Seit ein paar Tagen komme ich wahnsinnig gerne nach Hause. Das liegt natürlich daran, dass mich dort nur total gut gelaunte Menschen in schönster Ferienstimmung erwarten, ja doch, daran liegt es auch. Vor allem aber strahlt mich unsere irrsinnig schönen neuen Haustüre an, dunkelgrün ist sie, mit einem dicken, silbernen Knauf und total britisch. Seit dem Augenblick als mir der freundliche Handwerker drei niegelnagelneue Schlüssel in die Hand drückte und seine Arbeit damit für beendet erklärte, seit dem freue ich mich, wann immer ich vor oder hinter der Türe stehe, wenn sie mir im Vorrübergehen ins Auge fällt oder mit sattem Klang ins Schloss fällt.

Seit zwölf Jahren bewohnen wir jetzt unser Zuhause und es wird niemals fertig. In einem hellsichtigen Moment der Selbsterkenntnis war den zwölf Jahre jüngeren Ichs vom Gatten und mir schnell klar, dass wir keinesfalls zum „Häuslebauenden-Teil der Menschheit gehören sollten. Es war schon immer von Vorteil, hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten möglichst wenig Selbstbetuppung zu betreiben. Also kauften wir ein gebrauchtes Haus, machten so gut wir es vermochten ein Daheim daraus und zogen mit einem Zweijährigen an der Hand und dem Babymädchen auf dem Arm dort ein. Es ist uns ein wunderbares Zuhause, für das wir wirklich dankbar sind und das sich, genauso wenig fertig wie wir, immer weiter mit uns verändert.

Zu Beginn jeden Jahres nehmen der Gatte und ich die lange Liste der anzugehenden Hausprojekte zur Hand und überlegen, welche zwei wir in diesem Jahr angehen wollen, hmmja, oder eben müssen (jeder hat da ja so seine Prioritäten, aber manchmal teilt auch das Haus deutlich mit, wo es sich jetzt bitteschön in aller Dringlichkeit eine Veränderung wünscht). Dieses Jahr stand die Erneuerung eines Dachfensters an, inklusive so eines hübschen kleinen Rollladens, der nun verhindert, dass das Teeniemädchen im Sommer zu früh aufwachen oder zu sehr überhitzen muss. So ein Dachfenster ist erstaunlich teuer und dafür erstaunlich unsexy, man sieht es ja gar nicht. Und nun eben die Haustüre. Tapfer hing die alte Türe während der letzten Jahre in den Angeln, ach, aber sie war wirklich müde und morsch geworden, zuletzt konnte sie noch nicht mehr den kalten Windzug abwehren, kaum mehr als ein Feigenblatt, denn wirklicher Schutz vor Kälte und Fremden. Erst ahnst du, dass da langsam eine Veränderung her muss, dann weißt du es irgendwann ganz gewiss und schließlich musst du eine Entscheidung treffen, das ist bei Haustüren genauso, wie im echten Leben. Die Entscheidung muss her und du weißt, sie wird dich etwas kosten, du musst in die Gänge kommen, die Initiative ergreifen, die ersten Schritte gehen. Okay, wir brauchen eine Tür, wer soll sie einbauen, welches Modell, welche Farbe, welcher Türgriff? Man könnte doch wohl meinen, dass das ausreichend ist, mühselig genug ist es schließlich. Aber nein. Im Mai wählten wir die Haustüre aus, im Juni wurde sie bestellt und dann kehrte eine sehr lange Zeit der Stille ein. Anfangs dachte man nicht allzu viel darüber nach und wartete geduldig. Und wartete, und wartete. Mal freundlich nachhaken. Von Lieferschwierigkeiten hören und Engpässen. Daran denken, dass der Herbst kommt und mit ihm bald der Winter, dass das vielleicht alles nicht mehr hinhaut. Was, wenn es überhaupt keine Türen mehr gibt, wenn sie uns vergessen haben, man hört ja gar nichts, soll ich nochmal anrufen? Den Druck erhöhen, auf die, die eh nichts tun können, außer eben warten?

