{"id":1320,"date":"2017-01-20T16:24:42","date_gmt":"2017-01-20T14:24:42","guid":{"rendered":"http:\/\/7geisslein.com\/?p=1320"},"modified":"2017-01-20T16:24:42","modified_gmt":"2017-01-20T14:24:42","slug":"im-spiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/7geisslein.com\/?p=1320","title":{"rendered":"Im Spiegel"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Morgen stand ich um sechs Uhr fr\u00fch auf, wurschtelte mich in meine Kleidung, weckte verschlafene Kinder, machte Fr\u00fchst\u00fcck, streichelte mein hochfieberndes Kleinkind und kochte dem ebenfalls fiebernden Gatten einen Tee. Dann verfrachtete ich den nicht kranken Teil der Herde in Kindergarten und Schule und blieb gleich dort, denn Donnerstagmorgens darf ich Lesemama in der ersten Klasse sein. Wir buchstabierten uns durch das Leseblatt und ich fuhr f\u00fcr einen kurzen Zwischenstopp nach Hause, um nach den Kranken zu sehen und das gr\u00f6bste Chaos zu beseitigen. Um 9.15 sank ich im Friseursalon meines Vertrauens auf den Stuhl und zuppelte das Haargummi aus dem mittlerweile obligatorischen Pferdeschwanz. Ich kann Friseurspiegel nicht leiden. Sie enth\u00fcllen auf sehr uncharmante Weise den beklagenswerten Istzustand. Schlimmer sind nur noch H&amp;M Umkleidekabinen. Geht gar nicht. Der unbarmherzige Spiegel zeigte Haare, die wenig mit Frisur, aber viel mit entfesselter Putzwolle zu tun hatten.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fc\u00dfung der Friseurin fiel freundlich, ihre Bestandsaufnahme ern\u00fcchternd aus. Kopfsch\u00fcttelnd begutachtete sie den Haarschopf und murmelte was, von allerh\u00f6chster Zeit. Sie verschwand und kehrte mit meiner&#8220;Karte&#8220; zur\u00fcck. &#8222;29.September!&#8220; Sie wedelte anklagend mit dem wei\u00dfen Zettel unter meiner Nase.&#8220;29.September!!&#8220; Echt?! Oh, ich versank kleinlaut im Stuhl. War mir jetzt gar nicht so bewusst, wie lange mein letzter Friseurbesuch schon her war. Schuldbewusst plapperte ich etwas von &#8222;viel um die Ohren&#8220; und &#8220; Sie wissen ja, wie das ist&#8220;. Nein, wusste sie nicht. Warum auch? Beherzt machte sie sich an die Arbeit und str\u00e4hnte und wusch und schnitt, was das Zeug hielt. Das Resultat konnte sich sehen lassen. Ich gelobte hoch und heilig Besserung und machte mich auf \u00a0den Weg, um f\u00fcrs Mittagessen zu sorgen.<\/p>\n<p>Nein, das ist kein Jammerbericht dar\u00fcber, dass ich Aller\u00e4rmste soviel um die Ohren habe, dass ich es nur alle sechs Monate zum Friseur schaffe. Aber getroffen hat mich die Geschichte schon. Denn sie hat viel mit F\u00fcrsorge f\u00fcr die eigene Person zu tun und die vernachl\u00e4ssige ich hin und \u00a0wieder geh\u00f6rig. Und das ist dann nicht Zeitmangel sondern falsche Priorit\u00e4tensetzung oder auch schlicht Bequemlichkeit. Und ich dachte daran, dass ich einen Tag zuvor\u00a0mit meinen Kommunionkindern bei der Beichtvorbereitung mit dem zust\u00e4ndigen Pfarrer sa\u00df . Sehr liebevoll erkl\u00e4rte er ihnen die zehn Gebote und dass letztlich alle in dem einen m\u00fcnden: du sollst dein Herrn und Gott lieben wie deinen N\u00e4chsten und dich \u00a0selbst. Bis hierher \u00a0hatte ich dem letzten Teil des Gebotes nicht all zuviel Beachtung geschenkt, denn ich dachte h\u00e4ufig, es k\u00e4me einem Freibrief zur Egozentrik gleich und Egozentrik gibt es wahrlich genug auf der Welt.