An einem der ersten gemütlichen Herbstabende, also direkt Anfang August kurz vor Aufbruch in den Sommerurlaub, bekam die ganze Familie schlagartig Reisefieber. Reisefieber äußerst sich bei allen gleichermaßen in nervöser Unruhe und Anfällen akuter Vorfreude. Aber es gibt auch diffuse Symptome, die bei den Einzelnen sehr unterschiedlich ausfallen können. Ich fange beispielsweise an hektisch Lesestoff zu horten. Stapel von Büchern für deren Transport man ein eigenen Kleinlaster anmieten müsste, ragen auf Tischen und Fensterbänken in die Höhe. Ich suche altmodische Reiseführer, Kinderbücher, Jugendbücher, Bücher zum Vorlesen, Bücher, die den Gatten unterhalten und natürlich Bücher, die mein Hirn und mein Herz drei Wochen satt machen sollen. Meine persönliche Horrorvorstellung besteht darin, dass irgendeiner im Urlaub ohne Buch dasteht. Außerdem brauche ich Wolle, denn schließlich müssen all die Bücher weich gepolstert und meine Finger beschäftigt werden, Papier und Stifte. Teenies mit Ahnung vom Internet leiden dagegen plötzlich unter Beklemmungen und düsteren Vorahnungen, was die Stabilität des w-lans irgendwo im Nirgendwo angeht (zu recht, zu recht, hihi). Also werden Playlists und Hörbücher ausdiskutiert, abgestimmt und nach endlosem Gezeter auf alle verfügbaren mobilen Endgeräte gespielt. Andere verlieren mit Beginn der Reisevorbereitungen schlagartig ihr Erinnerungsvermögen hinsichtlich des Verbleibs von Badesachen, Schwimmbrillen und der roten Regenjacke.

An diesem Abend besprachen wir, was uns sonst noch umtrieb. Drei Kinder sind potentielle Reisespeier, schon beim Gedanken wird ihnen übel. Mein kleiner Junge, den ich wohl nicht mehr lange so nennen darf, und mich verbindet die tiefe Abscheu vor Autofahrten, die länger als zehn Minuten dauern. Im Angesicht einer Reise von 15 Stunden werden uns bereits im vorhinein die Knie weich und wir gelobten uns gegenseitig geduldig, friedlich und tapfer zu bleiben (er hat länger durchgehalten als ich). Zu meinem großen Erstaunen waren sich alle Kinder bei einer Sache einig: die große Angst in der Nacht der Abfahrt vergessen zu werden. Die einen hatten diese Angst schon oft gehabt, mittlerweile aus Altersgründen abgelegt und konnten sich aber noch lebhaft daran erinnern. Die anderen begleitet dieses Sorge immer noch und lässt sie sicherheitshalber im Elternbett schlafen, man weiß ja nie und sicher ist sicher. Jetzt habe ich in meinem Leben ja schon einiges vergessen, Rücklaufzettel und Anmeldungen, Termine beim Kieferorthopäden und Bücher aus der Bibliothek, ich habe das sprichwörtliche Hirn, wie ein Sieb, aber noch nie, noch nie, habe ich eines der Kinder vergessen. Noch nicht mal beinahe und auch nicht aus Versehen, auch nicht für einen kurzen Moment. Ich wollte natürlich direkt tief beleidigt sein, denn sie werden ihren eventuellen Therapeuten dereinst viel zu berichten haben, aber dass ihre Mutter sie irgendwo…nein, das wirklich nicht. Dann fiel mir aber ein, dass ich als Kind exakt genau die gleiche Angst hatte. Die Angst, dass alle mitten in der Nacht ins Auto steigen und mich in meinem Bett einfach vergessen. Sie würden Thermoskannen und Kühltaschen noch schnell einladen, aber das Kind im Bett würde weiterschlafen, unbemerkt als wäre es gar nicht vorhanden.

