Beziehungsweise

Heute morgen öffnete ich um 6.40 Uhr die Türe und schob ein paar schlaftrunkene, tapfere und bis zur Unkenntlichkeit vermummte Schulkinder und einen leise grummelnden Gatten hinaus in den pladdernden Regen. Gelbe und braune Blätterhaufen wirbelten durch die immer noch tiefschwarze Dunkelheit, mehr Herbst kann nicht mehr werden, der November erfüllt pflichtschuldig alle Erwartungen, die gemeinhin an ihn gestellt werden.  Während ich den tropfenden Gestalten schnell noch ein paar gute Wünsche hinterherschob, fing es hinter mir an zu bellen, als hätten wir uns zur Babykatze auch noch einen rachitischen Hofhund zugelegt. Haben wir nicht, es ist nur unser Zwillingsjunge, der da vor sich hin kläfft.

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Und mit einem Seufzer der Erleichterung kehrte ich zurück in das warme, hell leuchtende Haus, in dem es trocken ist und nach Kaffee riecht. Ein wenig später wagte ich mich selbst hinaus, um einen aufgeregten Drittklässler zur Schule und zur anstehenden Grammatikarbeit zu bugsieren. Während ich vorsichtig das Auto durch all das Gepladder steuerte, überlegten wir kurz nochmal, ob es nun „ich gang“ oder „ich ging“ heißt, dass man mit festem Stand auf dem Boden besser denken kann, und dass das Klassenzimmer nichts weiter ist, als ein Wald mit rauschenden Bäumen, in dem man sich ohne Ablenkung aufs Papier konzentrieren kann. Uff, auf dem Rückweg schnell noch ein ungesundes Frühstück gekauft, weil es im Hause 7Geisslein nun mal wesentlicher Bestandteil jeder Gesundwerdtherapie ist, dass man mit einem ungesunden Frühstück und einem Glas Saft auf der Couch sitzt. Außerdem muss man dabei unbedingt „Petterson und Findus“ schauen, am besten eingekuschelt in eine Decke und mit einem lieben Menschen an der Seite, in diesem Falle eine sich solidarisch krankfühlende Zwillingsschwester. Dann steht der Gesundwerdung nichts mehr im Wege. So früh am Morgen und schon so viele gute Wünsche, so viele Worte, ein paar Umarmungen, so viele kleine Zeichen der Liebe, so viel Beziehung.

Und nun sitze ich am Laptop und sinniere darüber nach, dass dies wohl das größte Gottesgeschenk an die Menschheit ist, dass er uns als beziehungsfähige und beziehungsbedürftige Wesen geschaffen hat. Wesen, die hungrig sind nach Liebe, guten Worten und Fürsorge, wie nach dem täglich Brot, durstig nach persönlichem Austausch, Gesehen und Verstanden werden. Die Sehnsucht nach Beziehung lässt uns immer wieder über den Schatten unseres eigenen Ichs hinausspringen, sie ist größer als die Angst, zurückgewiesen zu werden, stärker als die Furcht vor Verletzung und Scheitern. Vom Augenblick unsere Geburt suchen und ersehnen wir Beziehung und sie ist genauso essentiell zum Überleben, wie die Luft zum Atmen. Aufeinander einlassen, für einander da sein, Nähe spüren und Geborgenheit, immer wieder – obwohl und trotzdem wir so oft aneinander leiden, scheitern und uns verlieren, obwohl es nie eine Geling- Garantie gibt.

