Eigentlich wollte ich dir heute etwas über Raupensuppe erzählen. Das Wort stammt nicht von mir, sondern aus einem Podcast, den ich bei der frühmorgendlichen Hunderunde auf den Ohren hatte. Ich mag das Wort Raupensuppe. Es beschreibt den Zustand, indem sich die Raupe nach ihrer Verpuppung im Kokon befindet. Was sich da im Inneren abspielt erinnert nicht mehr sehr an Raupe, es ist vor allem aber auch weit entfernt von bunten Schmetterlingsflügeln, die federleicht durch den Frühsommerhimmel flattern. Also, ich weiß natürlich, dass das Schmetterling-Raupen-Bild schon ein bisschen abgenudelt ist, ein wenig zu häufig bemüht und zu oft schon zitiert. Aber das Wort Raupensuppe mag ich sehr. Wie fühlst du dich? Wie Raupensuppe! Dann aber las ich in einer Nachricht, dass die letzten Tage strubbelig gewesen seien („Strubbelig“! Noch so ein Wort. In „strubbelig“ bin ich ganz verliebt!) Und hörte in einer anderen Nachricht von zu vielen Knoten im Kopf. Meine Tage sind auch strubbelig, in meinem Kopf sind so viele Knoten, dass sich mein Hirn wunderbar als einer dieser superhippen Makrameewandbehänge im Boho gestylten Wohnzimmer machen würde. Und alles in allem- Raupensuppe.

Eigentlich wollte ich- aber weißt du was, ich glaube du hast genug eigene Strubbeligkeiten und Knoten im Kopf und vielleicht fühlst du dich auch mal wieder, wie Raupensuppe, mitten im Umbau und ohne Aussicht auf fröhliches Flattern am Sommerhimmel. Es scheint, als seien diese Tage bestens geeignet für all diese Mühseligkeiten. Du weißt es und ich weiß es. Also lassen wir es doch einfach eine Weile gut sein.

Stattdessen könntest du eine Weile rein kommen, auf eine Teelänge oder zwei. Du würdest mitten hineinkommen in unseren strubbeligen Alltag und in der Küche stehen, während ich das Wasser aufsetze und weil du freundlich bist, würdest du großzügig über das ein oder andere Chaos hinwegsehen. Dein Blick fiele auf das Backbuch, welches quasi auf der Arbeitsplatte festgewachsen ist, seit Wochen schon, fast täglich im Gebrauch. Es gehört gar nicht mir sondern meinem großen Mädchen. Aber ich liebe es und hat schon so manche trübe Winterstunde gemütlich gemacht. Apfel-Buttermilch- Muffins könnte ich dir empfehlen. Oder die Mohnbrötchen zum Abendbrot. Das beste Cookies-Grundrezept und dann kippst du alles dran, was du noch so im Hause hast. Du würdest den alten, verschrappten Römertopf sehen, indem ich jeden zweiten Tag unser Brot backe und wir würden uns ein wenig austauschen, wie tröstlich und heilsam gewöhnliche und unaufgeregte Alltagshandgriffe sind. Du würdest lächeln, beim Anblick des Kühlschrankes, der voll hängt mit selbstgemalten Schätzen und Einladungskarten und klugen Worten, die ich nicht vergessen will. Denn du hast selbst so einen Kühlschrank oder eine Pinnwand und du weißt, wieviel Familienseele da dran hängt.

„Komm wir setzen uns rüber!“, würde ich sagen und dir den Teebecher in die Hand drücken. Im Krug stehen die allerersten Tulpen, ob sie wohl wissen, wieviel Hoffnung sie in Krüge und Kannen und Vasen verbreiten, in so vielen Häusern und Wohnungen? Als leuchtende Zeichen, dass auch der längste und trübste Winter zu Ende gehen wird. Ich räumte dann schnell mein Strickzeug zur Seite, dass mich ähnlich tröstet, wie Tulpen.

Ein Tuch wird es werden, erzähle ich dir dann, ein Tuch, dass mir jetzt schon Rettung ist, wo es noch ganz am Anfang steht. Denn das Muster ist gerade so schwierig, dass ich es noch bewerkstelligen kann, aber es ist auch so kompliziert, dass ich an gar nichts anderes denken kann, während ich ein paar Reihen stricke. Ich zähle dann halblaut vor mich hin, eine rechts, eine links, wiederholen, drei rechts, einen Umschlag, zwei zusammen, eine rechts, zwei zusammen, einen Umschlag. Jede Reihe ist anders, meine Gedanken, die sonst wild umeinander hüpfen, fokussieren sich und nach einer Weile schon, entspannen sich Schultern und Geist, es ist wie meditieren oder puzzeln. Nur kann ich mir das Ergebnis im Frühling hoffentlich um den Hals schlingen.

