Der Geschirrspüler geht nicht. Das Drama um ein Haushaltsgerät währt jetzt schon zwei Monate und während ich hier sitze und ein wenig schreibe, warte ich mal wieder auf den, der es endlich richten soll. Wir haben zwischenzeitlich ein neues Gerät angeschafft, das geht aber leider auch nicht. Handwerker sind die neuen Popstars. Du bekommst schneller ein Date mit der Queen zum Tee als mit einem Elektriker in deiner Küche. Neulich war ich auf der Suche nach einem Klempner so verzweifelt, dass ich der armen Frau am anderen Ende der Leitung einen geharnischten Vortrag hielt: „Ja, ja!“, pöbelte ich in den Hörer, „tolle Idee allen Schulabgängern des Landes weiszumachen, nur Abitur und Studium seien der Beweis für einen erfolgreichen Starts ins Leben! Gerade neulich war da diese Studie…Unverschämtheit! Das ist doch alles großer Mist! Handwerker braucht das Land, ordentliche Handwerker!! Wo soll denn das noch enden, wenn keiner mehr weiß wie man ein Rohr verlegt oder eine Waschmaschine repariert!!“ „Ähm ja,“, sagte die Dame am anderen Ende, „Anfang Februar hätten wir noch einen freien Termin.“ Ich stammelte ein leises „Danke. Und Entschuldigung!“ Dann legte ich auf und versuchte mein Glück bei den stillen Helden, die dir die Winterreifen in viereinhalb Minuten aufziehen, einfach weil sie es können.

Der Geschirrspüler geht immer noch nicht. Das Drama hat zumindest einen netten Nebeneffekt. Am Abend stehen alle in der Küche rum und spülen und trocknen ab und sortieren Teller, Tassen und Besteck in Schränke und Schublade. Wenn nicht gerade lautstark gestritten wird, wer jetzt wem das Handtuch oder den Teller vor der Nase weggeschnappt hat und wer dazu verdammt ist die Butterschlieren vom Tisch zu wischen, also dann ist es sogar richtig nett, fast wie früher beim Spüldienst in der Jugendherberge. Musik läuft, eine dreht Pirouetten beim Trocknen, es wird geschwatzt und Blödsinn gemacht. Leider muss das Geschirr ja mehrfach am Tag abgewaschen werden und tja, rate, wer dann allein am Spülbecken steht, ganz ohne lustige Unterhaltung, während die anderen so lächerliche Ausreden wie Schule, Büro, Handballtraining und Griechisch-Vokabeln ins Feld führen. Genau! Eventuell gelingt es mir dann hin und wieder meine Hände nicht nur in Spülwasser sondern gleich auch in Selbstmitleid zu baden, ich armes Aschenputtel, schließlich gibt es den lieben langen Tag schon genug Wäsche und Dreck zu beseitigen, also ehrlich.

Samstag am mittelspäten Abend, fuhr Aschenputtel mit angekratztem Ego durch strömenden Regen zum Bahnhof um den großen Jungen einzusammeln. Er brachte einen Schwall kalte Luft, Feuchtigkeit und jede Menge Neuigkeiten mit ins Auto. Einen Anzug bräuchte er jetzt dringend, und Schuhe noch viel dringender. Abschlussballvorfreude, aber „Mama, leider dürfen keine Eltern dabei sein, wegen Corona, du weißt schon.“ Der arme Kerl wusste genau, was er anrichtete und Cinderella am Steuer musste sich schwer am Riemen reißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Dieses Aschenputtel hat nämlich ein kleines Balltrauma. Seit es zum ersten Mal „Sissi“ gesehen hatte, wollte es gerne ein Mal auf einem Ball tanzen. Zum eigenen Abschlussball konnte es damals nicht gehen und saß traurig zu Hause während die anderen in königsblauen und bordeauxroten C und A-Ballkleidern im Walzertakt schwebten. Der Abiturball war ein veritables Desaster. Als Aschenputtel den Prinzen traf, entpuppte sich dieser als phantastischer Tänzer, doch beim ersten Ball, ein Fastnachtsball ausgerechnet, hatte Aschenputtel grässliche Zahnschmerzen und sah aus sicherer Entfernung mit dickgeschwollener Backe zu. Der Prinz wollte seiner Cinderella endlich einen Ball ermöglichen und schenkte ihr irgendwann zum Geburtstag Karten für den Frankfurter Opernball und sie, hochschwanger, war sehr gerührt und freute sich. Als der Ballabend kam, hatte der Säugling Fieber und schrie wie am Spieß, keinesfalls hätten sie ihn einer fünfzehnjährigen Schülerin überlassen. Die Klamotten blieben an der Schranktür hängen, die Karten verfielen und Aschenputtel sah sich Wetten das… im Fernsehen an anstatt über Frankfurter Parkett zu flanieren.