Letzten Freitag habe ich mich auf den Weg nach Essen gemacht, mit schlotternden Knien und Übelkeit im Bauch. Im Laufe der Woche waren mir ungefähr eine Trilliarde Gründe eingefallen, warum ich der Einladung des SCM-Bundesverlages zu einem Treffen christlicher Bloggerinen besser nicht folgen sollte. Allein die Autofahrt! So viele fremde Menschen, was, wenn keine mit mir sprechen würde, was, wenn ich mutterseelenallein und voller Scham drei Tage auf meinem Stuhl kleben müsste, was, wenn die anderen merken, dass ich da gar nicht hingehöre, nur eine Mama bin, die hin und wieder ein paar Worte in ihren Laptop hackt, und wenn überhaupt  alles ein schreckliches Missverständnis wäre? Die Selbstzweifel überfluteten mich, ein Meer aus Fragezeichen und Seelennöten, die nicht nur an meinen Nerven zerrten, sondern aus mir auch eine ziemliche Nervensäge machten, die der Gatte tapfer erduldete.

Am Donnerstag fand ich völlig überraschend in meinem Briefkasten ein kleines Päckchen. Ein Päckchen voll Ermutigung von einer lieben Freundin, die ich gerade erst beginne richtig kennenzulernen. Und ich fuhr ich trotzdem. Ich wagte die Fahrt, ich wagte Beziehung und wurde mehr als reich beschenkt. Mit wunderbaren Begegnungen, mit Ermutigung und Worten. ich durfte Frauen persönlich kennenlernen, deren Worte mich schon so lange begleiten, die mich durch ihr Schreiben schon so oft ermutigt und getröstet hatten. Da waren sie, ganz in echt, entwaffnend offen, entwaffnend ehrlich, schön, klug und herzlich. Allesamt. Ich hatte gewagt und ich hatte einen riesengroßen Beziehungsschatz gewonnen. Ich durfte zuhören und lernen, das Herz öffnen und staunen. Ein Schatz, den ich am Sonntag in meinem übervollen, dankbaren Herzen nach Hause fuhr.

Zuhause angekommen wurde ich schon sehnsüchtig erwartet. Auf meinem Kopfkissen lagen tatsächlich fünf Briefe, gestaltet mit Worten und Farben der Liebe und des Vermissens. So viel Beziehung, so viel Gnade. Und weil Martinstag war, nahmen wir die Laternen und liefen zum Umzug. Martinsumzüge sind in der Regel laut und wuselig und auch ein wenig anstrengend. Aber jedes Jahr gibt es den Moment, an dem wir zurück nach Hause gehen. Der kürzeste Weg führt durch Koppeln und Wiesen, eingetaucht in tiefschwarze Nacht, nur ein paar Sterne am Himmel und die schmale Sichel des Mondes. Da brauchst du wirklich zwei Laternchen, um nicht versehentlich im Graben zu landen. Ich hielt meine Zwillinge an den Händen, wir sangen die alten Martinslieder ganz alleine, nur für uns und ich dachte: nicht nur den Mantel sollst du teilen. Vor allem teile dein Herz, deine Liebe, deine Sehnsucht nach Nähe. Dann wirst du überreich beschenkt.

 

Wind of change

Gestern stieg ich die Treppe zu den Kinderzimmern hinauf und besuchte mein großes Mädchen. In der Hand hielt ich einen Becher Tee und einen nur fast angekokelten Keks, ich hatte so die Ahnung, dass sie beides gut würde gebrauchen können. Sie saß in ihrem Zimmer und referierte der Katze die zehn Grundregeln des Mikroskopierens, wobei die Katze sich nur mäßig interessiert zeigte und bald das Weite suchte.

Lange saß mein Mädchen schon so in ihrem Zimmer, draußen war es bereits dunkel geworden,  und der Wind rüttelte am Haus. Ein langer Schultag lag hinter ihr, sie hatte Hausaufgaben gemacht, ihre Lateingrammatik wiederholt und englische Vokabeln gepaukt. Nun also noch das Mikroskop. „Unfassbar, wie fleißig sie ist“, dachte ich so bei mir und  dann streichelte ihr ein bisschen das Haar und sprach meinem Kind  Mut zu, weil es nicht nur unfassbar fleißig ist, sondern auch sehr müde, angestrengt und ein wenig angespannt von Zeit zu Zeit.

