Am Karfreitag schepperte es heftig. Erst auf dem Boden und dann in der Luft. Auf dem Boden als der gute Porzellanteller mit dem hübschen Blümchenmuster auf rotem Grund splitternd zerbrach. In der Luft, na ja, kannst du dir ja vorstellen. Das Scheppern bedeutete das Ende einer Mini-Ära. Ich kann aus tiefer, ehrlicher Seele behaupten, dass eben jene Seele nicht an Besitztümern hängt. Aber diese Teller und Tassen hatten mir ausnehmend gut gefallen und da sie nicht ganz preiswert sind, habe ich sie mir über die Jahre zusammengewünscht. Unser Haus bietet zu wenig Platz für nutzlose Ausstellungsstücke und deshalb wird Porzellan, das für sich Platz im Schrank beansprucht, auch gebraucht. Hin und wieder geht etwas kaputt. An Karfreitag war die magische Grenze erreicht, an der die übrig gebliebene Anzahl von Tellern definitiv nicht mehr für ein Familienfrühstück ausreichen würde. Einer zu wenig war schummeltechnisch noch machbar gewesen, aber jetzt… Ich sammelte Scherben auf und vergoss ein Tränchen, wie immer, wenn etwas zu Ende geht. Ich weinte weniger um den Teller als um zahlreiche Frühstücke und Abendessen, um liebevoll verpackte Tassen zu Geburtstagen, überreicht von lieben Freundinnen oder dem Gatten, der sorgfältig ausgewählt hatte. Nun ja, es wird weiterhin Frühstück und Abendessen in diesem Hause geben, es war zugegebenermaßen nur ein kleines Drama. Doch es war eben Ausdruck dessen, was mich seit geraumer Zeit beschäftigt. Das Loslassen, das Festhalten, die Veränderungen, gewollte und ungewollte und solche, die das Leben einfach mit sich bringt.

Am Karsamstag fraß der Hund den frischgebackenen Osterzopf, ofenwarm und mit viel Liebe von kleinen Mädchenhänden geflochten. Unfassbar, denkst du dir vielleicht, und man könnte doch wirklich meinen, dass diese Familie mit ihrem gefräßigen Nimmersatt von einem Labrador endlich einmal etwas dazu lernt. Ich habe das auf jeden Fall gedacht. Und auch gebrüllt. Und, Grabesruhe hin oder her, geflucht wie ein Rohrspatz. Aber dann dachte ich, dass man uns zu Gute halten muss, dass dieser Hund schon sehr lange nichts mehr außerplanmäßig stehlen konnte. Wir sind wachsam. Eine Art ausbaufähiger Wachsamkeit. Als wir um 23.00 Uhr von der Osternacht heimkamen, im Garten ein kleines Osterfeuer brannte und wir anstießen mit Sekt und Limo auf das Leben und die Freude, schob ich schnell noch einen neuen Zopf in den Ofen. Bis das Feuer heruntergebrannt war, war der Hefekuchen gut und die Osterfreude half uns einander und dem Hund zu vergeben. Das Zerbrochene, das Gezanke, die Unachtsamkeiten und die müde Ungeduld der letzten Tage waren vergessen. Zumindest für eine kleine Weile.

Wie sehr wir doch Ostern brauchen, nicht wahr? Die Zusage, dass weder die Gebrochenheiten und Scherben der großen noch die unserer kleinen Welt, das letzte Wort haben werden. Dass das Licht der Ewigkeit durch all diese Risse schon hindurchscheint, wie dieser goldene Kleber, den geschickte Künstler nutzen, um aus zerbrochenen Schalen einmalige Kunstwerke zu schaffen. Wie sehr wir doch einander brauchen. Keine Menschenseele sollte alleine an einem Osterfeuer sitzen müssen, auch wenn ihr die anderen Seelen wenige Stunden zuvor noch herrlichst auf den Zeiger gegangen sind.

Wie sehr wir doch die Zusage brauchen, dass wir nicht alleine durchs Leben gehen, fallen, stolpern. Dass wir in einem Boot sitzen, auch wenn es manchmal schwankt und wackelt. Wir brauchen diese Zusagen und wir brauchen Gemeinschaften, die kleinen und die großen und die, die uns mit dem Himmel verbindet.

