Ich leide unter Verstopfung. Nicht untenherum sondern oben herum und es war mir bislang gar nicht so klar. Neulich hörte ich aber einem Psychiater und Hirnforscher zu, der einiges über Verstopfung zu erzählen wusste und erkannte mich direkt wieder. Der nette Doktor lobte die Vorteile von digitalem Leben, die Chancen und Informationsmöglichkeiten, all das Vernetzen und Austauschen. Tatsächlich erleichtert und bereichert es ja das Leben ja wirklich ungemein. Konsumierst, informierst und vernetzt du zu viel digitale Inhalte, dann bekommst du Hirnverstopfung. All diese Informationen können hirntechnisch nämlich gar nicht so schnell verarbeitet und umgesetzt werden, wie sie uns um die Hirnwindungen fliegen. Es ist als würden immer neue Berge an Klamotten eintreffen, bevor du die anderen überhaupt wegsortiert hast und dann bilden sich verwirrende Stapel über die du stolperst, du hast einfach keinen Platz mehr und stopfst wild alles irgendwohin. Das Ergebnis ist nicht nur Verstopfung, sondern auch Gereiztheit, Überforderung und ein Berg unsortierter Kram, der dir die Sicht versperrt. Okay, das ist jetzt nicht unbedingt DIE bahnbrechende neue Erkenntnis und die Lösung ist auch ziemlich simpel- schalte deine Endgeräte täglich mehrmals für eine ganze lange Weile ab. Trotzdem muss man sich das regelmäßig und immer wieder wirklich bewusst machen. Konsumiere nicht wahllos. Gönne deinem Hirn Pausen und starre Löcher in den Himmel. Ich fürchte, hier gelten die selben Spielregeln, wie für Zimtschnecken und Schokolade. Leider lecker, aber von zu viel wird dir schlecht und du bekommst halt Verstopfung.

Ebenfalls neulich stolperte ich in eben diesen digitalen Medien nämlich über einen neuen Hashtag, der sich der 5 Uhr Club nennt. Beim fünften Stolpern wollte ich natürlich umgehend wissen, was es damit auf sich hat. Dahinter verbirgt sich der letzte Renner und die Idee, dass erfolgreiche Menschen um fünf Uhr morgens aufstehen und diese frühe Stunde, die man sonst leichtfertiger Weise im Bett verdödelt, mit Sinnvollem füllt. Sport gehört dazu, Meditation und Neues lernen, in dem man etwas Schlaues liest oder hört. Um sechs Uhr hast du dann schon Wesentliches geschafft und startest fröhlich in den Rest des Tages.

Mir wurde es ganz flau im Magen. Ich dachte an die Zeit, in der ich tatsächlich morgens um Fünf aufstand, um mit der Bahn an irgendeine Schule weit hinter Frankfurt zu fahren, und pünktlich zur Frühmesse parat zu stehen. Die Vormittage liefen noch gut, aber schon die Rückfahrten gestalteten sich schwieriger. Ich weiß nicht, wie oft ich versehentlich die Haltestelle verpasst habe, weil mir die Augen zu fielen. An langen Nachmittagen saß ich dann in einem schummrigen Seminarraum und einer der Professoren stellte mir vorsichtshalber schon immer einen Kaffee an meinen Platz, in der Hoffnung, dass ich seinen Ausführungen dann etwas konzentrierter folgen würde. Danach noch einige Unterrichtsvorbereitungen, Besinnungstage für die Mädchen planen, Schulseelsorgerin sein, schlaue Impulse verfassen und Fahrschule, um dem bahnfahrenden Elend ein Ende zu bereiten. Um elf Uhr am Abend fiel ich völlig erschöpft ins Bett und schaffte es gerade noch den Wecker zu stellen. Ich war wahnsinnig erfolgreich in diesen Jahren nach dem Studium. Ich schaffte das doppelte Pensum, konnte arbeiten und zeitgleich die passend Ausbildung machen, ich lernte, wie eine Verrückte und irgendwann konnte ich auch Auto fahren (hat zeittechnisch nicht viel genützt- todesmutig schlitterte die Fahranfängerin jeden Morgen in einem uralten Opel des damals noch nicht Gatten über die dreispurige A3, auch bei Schneesturm und Starkregen und versuchte einfach nur irgendwie lebend anzukommen). Ich war wahnsinnig erfolgreich und unfassbar müde. Ganz bang wurde mir jetzt also bei der Aussicht, nun wieder um fünf Uhr aus dem Bett und direkt in die Sportklamotten kriechen zu müssen.