Natürlich ist das kein wirklich dramatisches Trauma, vielleicht findest du es sogar albern und ich könnte es dir nicht verdenken. Aber für mich und meine Geschichte, mit der ich dich gar nicht behelligen werde, spielt es eine Rolle. Hast du einen Kindheits- oder Jugendtraum? Einen verrückten vielleicht oder einen albernen? Einen, den du aufgrund deiner ureigenen Geschichte hast und deiner Erlebnisse und deiner Sehnsüchte? Einen, der bis hierher nicht wahr werden durfte, oder konnte, egal, ob unscheinbar klein oder abenteuerlich groß? Einen, der immer wieder aufblitzt, immer dann, wenn du ihn eigentlich schon vergessen glaubtest?

Das große Mädchen hat auch einen Traum, und spannenderweise geht es auch da ums Tanzen. Lange haben wir gesucht, was wir ihr ermöglichen können, was ihr Freude machen würde und alltagstauglich wäre. Einiges wurde ausprobiert, aber letztlich kristallisierte sich heraus, dass sie von Ballett träumte. Mein Mädchen dachte, sie sei schon zu alt, um damit zu beginnen, abgesehen von ein paar Stunden als Fünfjährige in einer zugigen Turnhalle hatte sie nichts vorzuweisen. Ich dachte, wie schade es wäre, wenn ein weiterer Traum unerprobt bliebe und telefonierte ein wenig. Die Ballettdame lud zur Probestunde und wies direkt darauf hin, dass die anderen Dreizehnjährigen natürlich schon viel mehr Erfahrung hätten. „Ich schaue, was sie kann und ob gääht…“(hinreißender Akzent, und so passend). Es gäääht! Sie darf bleiben und dreht ihre Pirouetten seither mit einem Lächeln auf den Lippen. Während ich im zugigen Flur auf sie wartete, traf ich auf zwei Frauen, die das Ballettmädchenalter offenkundig auch schon etwas länger hinter sich gelassen hatten. Wir unterhielten uns. Die eine meinte schließlich, dass sie furchtbar aufgeregt sei, denn sie wäre zum allerersten Mal in einem Tanzstudio. Sie liebe Flamenco, die Musik, den Tanz, die Kleider, so viele Jahre schon. Und nun habe sie sich ein Herz gefasst und gedacht, was soll´s. Du kannst es träumen oder du kannst es machen. Jetzt stehe sie hier und sterbe fast vor Aufregung, aber auch vor Freude. Ich war tief beeindruckt, schnappte mir meine Ballerina und wünschte den Flamencodamen viel Spaß.

Der Geschirrspüler geht immer noch nicht, der Fernseher ist zwischenzeitlich auch implodiert und die Winterreifen müssen erst bestellt werden. Die üblichen Alltagsdramen halt, an denen kann Cinderella rein gar nichts ändern, die halten die Füße auf dem Boden und den Kopf frei von Hochmut. Aber sie konnte über geplatzte Ballträume mit dem Prinzengatten reden. Am Freitagabend geht es los, mit dem Paartanzkurs für Wiedereinsteiger.

Erinnerst du dich noch an deine Träume? Vielleicht kannst du ein oder zwei wahr machen, anstatt nur zu träumen? Komm, wir trauen uns!

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