Das gemeinsam in einem Boot sitzen haben wir dann sehr wörtlich genommen und sind in ein zauberhaftes Tal zum Paddeln gefahren. Ich war noch nie Paddeln. Es ist nicht wirklich schwierig, aber wenn du gemeinsam in einem Boot sitzt, dann musst du dir erst mal einig werden. Über den Taktschlag, über die Geschwindigkeit, ob der Fluss das Ziel ist oder der Sieg, wer den Ton angibt, wer die Richtung weist. Kleine Herausforderungen in kleinen Booten. Ich wäre nicht ich, hätte ich diese geschenkte Bildhaftigkeit nicht freudig angenommen. In diesen drei Stunden in einem Boot haben wir gestaunt, gelacht, gezankt und gestritten, gesungen und gerufen und zwei, dreimal die Richtung verloren. Es war wie im echten Leben. Dann sind wir Essen gegangen, was wir nur sehr selten tun, in ein echtes Gasthaus. Wir stießen an mit Bier und Limo auf das Leben, auf die Freude und auf das große Glück gemeinsam in einem Boot zu sitzen. Das war wie nochmal Ostern feiern.

Einer fehlte in unseren Booten. Einer war war auf Reisen gegangen, gemeinsam mit seiner Patentante und einer Gruppe junger Menschen. Bis nach Assisi waren sie gefahren und hatten dem Vernehmen nach eine großartige Zeit. Als ich mit diesem Jungen, unserem Erstgeborenen, höchst schwanger war, stellte sich etwas Kurioses heraus. Ich, Volltheologin, kirchlich verheiratet mit allem Pi, Pa und Po, und Pastoralreferentin in Ausbildung, war nicht getauft (ich erzähle dir jetzt nicht warum, das würde zu weit führen, glaube mir). Deshalb stand ich hochschwanger an einem heißen Sommertag in einer winzig kleinen Kirche und ließ mich taufen. Es war sehr bewegend. An meiner Seite der Gatte und meine liebste Freundin, die meine Patin wurde. Ein halbes Jahr später, an einem kalten Wintertag, standen wir wieder in einer Kirche und wir legten dieser Patenfreundin unseren kleinen Jungen in die Arme. Mein Sohn und ich teilen uns eine Taufpatin (er hat noch einen ebenso großartigen Patenonkel, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Dieses Jahr wird der Junge sechzehn und gefirmt. Die größten und wichtigsten Geschenke, die wir ihm bis hierher machen durften, sind seine Geschwister und seine Paten. Er sitzt nicht alleine im Boot, ich auch nicht, und du auch nicht, wann immer wir das spüren und erleben, feiern wir ein kleines Osterfest.

Deshalb ist Ostern für mich das größte aller Feste. Du kannst es immer und immer wieder feiern, nicht nur an Ostersonntag mit Schokoeiern und Hefezopf. Ostern kann dir jeden Tag passieren, begegnen, geschenkt werden. Wen Freundschaft die Jahre überdauert, wenn Scherben vergeben werden, wenn du dein Kind in guten Händen weißt, wenn du gnädig warst und Gnade erfahren hast, wenn nach dem Zanken das Lachen kommt, wenn wir nicht aufhören unsere Risse zu vergolden und vergolden zu lassen. Immer dann, wenn die Ewigkeit aufblitzt in unserer kleinen Welt, trotz oder gerade wegen aller Zweifel, Ängste und Veränderungen, die die Welt so mit sich bringt.

Auch ganz offiziell geht die österliche Festzeit ja bis Pfingsten. Also darf ich dir von ganzem Herzen: „Frohe Ostern!“ zurufen.

Falls dein Name Katharina ist, und du bei mir etwas gewonnen hast, dann melde dich doch bitte dringend bei mir. Das Päckchen ging auf Reisen und kam unversehens wieder zurück. Aber es gehört doch dir!!

5 Gedanken zu “Von Tellern, Tälern und jungen Tanten

  1. Liebe Sandra, ich möchte so wunderbar schreiben können wie Du, aber ich kann es nicht-deshalb schreibst Du diesen genialen Blog, für den Du den Blog-Nobelpreis erhalten solltest. Ich danke Dir für all das Viele, das Du mir in den letzten Jahren hast zu Gute kommen lassen. Du bist ein unbeschreiblich wertvoller Schatz für uns Mütter! Sei gesegnet!

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