 

Und schließlich erwähnte ich, dass es zwar nicht unbedingt hilfreich, aber doch tröstlich sei, dass es den anderen Kindern ihrer Klasse genauso erginge und sie ja gar nicht allein sei, mit all der Plackerei. Ich wusste, dass es so ist, ein oder zwei Mütter hatten sich aus der Deckung gewagt und davon erzählt, sogar die Klassenlehrerin war kontaktiert worden und auch die hatte bestätigt, was eigentlich nur logisch ist. Die sind alle müde, angestrengt und angespannt. Weil so ein Schulwechsel eine gigantische Herausforderung ist, die nicht in wenigen Wochen gewuppt ist. Eine neue Klasse, in der keiner irgendjemanden kennt, neue Lehrer und neue Fächer, die große Stadt, allein die Anreise jeden Morgen aus allen Ecken des Umlandes, das gleichzeitige Erlernen von zwei Fremdsprachen und einem dementsprechenden Umfang an Hausaufgaben und schließlich das Leben mit der Erkenntnis, dass in jeder Stunde in jedem Fach eigentlich ein Test geschrieben werden könnte. Alles im Umbruch.

 

Wir selbst haben dieses Prozedere ja schon einmal durch und wissen: wenn der nächste Frühling kommt, ist die Kuh vom Eis. Dann winken sie müde lächelnd ab, wenn es um ein paar Vokabeln, einen verpassten Zug oder eine Hausaufgabenüberprüfung geht. Dann fühlen sie sich zuhause an ihrer neuen Schule und führen souverän und mit altväterlichen Mienen zukünftige Sextaner durchs Schulgebäude. Bis dahin ist es ein langer, steiniger Weg, der vieles verändert und fordert, dass man immer wieder über den eigenen Schatten springt.

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Verändernde Lebensphasen sind einfach eine irre Herausforderung, egal wie alt du bist. Es ist ein wenig so, als würden wir ein Leben lang immer wieder neu geboren, neu gestaltet und entwickelt, nie sind wir fertig, egal ob acht oder achtzig.  Manchmal ist es von außen ganz offensichtlich: wenn wir laufen lernen, in die Schule kommen, erwachsen werden oder Eltern. Manchmal ist es ein innerer, fast unsichtbarer Prozess. Immer ist da erst eine Zeit des Entwickelns und Werdens bis sich das Neue nicht mehr aufhalten lässt und mit viel Getöse und selten ohne Schmerzen nach Außen drängt, ein riesen großes Durcheinander, das eben auch müde macht, angestrengt und etwas gereizt. Irgendwann gehst du mit sicheren Schritten, irgendwann ordnet sich alles und du richtest dich ein, in deiner neuen Haut. Bis es irgendwann wieder losgeht, alles in dir nach Veränderung ruft und gleichzeitig nach Sicherheit, wo du alles in Frage stellst und doch endgültige Antworten erhoffst:

 

„Weißt du Mama,“ sagte mein Mädchen zu mir, „Ich kann das gar nicht glauben, dass es den anderen genauso gehen soll. Bei denen sieht es immer so leicht aus, die sind nie müde oder haben Angst.“ Aha. „Und,“ fragte ich zurück, „Merkt man dir denn in der Schule an, dass du manchmal müde oder ängstlich bist?“ „Natürlich nicht,“ antwortete sie. „Ich bin ja nicht verrückt.“

