Zwei Stunden später fuhren die Züricher weiter gen Norden und hinterließen frohe Gesichter und Schweizer Schokolade, was willst du mehr? Kurz, knackig, wunderbar.

Einige Wochen später reisten die 7geisslein in aller unchristlicher Frühe in die Bretagne und, liebe Güte, das ist weit. Wo Pause machen? Ein alter Schulfreund des gatten lebt mit seiner Familie in Paris und hatte umgehend und ungefragt angeboten, sein Haus als Rastplatz zu öffnen. Ach, dachte ich. Schön wäre es schon. Und ausgesprochen freundlich außerdem. Aber soll man wirklich samstags früh um acht zu siebt nebst Hund bei den Menschen einfallen? Ist das nicht zu unverschämt, aufdringlich und belastend? Der Schulfreund wiederholte die Einladung und wir nahmen sie an. Kurz nach acht quoll die ganze Bande aus dem Busje in das pariser Häuschen und wurde herzlich willkommen geheißen. Auf dem Rückweg ins Auto zwei Stunden später flüsterte eines der Kinder verzückt in mein Ohr: „Ich dachte wir bekommen da was zu Essen und ein Klo, ich dachte nicht, dass wir so fürstlich bewirtet werden!“ Er hatte recht, mit dem ersten Bissen in buttrige Pain au chocolat und frisch geschnittene Melone, mit warmer Milch im Bauch und Spielen im Garten, hatte der Urlaub schlagartig begonnen. Satt, ausgeruht und glücklich setzten wir die Reise fort. Wir hatten alte Freunde für zwei Stunden gesehen, ihre Gastfreundschaft genossen und schwups, waren wir schon wieder weg.

Wir fanden unseren Rastplatz am „Ende der Welt“, dem finisterre in der Bretagne und blieben drei ganze Wochen. Wieder einmal hatten wir unverschämtes Glück mit dem gewählten Ferienhaus und der ganzen Landschaft drumherum. Es gab Saft und Cidre und Kuchen zur Begrüßung, damit bekommst du mich ja direkt. Das „Loslassen“ kam um die Ecke und flüsterte „Üb mich!“ und ich übte. Wir liefen und liefen über endlose Wiesen und Felder, durch verwunschene Wälder und an endlosen Küsten entlang. Es gab genug Kühe und es gab genug Essen. ich kam kaum zum lesen, weil ich am Abend umgehend in Tiefschlaf fiel, was sehr irritierend ist für jemanden, der seit Jahren an Schlaflosigkeit leidet. Ich las wenig, aber ich spielte Tischtennis, Federball und irgendwas mit Holzstäben und ließ mir von den Kindern beibringen, wie man am besten in die Brandung hüpft und wo die kleinen Feen unter den Baumwurzeln wohnen. Der Gatte tanzte am Abend auf der Terrasse mit seiner Frau und seinen Töchtern zu französischen Schmachtfetzten. Wir hatten es schön. Und doch schmerzte mich der Schmerz der Welt zutiefst. Der Schmerz der Welt und die eigene Ohnmacht. Kaum 200 km von unserem Wohnort entfernt hatten sich auch Kinder auf die dringend notwendigen Sommerferien gefreut und alles verloren. Die Nachrichten aus allen Teilen der Erde türmten sich wie düstere Wolken am Horizont und beklommen fragte ich mich, wieso in aller Welt dürfen wir hier sein und es schön haben?

Ich weiß, dass dieses Dilemma mit vielen Menschen in den Sommerurlaub gereist ist und natürlich kann ich es nicht auflösen. Ich kam zu dem Schluss, zu dem ich in diesem Fall immer und immer wieder komme. Ich kann das Grauen der großen Welt nicht tragen, aber ich kann in meiner kleinen Welt mein Bestes geben. Ich kann beten und auf das Gute vertrauen. Ich kann dem Hässlichen die Schönheit entgegenhalten, dem Hass, der Bitterkeit, dem Zynismus und der Häme mit ausdauernder Freundlichkeit begegnen. Ich kann und ich will ein Rastplatz sein, für die Menschen, die mir im Leben begegnen. Ich will mein Herz und meine Tür öffnen und einen Kaffee einschenken. Und wenn ich müde bin und eine Pause brauche, dann will ich die Einladung zum Rasten annehmen, weil wir Menschen einander nun mal brauchen, weil das nicht lästig sondern klug ist, weil wir einander reich machen können und weil all diese kleinen Lichter der Freundlichkeit, Güte und Freundschaft das Dunkel hell, zumindest aber heller machen. Lass uns das machen, ja? Lass uns Rastplätze sein.

So, genug gequatscht. Neben dem Riesenhaufen Dankbarkeit, Madleines und Käse ist auch ein gigantischer Berg an Schmutzwäsche mit nach Hause gekommen. Ab jetzt findest du mich wieder regelmäßig in meinem kleinen Blockeckchen und darüber freue ich mich sehr. Komm gut in deine Zeit und vergiss das Rasten nicht, ich nehme es mir auch ganz fest vor.

7 Gedanken zu “Ein Rastplatz am Ende der Welt

  1. Du Liebe – du bist und ihr alle wart ein wunderbarer Rastplatz für uns. Nicht nur auf unserer Reise, sondern auch hier in deinem Blog-Eckchen und in Sprachnachrichten. Es war soo schön, dich wiederzusehen und einen Teil deiner wunderbaren Familie kennenzulernen!!

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  2. Ich danke dir von Herzen für diesen Beitrag. Du sprichst aus was mich momentan im Inneren bewegt. Kopfüber in der Dreckwäsche möchte ich noch gar nicht ankommen. Deine Sicht darauf hat mir heute sehr geholfen. DANKE!

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  3. Schon lange wollte ich einen Kommentar schreiben und mich für diesen Blog bedanken. Es tut jedes Mal so gut, die Worte zu lesen und ich freue mich sehr über jeden Artikel, der mir so oft aus der Seele spricht. Meine Mutter (61 Jahre) und ich (25 Jahre) sind große Fans und warten immer gespannt auf ein Lebenszeichen von der „Frau von den 7geisslein“. Danke für die Lebensfreude, der positive und bestärkende Blick auf Kinder und Jugendliche, die Lebensklugkeit und große Zuversicht, die aus den Zeilen spricht. Viele liebe Grüße, Franziska und Elfi

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