Na das waren ja mal düstere Aussichten gestern morgen. Pünktlich zum Schulbeginn legten sich Nebel und Eiseskälte über das rheinhessische Hügelland als solle auch der letzte Optimist begreifen, dass nun die schwierige Jahreszeit vor der Tür steht. Jaja, keine Bange, ich lieb ihn ja auch den Herbst. Ich liebe kalte frische Luft, buntes Laub und Lichtspiele in den Zweigen. Ich liebe Kürbisorange und Herbstanemonenpink, knackige Äpfel, gerade frisch geerntet, leuchtendes Dunkelhimmelblau und dramatische Sonnenaufgänge (irgendwann muss das Christkind ja Lebkuchen backen…). Ein paar letzte Rosenblüten leuchten tapfer ins eisige Blau, wie die letzten Gäste einer rauschenden Party, die einfach nicht nach Hause gehen wollen, zu schön war das Fest. Es ist ein heftiges, wildes Aufbegehren, getaucht in alle Farben des Himmels, bevor die Stille einkehrt, das Grau in all seinen Schattierungen und die vielen dunklen Stunden.

Die Anzeichen mehren sich, dass es November werden will, dass es Zeit wird für die gedeckten Farben, für kahle Zweige und dunkle Nachmittage. Wir brauchen die stillen, leisen Tage, weil die Schöpfung sie braucht und wir nun mal Teil dieser Schöpfung sind, wir vergessen es nur hin und wieder. Nichts desto trotz sind sie schwierig. Winterruhe ist für unsere Spezies offensichtlich nicht vorgesehen, das macht es nicht eben leichter. Düster war die Aussicht aus dem Fenster gestern morgen und düster waren die Aussichten, die die Kinder sich ausmalten an ihrem letzten Tag der Ferien. Eine Woche ohne die vertraute Lieblingslehrerin, geht ja direkt gut los. Zum Heulen ist das. Morgens in aller Frühe in die Kälte stolpern, um mit klammen Fingern die Räder zu besteigen, furchtbar. Beim Losfahren Dunkelheit und beim Heimkommen schon wieder, grässlich. Acht Wochen gepflastert mit den furchterregensten Klassenarbeiten, Tests und ellenlangen Konjugationstabellen, grauenhaft. All das Gelerne an finsteren Nachmittagen, womöglich ohne große Aussichten auf Erfolg. Nur eine Woche Weihnachtsferien, da kann man es ja gleich sein lassen, wie unfair ist das denn, bitteschön?! Husten, Schnupfen, Heiserkeit und das Rücklicht funktioniert auch nicht richtig. Du siehst, auch in düstere Aussichten kann man sich ohne größere Schwierigkeiten auf das Wunderbarste hineinsteigern. Düstere Aussichten breiten sich aus, wie die grauen Schwaden am Morgen, sie kriechen in Herz und Hirn, verdüstern die Laune und vernebeln ein wenig das Hirn. Für eine kleine Weile war ich willens in diesen Abgesang der Nebelkrähen einzustimmen und den Sinn allen Seins bis Minimum März verloren zu geben. Da saß ich und stocherte traurig im Sauerkrautmöhrensalat, der würde mir nun auch nichts mehr nützen, probiotische Vitaminsäuren hin oder her.

Schwierig wird es werden, wohl wahr. Und auch anstrengend und mühselig dann und wann. Ich verstehe die Verzagtheit und die nebelige Düsternis, ich will sie nicht klein reden, der Weg bis zum Frühling ist lang. Aber hey, ich bin die Erwachsene in diesem Haus. Ich weiß wo die Kerzen stehen und wo sich die Streichhölzer verstecken, also wenigstens so ungefähr. Ich kann die Sonne nicht anknipsen, den Nebel am Morgen nicht vertreiben und auch den Sturmwind nicht aufhalten, wenn das Leben eisig um die Ohren pfeift. Aber ich kann ein Lichtchen anzünden. Und dann noch eines und noch eines. Ich erzählte mitten hinein in die finstere Stimmung von hellen Fenstern, die winken, wenn du aus der Dunkelheit heimkommst, von Geburtstagslichtern im November, Lagerfeuern und Adventskranzkerzen .Von Weihnachten, diesem hellen Leuchten. Von Martinslaternen und den Lämpchen auf den Gräbern, die uns erinnern, dass wir selbst in der Ewigkeit nicht im Dunklen verloren gehen. Es wartet auch viel Gutes, viel Hoffnung und Verheißung in diesen stillen, schwierigen Tagen.

Ich zünde Lichtchen an und nehme mir tapfer vor, mich nicht entmutigen zu lassen. Braue garstige Ingwershots in gruseligen Farben, krame nach Suppenrezepten und dem Sammelsurium an Mützen und Schals aus dem vergangenen Jahr. Stocke den Bücherstapel auf. Treibe alle an die frische Luft, um jeden Sonnenstrahl einzufangen, jedes kleine Leuchten und Funkeln (jetzt bevorraten, wie es dir der Discounter deines Vertrauens rät). Setze auf bewährte Mittel um zumindest die inhäusige Düsternis zu vertreiben, sie sind nicht selten zuckerhaltig, also weiß ich nicht, ob das was für dich ist. Ich lade Leute ein, die wir mögen, denn nichts hilft besser gegen Dunkelheit als Lachen und Zusammensein und etwas Fröhlichkeit um ein Blech Pizza.

Und wenn sie doch kommen, die Müdigkeit und die Unlust, die Traurigkeit, das Vermissen lieber Menschen und der große Weltenschmerz? Dann ist es eben so. Dann rückst du zusammen mit den deinen und ihr haltet aneinander fest. Nicht jeder Schmerz kann und muss immer gleich weggepustet werden und manche Dunkelheit will einfach ausgehalten sein, Hauptsache keiner sitzt allein im Finstern und fürchtet sich. Irgendwann, ganz still und heimlich, wird es wieder heller werden, mit Sicherheit sogar, so sicher, wie der nächste März.

Ja, wohl dem, der ein Daheim hat, in dem er sich aufgehoben fühlt und geborgen, in dem genug wollige Decken zu finden sind und ein Teekessel auf dem Herd. Ich könnte dir jetzt noch erzählen, dass Dankbarkeit auch ein ziemlich helles Licht wirft, doch das weißt du natürlich längstens. Aber ich, weißt du, ich selbst vergesse manchmal, wie wenig selbstverständlich ein Daheim ist, Menschen, die sich aneinander festhalten können und ein Gott, der sich auch in deine Dunkelheiten mithineinsetzt.

6 Gedanken zu “Little lights

  1. Nachdem du mich schon oft mitten ins Herz getroffen hast, musste ich mich jetzt einfach mal anmelden hier, um dir ein großes DANKE zu sagen! Danke für deine wunderbaren Texte und danke für deinen Blick auf die Welt, der mich seit einer ganzen Weile begleitet und oft ein Lächeln und manchmal auch ein paar Tränen aufs Gesicht zaubert. Nach der letzten Woche, die hier in Bayern die erste Vorlesungswoche in Präsenz war (bin selber Theologin und darf nun endlich wieder ganz leibhaftig die Studierenden unterrichten), bin ich auch gerade hin- und hergerissen zwischen der Freude über den Aufbruch, den der Herbst schon seit Schulzeiten für mich bedeutet, und den dunklen Momenten und langen Schatten, die das viele Grau und leider auch Corona über die trubeligen ersten Vorlesungstage legen. Aber (zumindest heute) zünde ich ein Lichtchen an und schicke dir warme, herbstliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.