Wann fängt das an, dass wir den Rollladen runterlassen und die Vorhänge zuziehen, wenn es um unser persönliches Befinden geht? Im Kindergarten? Oder erst in der Schule? Wann lernen wir das und von wem? Es geht ja nicht um Gejammer, wehleidiges Genöle oder einem öffentlichen Vollbad in Selbstmitleid. Aber stell dir nur mal vor, man dürfte in Zeiten des Umbruchs sagen: „Mir fällt das hier überhaupt nicht leicht. ich finde es schwierig und es strengt mich auch ganz schön an“. Und wie befreiend es wäre, wenn der andere dann sagen würde: „Weißt du was, mir geht es ganz genauso.“ Es würde so vieles leichter machen. Im Kindergarten und bei Schulwechseln, beim Freunde finden, im Studium, beim Heiraten und Kinderbekommen, beim Kindererziehen (oh ja!), Ehe leben und bei Berufswechseln, einfach in jeder verändernden Lebensphase, gleichgültig ob sie groß und offensichtlich oder eine innere Richtungssuche ist. Kein Mitleid sondern Mitgefühl: „kenne ich, ist fies, macht keinen Spaß und ist echt anstrengend.“

 

Es wäre so befreiend und erleichternd und man müsste sich bei allen Anstrengungen nicht noch mehr anstrengen, in dem wir so tun als wäre alles ein Spaziergang. Dann könnten wir uns in den Irrungen der Veränderung daran festhalten, dass wir nicht alleine sind, keine Schwächlinge und Versager, sondern normale Menschen, die immer mehr sie selber werden dürfen.

Draußen tobt der Herbststurm, in nur wenigen Tagen hat er alles verändert. Wir frösteln noch, suchen die warmen Decken und Mützen, richten uns ein in der neuen Dunkelheit. Auch heute werde ich ein paar Becher Tee kochen und die Treppe zu den Kinderzimmern hochsteigen. So unaufhaltsam Veränderungen auch sein mögen, ein paar Leuchtfeuer in der Dunkelheit trösten doch ungemein.

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Von kleinen Mäusen und starken Worten

Die Herbstferien sind zu Ende und wir sind zurückgekehrt, in unseren normalen Alltag, der uns zuletzt so sehr herausgefordert hat. Die einen mit mehr, die anderen mit weniger Begeisterung und Enthusiasmus. Meine beiden Mäusekinder (sind sie tatsächlich, denn sie besuchen die „Mäusegruppe“!), also meine beiden Mäusekinder gehören eindeutig zum enthusiastischeren Teil. Kindergarten ist eine feine Sache und man bekommt keine Hausaufgaben auf. Dieser Tage kehrten sie zurück und hatten die alt bekannte Geschichte von der Maus „Frederick“ im Gepäck -ein eindeutigeres Zeichen dafür, dass wir uns auf die dunklere Jahreszeit zubewegen, gibt es wohl kaum. Außer Laternenbasteln natürlich.  Ganz begeistert erzählten sie uns von den kleinen Feldmäusen, von Frederick und seinen Geschichten, um schließlich unser zerlesenes Exemplar aus dem Bücherregal zu fischen. Manche Geschichten verlieren ihre Wirkung nicht, egal wie alt sie sind, egal, wie viele Kinderohren sie schon gehört haben, egal, wie oft sie schon gesprochen und vorgelesen wurden.

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Der Gatte runzelte die Stirn und bekam einen leicht angestrengten Ausdruck in die Augen. Und weil ich meinen Mann ganz gut kenne, wusste ich auch sofort warum. Manche Geschichten verlieren ihre Wirkung nicht…Der Gatte hat seine liebe Not mit Frederick, der lieber in der Sonne sitzt und Bilder und Eindrücke sammelt, als Vorräte. Er wittert den Aufruf zu Faulheit und Schmarotzertum und das kann er mit seiner Arbeitsmoral überhaupt nicht vereinbaren. Ganz abwegig ist der Gedanke ja auch nicht, ich hatte ihn selbst schon oft genug. Manches mal dachte ich schon: „Wäre ich Feldmaus, ich hätte dem faulen Säckel  längst in den Hintern getreten. Hätte er mal mit gesammelt, dann würde es vielleicht für alle reichen, ich pfeif auf Geschichten von Farben und Sonne…!“

Andererseits denke ich immer und immer wieder, wie dringend wir diese Fredericks brauchen, Wesen die hinhören und hinschauen, die die richtigen Worte finden, wenn Rat und Sprachlosigkeit um sich greifen. Worte des Trostes und der Zuversicht, lustige Worte, humorvolle und vielleicht auch einmal ein ernstes. Kluge Worte, die ein anderes Bild ins Herz zeichnen, wenn das Leben zu karg wird und Seelenhunger an dir nagt, die dich einhüllen, wie ein wärmendes Tuch.

