Vor einigen Tagen stolperte ich in den Instagram-Stories über den Post einer Mutter, die in ihre wenigen Worte all ihre Überforderung, all ihre Müdigkeit und ihre gesamte Ratlosigkeit hineingelegt hatte. Karge Worte, karge Bilder, trotzdem volle Wucht. Was war ihr geschehen? Gar nichts weiter. Sie ist vor nicht all zu vielen Wochen Mutter eines heiß ersehnten Menschleins geworden, sie hat schon zwei Kinder und nun fliegt ihr das Leben um die Ohren. Dieser kleine Post traf mich mitten ins Herz, denn Mut zur Wahrheit, der Mut, die eigenen Grenzen zu formulieren, dieser Mut, der deine Verletzlichkeit zeigt und gerade dadurch so viel Stärke offenbart, diese Art von Mut also, trifft mich immer.

Ich las ihre Worte und mein getroffenes Herz schwappte über vor Mitgefühl. Im November ist mein Herz, das ohnehin schon immer löchrig wie ein Schweizer Käse ist, besonders durchlässig. Dieser verflixte Monat hat es einfach in sich und jedes Jahr aufs Neue muss ich durch ein paar Dunkelheiten hindurch, bevor ich dann mit großer Freude den Geburtstag unserer Zwillinge feiern kann. Es war eine endlos lange und sehr komplizierte Schwangerschaft gewesen. Sie hatte uns als Familie alles abverlangt, was wir an Kraft aufbringen konnten, von dem Moment an als ein höflicher Oberarzt sagte, dass diese beiden Kinder aller Wahrscheinlichkeit nach nicht leben würden, da könne man leider gar nichts machen. Monat um Monat lag ich und wartete und hoffte, während ich vom Sofa aus versuchte, den Alltag zu dirigieren. Dieses Sofa wurde zur Insel im Sturm, drei Kinder umlagerten mich, Bilderbücher und Hausaufgaben, Playmobil und ein Haufen Sorgen gleich daneben. Wir bekamen unser doppeltes Wunder geschenkt und die Freude und die Dankbarkeit sind bis heute endlos groß. Und doch war kein Stein auf dem anderen geblieben, Verlässlichkeiten waren weggebrochen, bis heute spüre ich die Nachbeben. Wir starteten ohne Reserven in unser neues Leben und glaub mir, manches Mal war ich wirklich verzweifelt. Es waren Jahre der Überforderung und ohne Schlaf, in denen ich immer dünnhäutiger und schmallippiger wurde. Der Satz: „Wenn eine das schafft, dann du!“ hallt mir bis heute höhnisch in den Ohren, denn es fühlte sich leider so gar nicht danach an. Jedes Jahr im November werde ich ein wenig traurig, demütig und still, weil ich an den langen Weg denke, an das, was wegbrach, aber auch an das, was neu entstehen durfte und nun mein Leben ist.

Manchmal ist es die Geburt eines kleinen Menschleins, die dich unfassbar glücklich macht und die trotzdem alles auf den Kopf stellt. Manchmal ist es eine Krankheit, ein unfassbarer Verlust, Sorgen um dein Kind, deine Familie oder eine Entfremdung, die du nicht aufhalten kannst. Manchmal lauern Schatten der Vergangenheit oder eben einfach das Leben, das dir um die Ohren fliegt und kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Du zerfällst in deine Einzelteile und das Zusammensuchen der Einzelstücke ist oft langwierig, schmerzhaft und anstrengend. Manchmal bleiben ein paar Teile übrig, für die es keine Verwendung mehr gibt. Hin und wieder liegst du am Boden und findest den Ausweg nicht.

…Etwas Entscheidendes habe ich gelernt. Es ist immer genug Kraft da für den einen nächsten Schritt. Du bist niemals allein. Neben dir im Dunkeln, ganz nah bei dir, sitzt dein Gott. Er harrt an deiner Seite aus, er hält und trägt dich. Und er geht mit dir diesen einen nächsten Schritt in der ungewissen Dunkelheit. Und dann den nächsten. Und den nächsten. Immer weiter tastet er sich mit dir durch das Dunkel, bis deine Füße wieder festen Halt finden auf sicherem Grund. Manchmal dauert dieser Weg seine Zeit, denn es sind kleine, suchende Schritte, die du gehst….“*

Das ist es, was ich jeder jungen Mutter zurufen möchte, die in ihrer Müdigkeit ertrinkt, jedem Menschen, der gerade weder ein noch aus weiß, den Ratlosen und Überforderten, denen, deren Herz schwer ist und jenen, die sich um ihre Kinder sorgen, um ihre Zukunft oder darum, wie sie die Stunden bis zur Schlafenszeit irgendwie überstehen sollen. Du bist nicht allein. Vergiss nicht zu atmen, zu essen und den festen Boden unter deinen Füßen zu fühlen. Es wird wieder besser werden, versprochen.

Ich danke dir, liebe Instagram-Mutter für deinen Mut, deine Ehrlichkeit, deine Wahrheit.