Bis ich plötzlich die Erkenntnis hatte: Muss ich ja gar nicht! Das ist nichts weiter als ein Anfall digitaler Verstopfung! Ich darf weiter getrost bis um sechs im Bett rumgammeln und dann erst in meinen Tag starten. Gute Güte war ich erleichtert. Gut, wahrscheinlich werde ich nicht mehr so wahnsinnig erfolgreich sein, aber dafür bin ich dann leidlich gutgelaunt und schlafe am Abend nicht vor den Kindern ein. Für mich passt es so besser. Versteh mich nicht falsch, wenn du ein fröhlicher Fünfuhrstarter bist, dann herzlichen Glückwunsch! Aber mein Rhythmus sieht anders aus. Und ich darf so bleiben, wie ich bin, muss mich nicht beständig weiter optimieren und überfordern. Das ist nämlich genau das Problem mit der digitalen Verstopfung. Plötzlich denkst du, dass du keine Daseinsberechtigung mehr hast, wenn du nicht um fünf Uhr aufstehst, wenn du nicht eine bestimmte Pflegelinie benutzt, nicht dieses Routine lebst und jenen Pullover kaufst, wenigstens aber vegane Bolognese kochst und in Griechenland campst. Keiner verlangt das von dir, es sind nur deine Synapsen, die heiß laufen und einen kleinen overload bekommen. Du beschäftigst dich plötzlich mit Kram, der gar nicht zu dir gehört, der nicht zu dir passt und dich nur verunsichert. Dann werden aus Anregungen und Inspirationen Anstrengung und Druck. Womöglich hast du nicht ordentlich dekoriert, immer noch nicht gehullert oder, oder, oder…spätestens jetzt ist die Verstopfung perfekt. Spätestens jetzt ist es an der Zeit sich für eine Weile nur mit echten Menschen im echten Leben zu beschäftigen, mit deinen wirklichen Interessen, Plänen und kleinen Zielen. Mit dem, was dich wirklich ausmacht. Weißt du das noch? Was wirklich zu dir gehört, was dich froh macht und heiter, was echte Neugier weckt und wofür dein Herz schneller schlägt? Was treibt dich um und mit was möchtest du dich ernsthaft beschäftigen?

Kaum etwas heilt digitale Verstopfung so gründlich, wie das echte Leben. Der September macht es dir besonders leicht, weil kein Filter dieser Welt die Schönheit eines Spätsommermorgens einfangen kann. Den Duft von Pflaumenkuchen bringt dir kein reel ins Haus. Das echte Seufzen echter Kinder, die über ihren Heften ächzen und sich freuen, wenn du mal klopfst und es nett mit ihnen meinst. Ein Abend mit Freunden, die du anfassen kannst. Ein Kaffee in der Sonne. Dein Gesicht im Spiegel, ganz unretouchiert, mit Fältchen und diesen Augen, ja genau diesen, wunderschön, ganz ohne Optimierung. An Samstagen macht sich unser großer Junge nun auf in die Stadt, zur Tanzstunde, ganz analog, wie es schon Generationen über Generationen vor ihm getan haben (der Gatte ist ganz rührselig, das kannst du mir glauben, die hatten sogar noch seine alte Karte da, auch ganz analog) Nach all diesen langen Monaten feiere ich wirklich jeden noch so kleinen Krümel von echtem Leben außerhalb eines Bildschirmes. Jugendliche, die sich wieder treffen dürfen und üben, wie das so geht, mit dem sozialen Leben. Achtjährige, die über den Fußballplatz stürmen und sich ihres Lebens freuen. Kleine Mädchen, die die Köpfe zusammenstecken, wegen all der kleinen Geheimnisse und lustigen Ideen. Vollernter die rattern und Vogelschwärme, die sich sammeln. Ach, natürlich gäbe es da jede Menge Optimierungsbedarf an Körper, Seele und Geist. Ich könnte noch mehr lesen und schlanker werden und mehr kluge Sachen hören, mehr Bauchtraining betreiben, mehr dekorieren und trainieren, noch mehr kaufen und jede Sekunde des Tages nutzen und wenig Zeit mit Schlaf vergeuden. Aber dann litte ja mein ganzes Leben an Verstopfung und nicht nur mein Hirn.

Komm, wir setzen uns raus, für eine Teelänge oder so und lassen es gut sein.

3 Gedanken zu “Verstopfung

  1. Ein schöner Beitrag! Ich würde mich jetzt gerne Deinem Pflaumenkuchen widmen, mit einer Tasse Kaffee oder Tee in Deinem Garten. – Tja, wenn das so einfach wäre! 😂
    Zugegeben: Ich bin Frühaufsteher. Täglich zwischen 4 und 5 Uhr. Das ist schon ewig lange meine Aufstehzeit. Musste um 6 Uhr im Büro sein. Wenn ich später aufstehe, fühlt sich mein Tag kaputt an.
    Ich wünsche Dir eine angenehme Zeit. Liebe Grüße, Gisela

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  2. Danke 😃
    Danke für die Erinnerung daran, dass wir entspannen können und selbst entscheiden dürfen (und sollten!) was uns wichtig ist und unser Leben bereichert!! Und: dass wir oft Nein sagen sollten, weil es sonst zuviel wird 😅.
    Das tat jetzt gerade total gut 😃😍!!
    Liebe Grüße aus dem Ruhrgebiet,
    Debby 😃🙋🏼‍♀️👋🏻

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