Wie oft schon haben mich Worte durch dunkle, kalte Tage getragen. Persönlich Worte zur richtigen Zeit, geschriebene, erzählte. Bücher und Geschichten können Leben verändern, da bin ich mir ganz sicher. Ich bin ein Mensch, der so sehr Worte braucht, Worte und Geschichten, sonst welke ich wie Klatschmohn in der Vase. Wir sollten uns noch viel mehr unsere Geschichten erzählen, die ehrlichen, wahren, die großen und die ganz kleinen und dadurch die Wärme der Menschlichkeit zum Vorschein bringen. Ehrliche Worte, nicht glattpolierte Bilder. Neulich las ich von jemandem, der morgens sein Bett nicht macht, weil er sich so gerne am Abend in ein zerwühltes Bett legt. Ist das nicht wunderbar?  Da scheint etwas wahrhaft Menschliches durch, eine Macke, eine Schrulle, etwas Echtes und gleich fühlt man sich weniger verloren.

Am Samstag stolperte ich selbst bei einem Frauenfrühstück über die altbekannte Geschichte von Martha und Maria. Martha, die alles gibt, um es Jesus und seinen Freunden eine gute Gastgeberin zu sein und Maria, die still neben Jesus sitzt und anstatt zu arbeiten, lieber seine Worte in sich aufsaugt. Irgendwann platzt Martha der Kragen und genau dafür kassiert sie einen ordentlichen Rüffel. Ich habe meine liebe Not mit dieser biblischen Geschichte, denn ich fühle wirklich sehr mit Martha, die alles richtig machen will und das wird wohl auch immer so bleiben. Aber vielleicht ist es ein wenig, wie mit der Maus Frederick. Manchmal ist es wichtiger still zu werden, hinzuhören und hinzuschauen, das Herz mit guten Bildern und heilenden Worten zu füllen, anstatt weiter zu rennen und emsig zu sein. Um selber davon zehren, wenn der Winter zu lange wird, um anderen davon zu erzählen. Von der Sonne, die scheint, auch wenn wir sie gerade nicht sehen,.. Wir brauchen die Weizenkörner, die unseren Bauch füttern, aber wir brauchen auch Futter für unsere Herzen. Manchmal dürfen wir andere füttern, mit guten Worten oder einer guten Suppe. Manchmal dürfen wir uns füttern lassen. Mit einem guten, handfesten Essen, wenn wir vor lauter Denken das Praktische vergessen haben. Mit guten Worten, wenn wir vor lauter emsigen Rennen am Wesentlichen vorbeigerannt sind.

Die Herbstferien sind vorbei, und wir sind zurückgekehrt, in unseren normalen Alltag, die nächsten Wochen werden sehr herausfordernd. Aber unsere Vorratskammern sind gut gefüllt. Wenn wir abends um unseren Esstisch sitzen, dann füllen wir nicht nur unsere Bäuche, sondern vor allem unsere Herzen. Brot und Worte. Suppe und Geschichten. An unserem Tisch sitzen Marthas und Marias, Fredericks und emsige Mäuse, alle sollen Platz haben, weil wir alle brauchen, weil sie in jedem von uns stecken. Wenn die Mischung stimmt, dann kommen wir unbeschadet durch den Winter, dann schaffen wir auch die herausfordernden Zeiten, dann sind wir satt an Leib und Seele.