„Siehst du, die wenigsten Menschen sprechen über ihre Dunkelheiten, vor allem dann nicht, wenn die Dunkelheit verworrener ist als ein Beinbruch oder ein entzündeter Backenzahn. Die meisten Menschen irren durch ihr Dunkel und schweigen beharrlich. Denn niemand soll wissen, wie verletzlich sie sind, wie ratlos und müde, dass auch ihre Kraft begrenzt ist und sie mit ihrer Weisheit am Ende sind. Auch in den stabilsten Familiengefügen kehrt sich hin und wieder das Unterste zu Oberst, aber niemand soll es erfahren. Das ist nicht nur schade, sondern ausgesprochen traurig. Wie sehr könnten wir einander Licht sein, wenn wir uns von unseren Dunkelheiten erzählen würden. Es ist nichts verkehrt an uns oder unseren Familien, es ist einfach das Leben, das uns manchmal die Sicht nimmt. Zweifel nicht an dir und den deinen, wenn ihr durch dunkle Tage geht. Lass dich an die Hand nehmen und Schritt für Schritt durch die Finsternis leiten, von deinem Gott, der dich liebt. Frage Menschen nach Hilfe und ganz praktischer Unterstützung, suche Rat und Trost, bei jenen, denen du vertraust. Du musst nicht alles sehen und erkennen, den ganzen Weg im Blick haben. Der nächste Schritt ist immer genug.“*

Bald ist dieser verflixte November vorüber und zwei kleine Menschen werden hier acht Jahre alt. Wie im jeden Jahr fällt ihr Geburtstag fast haargenau auf den ersten Advent. Sie sind also weniger November- als viel mehr Adventskinder. Und wahrhaftig, dass sind sie, diese beiden quicklebendigen Wunder. Wenn du den Advent zu Wort kommen lässt und ihn nicht vorschnell mit einer Billion Lichterketten erschlägst, dann flüstert er dir zu: „Niemals hat die Dunkelheit das letzte Wort! Sieh nur, wie hell schon ein erstes Kerzlein die Finsternis macht, wieviel Verheißung und Freude da schon mitflackert…“

* aus Sandra Geissler, „Dieses kleine Stück Himmel- mit allen Sinnen Familie leben“, SCM-Verlag, Januar 2022

Hast du es gemerkt!!!??? Da sind ein paar Zeilen aus meinem Buch! Hach, es ist wahnsinnig aufregend! Gefällt dir der Umschlag? Ich bin sehr verliebt (den habe ich ja nicht gemacht, da darf ich ruhig verliebt sein…)

8 Gedanken zu “Tasten, Suchen, Weitergehen

  1. Herzliche Glückwünsche zu diesem Buch. Das werde ich ganz sicher gerne lese. Deine Zeilen haben mich sehr berührt. Danke dafür.

    Liebe Grüße
    Andrea – die Großfamilienmama

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  2. Oh liebe Sandra ICH FREUE MICH SO SEHR auf dein Buch!!!! (Am liebsten würde ich jetzt eine Flasche Sekt öffnen und gleich mit dir anstoßen! :-)) Das Cover sieht toll aus – ich finde es passt so gut zu deinen Geschichten! (und auch der Titel ist toll!). Danke auch mal wieder für diesen Blogartikel, der ins Herz spricht und Mut macht – so wie alles was du schreibst. Ich schick dir ein paar Sonnenstrahlen in den trüben Novembermonat und warte mit dir auf die Lichtertage…so ganz von einem Adventkind zum anderen…
    Liebste Grüße! Christina

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  3. Oh liebe Sandra, Dein Buch schaut toll aus! Und die Zeilen daraus sind wunderbar zu lesen! Wir kennen uns nicht, aber Deine Texte berühren mich jedesmal. Sie treffen so oft was mich beschäftigt. Vielen Dank! Meine Zwillinge werden schon zehn und mein Einling sieben. Es sind alles drei Adventskinder 🙂 Viele liebe Grüße

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  4. Liebe Sandra, ich danke dir so sehr für deine Worte, für deine Ermutigung! Danke, dass du das für mich geschrieben hast (das verstehe ich schon richtig, oder?)! Dein Buch sieht wunderbar aus, hört sich wunderbar an – ich freue mich darauf! Du bist ein Segen.

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  5. Hallo Sandra,
    danke für diesen wunderbaren Text. Ich stecke drin im November mit allen seinen Facetten. Meine Söhne hatten gestern und vorgestern Geburtstag mit 6 Jahren Abstand. Gerade wieder habe ich das Gefühl, dass das Leben mich überfordert. Und ich brauche diese Zusage jeden Moment, dass es weitergehen wird. irgendwie und dass Gott neben mir sitzt.

    Dein Buch sieht toll aus. Herzlichen Glückwunsch!
    Damaris

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  6. „Zufällig“ (über eine Verlinkung auf Jesus.de) hierher gestolpert und direkt im Artikel festgelesen. Ein wirklich schöner Beitrag. Auch wenn ich nicht (mehr) direkt betroffen bin, hat mich Dein Artikel berührt. Du kannst wirklich schön schreiben, liebe Sandra. Freue mich (unbekannterweise) mit dir über dein Buch!

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