Auf unserem Gästeklo steht ein Abreißkalender mit klugen Sprüchen für jeden Tag. Am Sonntag gab es keinen klugen Spruch sondern eine kluge Frage. Wenn du deinem Kind nur einen Satz mit auf den Lebensweg mitgeben könntest, welcher wäre das? Hm. Ich weiß nicht genau warum, aber seither beschäftigt mich diese Frage. Ein Satz ist ziemlich wenig, um all meine geballte Lebensweisheit, ohne die der Nachwuchs es dereinst sehr schwer im Leben haben wird, hineinzupacken. Obwohl ich natürlich keinerlei Schwierigkeiten mit der Bildung endloser Schachtelsätze habe, ich verstreue Kommata wie Meenzer Fastnachter Konfetti, wild und unkontrolliert, und Nebensätze sind meine besten Freunde. Und doch. Ein Satz ist kurz, wenn er fürs ganze Leben reichen soll, da ist gerade mal Platz für die Essenz deiner Lebenserfahrung.

Auf dem Weg des Nachdenkens stieß ich schon nach zwei Wegbiegungen auf die Frage, was ich selbst wohl hätte hören, wissen, im Gepäck haben müssen, als Jugendliche, als junge Frau, noch ganz am Anfang meiner Reise. Erinnerst du dich noch, wie es sich anfühlte? Für Menschen, die Veränderungen eher skeptisch und misstrauisch gegenüber stehen, sind diese frühen Jahre eine echte Herausforderung. Spannend und aufregend, voller Möglichkeiten und Ideen, aber eben auch voller Unsicherheiten und Zweifel, Panik mitunter und Ratlosigkeit. Man muss sich ja erstmal anfreunden mit der Verantwortung fürs eigene Leben oder sie gar erst erobern. Und dann musst du klarkommen und einen eigenen Weg und Antworten finden, wie du eigentlich leben willst, und essen und lieben und glauben. Du hast schon Marschgepäck dabei, manches davon wiegt schwer, denn du bist kein Baby mehr und hast schon einiges erlebt und einiges gehört. Was wäre dein Satz gewesen, den du gebraucht hättest, gleich einem stützenden Stab beim Weg in die Wildnis? Welche Worte hättest du nötig gehabt, eingebrannt in Herz und Hirn, als Stärkung und Medizin, als rettenden Rat und Wegweiser durch alle Höhen und Tiefen?

Ich für meinen Teil hatte tausende Sätze dabei und längst nicht alle waren klug und weise- ich fürchte sogar nur sehr wenige davon hatten echten Nährwert. Dabei gab es die unendlichen Weiten des Internets noch gar nicht, die Welt hatte trotzdem schon genug parat und an manchen kaue ich bis heute, wie an zähem Leder. Sätze, die nicht Stütze sind und Stab, sondern Fesseln. Fesseln, die dich festhalten in deinen Zweifeln, die dir einflüstern, dass du verkehrt bist, zu dick oder zu dünn, zu laut oder zu leise, zu schüchtern oder zu stürmisch, zu viel oder zu wenig. Sätze über deinen Körper, deinen Glauben, deine Art zu Leben und zu Lieben, über Leistung und Versagen, wie du sein solltest, und was man ja wohl erwarten dürfte.

Veronika Smoor hat ein ganzes Buch über diese Sätze geschrieben. In „Problemzone Frau“ ringt sie mit ihnen, setzt sich mit ihnen auseinander und entfesselt damit endlich, was schon immer zur Freiheit gerufen war. Sich selbst, ihren Körper, ihren Glauben und ihre ureigene Art zu Denken, zu Handeln und zu Leben. Ich habe dieses Buch schon einige lange Wochen auf meinem Nachttisch liegen. Es ist kein Buch von der Sorte Erdbeereis mit Sahne, eines, welches du einfach so wegschleckerst mit Schnurren und Behagen, um es dann auch schnell wieder zu vergessen. Es ist eher von der Sorte Vollkornbrot. Lecker, nahrhaft, sättigend- aber eben auch schwer zu kauen. Und kauen musst du gründlich, denn sonst kannst du es nicht schlucken. Ich habe Zeit gebraucht für dieses Buch, dass ich dir von ganzem Herzen empfehlen, ja wirklich an dein Herz legen will. Nicht all ihre Sätze sind meine Sätze, aber viele eben schon. Und das ist mitunter sehr schmerzhaft. Und all ihre Sätze laden dazu ein sich selbst zu fragen, was man da eigentlich mit sich rumschleppt, seit Kinder und Jugendtagen, was nie Halt und Wegweiser, sondern immer schon Fessel war. Dann findest du auch die, die nicht ihre, aber deine Sätze sind. Es ist ein Aufruf zum Leben in Frieden mit dir selbst, in Freude und Freiheit, weil du ein Gottes Kind bist, wunderbar und einzigartig geschaffen und dringend gebraucht in der Welt, ganz gleich, wie dick oder dünn, runzelig oder glatt, laut oder leise du bist. Du kloppst beim Lesen ein paar Fesseln in die Tonne, weinst vielleicht eine Weile, weil ach- man hätte sich auch viel ersparen können, und dann lernst du voll Neugier die Frau kennen, die du eigentlich schon immer warst. Und weil Fesseln gerne zurückkommen, wie Mehlmotten im Sommer, räumst du das Buch besser nicht all zu weit weg, du wirst es noch brauchen. Wie Vollkornbrot, lecker, nahrhaft und immer wieder zu genießen.

So, und mein Satz, der eine, der weise, voller Klugheit, Herzensgüte und so gehaltvoll, dass er fürs ganze Leben reicht? Ich baue noch dran…auf jeden Fall so etwas wie „Du bist richtig und du bist wichtig, geliebt von ganz oben und von hier unten und wenn du hinausziehst in die Welt, dann höre auf dein Herz und deinen Gott und die Gilmore Girls.“

Ein Gedanke zu “Nur ein Satz

  1. „Du bist richtig und du bist wichtig, geliebt von ganz oben und von hier unten und wenn du hinausziehst in die Welt, dann höre auf dein Herz und deinen Gott …“
    Wow, was für ein toller Satz!
    Danke dafür! Das macht was mit einem wenn man das erfährt und spürt. Diese Botschaft kann man Kindern und Erwachsenen mit auf den Weg geben ..immer wieder 😍
    Liebe Sandra, du bist richtig und wichtig!
    Grüße von Sonja

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