Ich weiß ja nicht, wie es bei dir ist, aber es scheint ganz so, als sein die Angst vergessen zu werden eine der menschlichen Urängste, tief eingegraben in unsere Seelen. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Angst zu kurz zu kommen, die ist ja auch weit verbreitet. Die Sorge vergessen zu werden ist irgendwo eine Etage tiefer angesiedelt. Je älter du wirst, desto besser hast du sie im Griff, weil du der Situation nicht mehr so ausgeliefert bist. Du hast das Steuer und den Autoschlüssel vermeintlich selbst in der Hand, stellst den Wecker, rufst zum Aufbruch, wenn es dir richtig erscheint. Zumindest wenn es darum geht, in den Urlaub zu fahren, hast du also nichts zu befürchten. Aber in anderen Situationen ist es schon deutlich schwieriger. Denk doch nur, wie sich Lebensplanung anfühlt, Wünsche, Sehnsüchte oder ein normaler Dienstag, da kannst du viel planen, organisieren und bestimmen- und gegen halb drei schlägt das Leben mir nichts dir nichts einen Haken und läuft plötzlich linksherum und nicht länger geradeaus. Ich finde die Vorstellung von Ausgeliefertsein und Kontrollverlust auch ziemlich furchteinflößend. Der Weltenlauf und die eigene Reise durch die Tage der Zeit führen uns immer und immer wieder grinsend vor Augen, was wir durch keine Versicherung, keine Funktionskleidung und keine Kontrolle der Welt in den Griff bekommen können: das Leben ist wild und unberechenbar, es schlägt seine Kapriolen und nimmt dich mit auf die bunte Reise mit all ihren Höhen und Tiefen. Da kann man schon mal Angst bekommen, dass man vergessen wird, nicht mehr mitkommt und am Morgen in einem leeren Haus aufwacht, wer will es uns denn verdenken.

Dieses wilde wunderbare Leben verlangt unser volles Vertrauen, dass es immer irgendwie weiter, irgendwie gut werden wird, auch wenn wir nicht alles und jeden selbst steuern können. Wenn du dieses Vertrauen nicht wagst, dann liegst du tatsächlich wie ein Kind in deinem Bett und versuchst verzweifelt nicht einzuschlafen, wirst immer angestrengter und dein Kampf immer mühsamer. Es ist der große Vertrauenssprung eines jeden glaubenden Menschen, der auf das leise Flüstern des Himmels horcht, das flüstert: „Bist du verrückt, ich vergesse dich doch nicht! Wie könnte ich denn, ich kann doch nicht ohne dich sein. Ich lasse dich nicht allein, das habe ich dir versprochen. Schlaf ein und vertraue mir!“ Ich verstehe die Angst meiner Kinder vergessen zu werden, denn es die Angst die einen jeden Menschen überkommen kann, der merkt, dass das Leben nicht nach einer Packliste verläuft. Es ist eine Urangst die einer Urerkenntnis entspringt: immer und immer wieder kommst du an einen Punkt, an dem du loslassen und vertrauen musst, dass alles seinen richtigen Gang nehmen wird.

In der Nacht der Abreise rückten wir ein bisschen enger zusammen, denn es sollte sich keiner fürchten müssen. Ich habe die Thermoskanne in der Küche stehenlassen, aber kein Kind vergessen, natürlich nicht. Vielleicht geht es dir wie mir und du hast ein wenig Angst, was Herbst und Winter für uns bereithalten werden. Vielleicht hast du Pläne, Wünsche und Ideen und weißt nicht, welchen Weg das alles nehmen wird und ob überhaupt etwas daraus wird. Vielleicht hättest du die Dinge, die Menschen und den Dienstagnachmittag gerne ein bisschen sicherer im Griff. Wer weiß, was es bereithält, das wilde, wunderbare Leben? Aber eines ist sicher. Wir werden nicht vergessen im Dunkel der Nacht, da ist jemand, der uns sieht und sagt: „Rück ein Stückchen näher, ich vergesse dich nicht, auf gar keinen Fall!“

5 Gedanken zu “Vergiss mein nicht

  1. Liebe Sandra!
    Oh, wie treffend! Vielen Dank!
    Daran übe ich mich auch: Loslassen und Vertrauen – dass es gut wird, dass Gott den Überlblick hat – dass er meine Kinder im Blick hat – mich im Blick hat – und alles im Griff hat!

    Gefällt 1 Person

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