Ich würde hören, wie du erzählst, von dem was dich froh macht, von deinen kleinen Herzensprojekten und was du immer schon ausprobieren wolltest. Lachend beichte ich dir, dass es auf Instagram eine wahnsinnig sympathische und kreativ begabte Schweizerin mit Namen Christa gibt, und dass ich es doch so sehr bewundere, wenn Menschen mit ihren Händen Schönes bewerkstelligen. Dass ich nie etwas kaufe, was auf sozialen Medien gezeigt wird, aber ich diese begabte Schweizerin so inspirierend fand und mir tatsächlich ein Linolschnitzwerkzeug zugelegt habe. Ich bin leider nicht so begabt, noch nicht mal ansatzweise. Aber es macht unwahrscheinlich Freude, etwas auszuprobieren und das Ergebnis will ich ja nicht verkaufen, noch nicht mal verschenken, ich will einfach wissen, wie es geht. Kennst du das? Wenn es dir in den Fingern juckt? Und du etwas aus reiner Freude und Schaffenslust tust, ganz gleich, was am Ende herauskommt?

Auf dem Tisch liegen natürlich jede Menge Dinge, die uns beschäftigen, entschuldige bitte, störe dich nicht dran. Ein neues Kartenspiel, das uns Sonntags in Wallung bringt. Zirkelübungen für Kreisbilder, Timm Taler und mehrere dazugehörige Arbeitsblätter, die chemische Zusammensetzung von Ahoibrause. Der Einwahlzettel für die Leistungskurse unseres Ältesten. Einen Moment würde mir die Stimme stocken, denn weißt du, würde ich leise sagen, es ist so unglaublich wunderbar, wenn kleine Menschen groß werden, aber es sorgt auch für dieses schmerzhafte Ziehen in der Herzgegend, weil die Zeit niemals still steht, nicht eine Sekunde lang, und ich diesen großen Kerl so sehr mag. Meine Kinder werden älter und gerade spüre ich die Veränderung überdeutlich. Eines irrt jede Nacht durchs Haus, gefangen in Alpträumen, wie immer wenn es sich verändert, seit Babytagen schon. Eines hat alle Kinderbücher aussortiert. Eines schläft jetzt am Abend bei geschlossener Türe ein. Wahrscheinlich würdest du nicken und leise seufzen: Ich weiß.

Du würdest zum Fenster hinausschauen, hoch in die Weinberge. Und während ich mir verstohlen ein Tränchen wegwische, berichte ich dir dann, dass es Frühling werden wird. Früh am Morgen, gerade gestern, habe ich Arbeiter im Weinberg entdeckt, die die Reben beschnitten. Ein untrügliches Zeichen. Und Vögel. Ich habe die ersten Vögel zwitschern hören, und das, da-sieh nur! In unserem Blumenbeet tauchen die ersten grünen Spitzen auf. Wohl war, die Zeit steht nicht still, nicht eine Sekunde lang, tief unten, im Dunkel der Erde hat sie gearbeitet und neues Leben ist schon auf dem Weg, was für ein Segen. Wenn du das nächste Mal vorbeischaust, sitzen wir vielleicht schon draußen auf dem Bänkchen und lassen uns die Gesichter von den Sonnenstrahlen kitzeln.

Weil ich schon viel zu viele Worte benutzt habe und du noch so viel zu erledigen hast, in deinem strubbeligen Alltag, würdest du dich verabschieden. Wir lächelten uns an, das war doch wirklich nett. Ach halt, würdest du rufen, du hast nicht zufällig noch was zu lesen, oder? Na klar, würde ich sagen, daran mangelt es hier nicht. Warte kurz, ich schreibe dir den Titel auf. Gute Geschichten kann man gar nicht genug lesen. Mach´s gut, hab es fein, pass auf dich auf! Und vergiss nicht- aus Raupensuppe wird irgendwann….

Ein Gedanke zu “Strubbelige Knoten und Raupensuppe

  1. Liebe Sandra, das war wieder mal ein herrlich geschriebener Text von dir. Vielen Dank! Es war, als ob wir wirklich ein Täschchen Tee zusammen getrunken hätten. Wer weiß vielleicht machen wir das ja wirklich mal zusammen, so weit weg wohnst du gar nicht. Ich bin mit deinem wunderbaren Buch fast fertig, es gefällt mir sehr gut. Und es soll am liebsten gar nicht zu Ende gehen. Hab ein schönes Wochenende!
    Herzliche Grüße Luci

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