Strahlend blauer Himmel draußen, Morgenrot und Abendrot-fast zu kitschig um wahr zu sein, selbst in unserem vernachlässigten Blumenbeet haben sich Busche von goldgelben Narzissen an die Oberfläche gekämpft und leuchten wie kleine Sonnen in all dem Matschbraun. Knospen an den Büschen und Bäumen mit vorwitzig grünen Näschen und erste dringliche Nachrichten, die sich Vogels lautstark zurufen müssen: der Frühling kommt! Er kommt, wirklich ganz bestimmt, da vorne biegt er schon um die Ecke und kann selbst das Wiedersehen kaum erwarten! Wie gerne wäre ich dieser Tage ausschließlich mit Freuen und Staunen beschäftigt, weil es doch jedes Jahr immer neu ein geschenktes Wunder ist, wenn das Leben sich Bahn bricht, an all diesen dunklen Wintertagen mittags um drei mochte man schon gar nicht mehr daran glauben.

Draußen biegt der Frühling um die Ecke und hier stehen wir und warten mit hängenden Schultern, mit Bäuchen als hätten wir Steine geschluckt und Herzen schwer wie Blei. Ratlos und fassungslos kann mein pandemiemüder Kopf einfach nicht begreifen, was gerade geschieht, wie so etwas überhaupt geschehen kann und warum so wenige Menschen unsägliches Leid über so viele Menschen bringen können. Es wurde so viel geschrieben, gesprochen, gepostet, kluge Sprüche und alte Weisheit, Betroffenheit, Wut und Traurigkeit, so dass ich selbst immer stiller und leiser werde. Für manches habe ich keine Worte. Wenn du hier gerne zu Gast bist, dann weißt du eh längstens und dann geht es dir sowieso ähnlich, und dann schauen wir uns zwischen den Zeilen an und brauchen keine weiteren Worte.

Ich erzähle dir stattdessen von einer kleinen Auszeit, die wir nehmen durften. Unser Bundesland kennt plötzlich so etwas Kurioses wie Winterferien und wir sind keine Skimenschen. Also haben wir die Kinder eingepackt und sind ans Meer gefahren. Wir brauchten wirklich dringend eine Pause, wer nicht, oder? Wir taten gar nichts, außer uns durchpusten zu lassen, tiefe Atemzüge von Seeluft nehmen, und den Wind zu hören, der am kleinen Haus rüttelte und schüttelte, als wolle er es mit auf seine wilde Reise nehmen. Wann immer ich aus dem Haus trat, tauchte hinter der nächsten Wegbiegung, der nächsten Düne, der nächsten Kurve dieser wunderschöne weiße Leuchtturm auf. In den sturmtosenden Nächten streifte sein Licht über unsere Betten und ich bekam eine leise Ahnung, wie überlebenswichtig dieses gleichmäßige Lichtsignal für Schiffe gewesen sein muss, die auf dem wilden Meer den Weg nach Hause suchten. Ich kannte diesen Leuchtturm schon von früher, aber dieses Mal habe ich mich wirklich verliebt, immer wieder suchten meine Augen nach ihm und wenn er unvermittelt auftauchte, dann freute ich mich ganz unsäglich.

Als die Nachrichten über die Welt hereinbrachen, hatte ich gerade einen Stapel Waffeln gebacken und mich darüber amüsiert, in welcher Geschwindigkeit sie verputzt worden waren. Ich schämte mich umgehend für blauen Himmel, Puderzuckerspuren und Feriengefühle. Mittlerweile habe ich ein neues Wort für diesen Gefühlsumstand gelernt und es heißt Ambiguität. Ambiguität bedeutet die Widersprüchlickeit und die Uneindeutigkeit von Situationen auszuhalten und damit zu leben. Trauer und Freude. Ratlosigkeit und Lösungskompetenz. Die überwältigende Schönheit der Schöpfung und die hässliche Fratze eines Krieges. Haben wir gerade alle einen höheren Abschluss in Resilienz in der Tasche, dürfen wir uns jetzt in Ambiguität üben. Das ist dringend nötig, denn sonst werden wir wahnsinnig und das nützt mit Verlaub gar niemandem. Ich ging und suchte den Leuchtturm.

Ich brauche Leuchttürme in meinem Leben, dringender denn je. Zeichen der Hoffnung, des Lichtes, der Freude und des Heimwinkens, der Liebe und der Schönheit. Ich brauche sie und du brauchst sie und unsere Kinder brauchen sie in besonderem Maße. Wenn die Dunkelheit kommt und der Sturmwind peitscht, wenn der Weg kaum erkennbar ist und du dich hilflos ausgeliefert fühlst, dann brauchst du seine leuchtenden Signale um dich zu orientieren, um weiter zu gehen, um nicht panisch in die Irre zu laufen. Du selbst bist Leuchtturm für die, die dir anvertraut wurden, sie brauchen dein Leuchten um nicht in der Dunkelheit der Welt verloren zu gehen. Stell dir nur vor, was passieren würde, wenn du nur noch hektisch flackerst und dann dein Licht einstellen würdest? Dein Leuchten wird gebraucht, mehr denn je. Liebe leuchtet. Zuverlässigkeit leuchtet und Beständigkeit. Lachen leuchtet und Frühling, freundliche Worte und ein warmes Mittagessen. Hilfe anbieten und Hilfe annehmen. Beten leuchtet, dein Gott will dein beständiger Leuchtturm bis in die Ewigkeit sein. Wenn wir aufhören zu leuchten, aufhören nach dem Leuchten zu suchen, dann gewinnt die Dunkelheit, dann überlassen wir ihr das uferlose Chaos und nein, das will ich nicht.

Lass uns üben für unseren Abschluss in höherer Ambiguität, ja? Und wenn der Frühling um die Ecke biegt und wir da stehen mit hängenden Schultern, mit Bäuchen voller Steinen und bleischweren Herzen, dann empfangen wir ihn vielleicht nicht ganz so enthusiastisch, wie sonst, aber doch mit tiefer, warmer Freude: „Wie gut, dass du da bist, ich habe mich so nach dir und deinem Leuchten gesehnt. Ich will mich an dir wärmen und diese Wärme weiterschenken.“ Vielleicht ist es naiv und vielleicht ist es auch nur ein verschwindend kleines Flackern im Angesicht des Grauens, das Andere gerade durchleiden, im Angesicht der Dunkelheit der Welt. Aber hier, an dem Ort, an den du gestellt wurdest, macht es einen entscheidenden Unterschied.

„Haltung bewahren!“, empfahl meine Freundin Veronika Smoor dieser Tage. „Haltung bewahren und immer das Nächstliegende tun, so unspektakulär das auch sein mag.“ Das hört sich sehr nach Leuchtturm an, wie ich finde. Wenn einer Haltung hat, dann er….

Bleib behütet, bis die Tage.

5 Gedanken zu “Lighthouse

  1. Danke für diesen Leuchtturm! Immer wieder schön auf deinem Blog zu lesen. Bei uns im Badezimmer steht ein kleiner Leuchtturm. Inzwischen sogar beleuchtet mit einer Batterielichterkette. Wer immer eine Erleuchtung in den Stürmen des Familienlebens braucht macht den Lichtturm an. Wir hatten hier in Ba-Wü Fasnetsferien ohne Fasnet. In den Fasnetsferien mal ans Meer des wäre was!

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