<\/p>\n<p>Aber das ist nat\u00fcrlich viel zu kurz gedacht. Vielmehr geht es darum, gut f\u00fcr sich zu sorgen, mit liebevollem Blick \u00a0und einem hohen Ma\u00df an Verantwortung f\u00fcr das Geschenk eines eigenen K\u00f6rpers und einer eigenen Seele. Selbstverst\u00e4ndlich sorge ich mich um meine Familie, aber genauso selbstverst\u00e4ndlich muss ich f\u00fcr mich selber sorgen. Das ist kein Egoismus sondern schlichte Notwendigkeit. \u00a0Ich vergesse es nur hin und wieder.<\/p>\n<p>Als ich nach Hause kam, schlug der Gatte die fieberverqollenen Augen auf und sagte :&#8220; Das sieht sch\u00f6n aus!&#8220;. Hmm. Ich freute mich. Freude ist gut. Wieder ein wenig F\u00fcrsorge f\u00fcr mich. Ein Gang durch das eisigblauen Winterwetter. Salat schnippeln. Suppe kochen. Das Gl\u00e4tteisen aus dem Schrank holen. Ein wenig Nagellack. Lesen. Ein paar Reihen stricken. F\u00fchlt sich schon besser an.<\/p>\n<p>So schwer ist es gar nicht, auch den letzten Teil des Gebotes zu befolgen, von dem Jesus sagte, dass es das Wichtigste sei. Heute sitze ich auf dem Sofa und halte ein jammerndes Kind auf dem Scho\u00df. Seine Glieder schmerzen, das Fieber steigt. Auch mein kleiner Junge wird krank. F\u00fcrsorge? Selbstverst\u00e4ndlich. Aber ich habe auch wieder einen Friseurtermin. In sechs Wochen, nicht in sechs Monaten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"sharedaddy sd-sharing-enabled\"><div class=\"robots-nocontent sd-block sd-social sd-social-official sd-sharing\"><h3 class=\"sd-title\">Teilen mit:<\/h3><div class=\"sd-content\"><ul><li class=\"share-twitter\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/7geisslein.com\/?p=1320\" data-text=\"Im Spiegel\"  >Tweet<\/a><\/li><li class=\"share-facebook\"><div class=\"fb-share-button\" data-href=\"https:\/\/7geisslein.com\/?p=1320\" data-layout=\"button_count\"><\/div><\/li><li class=\"share-jetpack-whatsapp\"><a rel=\"nofollow noopener noreferrer\" data-shared=\"\" class=\"share-jetpack-whatsapp sd-button\" href=\"https:\/\/7geisslein.com\/?p=1320&amp;share=jetpack-whatsapp\" target=\"_blank\" title=\"Klicken, um auf WhatsApp zu teilen\" ><span>WhatsApp<\/span><\/a><\/li><li><a href=\"#\" class=\"sharing-anchor sd-button share-more\"><span>Mehr<\/span><\/a><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><\/ul><div class=\"sharing-hidden\"><div class=\"inner\" style=\"display: none;width:150px;\"><ul style=\"background-image:none;\"><li class=\"share-pinterest\"><div class=\"pinterest_button\"><a href=\"https:\/\/www.pinterest.com\/pin\/create\/button\/?url=https%3A%2F%2F7geisslein.com%2F%3Fp%3D1320&#038;media=https%3A%2F%2Fsecure.gravatar.com%2Favatar%2Fcea458b6d06f6b5ce260fa183dff8dd2%3Fs%3D96%26d%3Didenticon%26r%3Dg&#038;description=Im%20Spiegel\" data-pin-do=\"buttonPin\" data-pin-config=\"beside\"><img src=\"\/\/assets.pinterest.com\/images\/pidgets\/pinit_fg_en_rect_gray_20.png\" \/><\/a><\/div><\/li><li class=\"share-end\"><\/li><\/ul><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Morgen stand ich um sechs Uhr fr\u00fch auf, wurschtelte mich in meine Kleidung, weckte verschlafene Kinder, machte Fr\u00fchst\u00fcck, streichelte mein hochfieberndes Kleinkind und kochte dem ebenfalls fiebernden Gatten einen Tee. 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