Und dann, aus dem Nichts heraus der erlösende Anruf: Haustüre gerade geliefert, morgen früh sind wir da und bauen sie ein! Hurra! Das Kamel ist durchs Nadelöhr und es war ein echt dickes.

Seit dem strahle ich unsere grüne Türe an. Sie ist nicht nur eine Haustüre, wenn auch eine irrsinnig schöne, wie ich finde. Für mich ist sie auch ein sehr persönliches Hoffnungszeichen. Gerade dieser Tage erst hatte ich eine ganze epische Sprachnachricht lang darüber gejammert, dass ich rein gar nichts geschafft habe, in den letzten acht Wochen. Nichts auf die Kette bekommen, so, wie ich wollte, keines der ambitionierten Ziele erreicht. Ich wollte die Abkürzung nehmen und nun fühlt sich alles nach endlosem Umweg an. Ich habe diese Lektion schon so oft gelernt, aber es scheint damit wie mit dem Bruchrechnen zu gehen. Ich muss es eben immer und immer wieder lernen, verstehen, begreifen und üben, nur, um es bei nächster Gelegenheit wieder zu vergessen. Und von vorne anzufangen. Es ist das Prinzip vom Säen und Ernten. Und von der langen Zeit dazwischen, die sich anfühlt, als geschähe rein gar nichts. Das ist der uralte Rhythmus des Lebens, dem letztlich alles unterliegt. Wir verfallen immer wieder dem Irrglauben, dass wir diesen Rhythmus, dem schon das Werden jedes menschlichen Lebens unterliegt, dass wir ihn austricksen, überholen und ausschalten könnten. Aber auf lange Sicht funktioniert das nie. Es ist wohl ein göttliches Prinzip und es schadet uns, wenn wir immer und immer wieder versuchen auszubrechen, die Abkürzung zu nehmen, den Druck erhöhen. Sie sind schwer zu treffen, die Entscheidungen für Veränderungen, Erneuerungen und neue Aussaat, egal wo. In deiner Familie, in deinen Beziehungen, in deinen Plänen, deinen Hoffnungen und deiner Berufung. Sie kosten uns Mut und Zeit und Geld und Einsatz. Und noch schwerer ist das Aushalten des vermeintlichen Stillstandes. Er macht uns Kummer, schleift uns, zermürbt und verlangsamt uns genau dann, wenn wir doch sprinten wollen. Im Frühling auf die Ernte des Herbstes zu hoffen, ist ein wunderbar verrückter Akt des Glaubens, der nichts weiter in den Händen hält, als winzig grüne Knospen Leben. Und doch sehe ich sie wieder den Hang hinauf steigen, mit Körben und Scheren, mit Traktoren und helfenden Händen. Und die Ernte einholen, genau zur rechten Zeit, noch zwei, drei Sonnenstrahlen einfangen und dann empfangen, worauf man so lange harren und hoffen musste. Hab Geduld mit dir und deinen Umständen., wenn du gerade nichts mehr tun kannst. Hab Geduld mit deinen Zweifeln und Ängsten und all den Fragezeichen. Vertraue auf den, der tief im Verborgenen die Veränderung schenkt und dir hilft zu werden, als wer du gedacht wurdest.

Ich sehe meine grüne Tür an und freue mich. In den letzten acht Wochen durfte auch viel werden, längst nicht alles ist sichtbar. Irgendwann wird er kommen, der Moment. Hurra! Dann ist das Kamel durchs Nadelöhr und es war ein echt dickes.

2 Gedanken zu “Durch eine grüne Tür

  1. Da seid Ihr doch noch gut mit dem Termin – ich habe meine Fenster für 4 Räume Ende April bestellt – und am 28. Oktober werden sie endlich eingebaut. – Bei so kalten Temperaturen wollte ich das eigentlich nicht machen lassen. – Meine Fenster sind nicht im Dach und nicht aus Holz – trotzdem irre teuer.
    Aber die Tür sieht wirklich traumhaft schön aus.

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