Braveheart

Vor einer Weile ging ich nachmittags zusammen mit meinen drei jüngeren Kindern auf den nahe gelegenen Spielplatz. So lange hatten sie sie sich still gedulden müssen, während die Großen über ihren Hausaufgaben brüteten und mütterliche Unterstützung bei der Auseinandersetzung mit englischer Grammatik und Säulendiagrammen brauchten. Jetzt also schleunigst raus, die Sonne schien so schön (was für eine Überraschung in diesem Jahr…) und sie waren schon ganz zappelig vor Bewegungsdrang.P1080500

Mein fußballverrückter Drittklässler hatte natürlich einen Ball mit dabei, der Spielplatz ist vor allem auch ein Boltzplatz. Kaum waren die 250 Meter Weg geschafft, trollten sich die beiden Kleinen ins angrenzende Miniaturwäldchen um ein paar Stöcke zu finden und mein Junge wählte ein Tor zum kicken. Wir waren nicht die einzigen, ein paar Kinder waren schon eifrig am spielen. Fußballspielen. Sie kannten meinen Sohn, er kannte sie. Nicht gut, neinnein, aber „man kannte sich“ eben. Die Kinder waren freundlich und riefen zum Mitspielen. Eine rief ihn sogar mit Namen. Den ersten Ruf überhörte er geflissentlich. Den zweiten auch noch. Irgendwann mäanderte er zu mir rüber, angespannt, wie ein Flitzebogen. Ich las in seinem Gesicht, wie in einem Buch. Er wollte mitspielen, so gerne, aber er traute sich nicht. Man kannte sich, ja klar, aber eben nicht richtig. Einfach hingehen? Den Ruf besser ignorieren? Alles total peinlich irgendwie. Wie soll man denn einfach mitspielen? Für den schüchternen, zurückhaltenden Menschen können 25 Meter ein unendlich langer Weg voller Wenns und Abers sein.

Die Kinder spielten längst schon wieder, wie lange sollten sie auch warten? Und ich sagte zu ihm:“ Trau dich! Was soll passieren? Sie wollen doch, dass du mitspielst. Sie haben dich gerufen. Und es sind Fußballer, die wollen nur spielen, du musst gar nicht reden. Geh einfach hin und spiel mit“ Ich wiederholte meine Sätze, viermal, fünfmal, sein Kopf gesenkt, mit dem Fuß Kreise in die Erde malend, stand er zaudernd neben mir. Irgendwann strafften sich die kleinen, schmalen Schultern und er begann diesen langen, langen Weg, Schritt für Schritt, ganz langsam. Er war noch nicht ganz da, da kickte ihm jemand den Ball vor die Füße und das war`s dann. Ich saß auf dem Bänkchen und sah meinem Buben und dem ganzen wunderbaren Rest eine Stunde lang beim Fußballspielen zu. Und als die Stunde und das Spiel um waren, zogen wir zufrieden unseres Weges, ohne noch ein weiteres Wort darüber zu verlieren.

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Mein gar nicht mehr so kleiner Junge hatte all seinen Mut zusammengenommen, Beziehung gewagt und gewonnen. Mein Herz lief über, weil ich mich so für ihn freute, weil ich seinen Mut bestaunte und weil ich wusste, wieviel Überwindung ihn diese Schritte gekostet hatten. Beziehung wagen, im Kleinen wie im Großen ist immer ein Wagnis, birgt das Risiko von Zurückweisung, holt all unsere Selbstzweifel mit Schwung ans Tageslicht, legt ein Stückchen unserer Seele bloß.

Vor wenigen Tagen bekam ich eine E-Mail. „Wir sind in der Nähe, am Sonntag. Dürfen wir kurz mal vorbeischauen?“ Die mail kam von Veronika Smoor , deren geschriebene Worte mich schon so lange begleiten und die ich für genau diese Worte so unglaublich schätze. Habe ich mich umgedreht und zu meinem Mann gesagt: “ Na die traut sich was!Was ist das denn für eine Irre? Wie aufdringlich kann frau denn sein? Unfasslich, wieviel entgrenzte Freaks einen am heiligen Sonntag belästigen wollen!“? Natürlich nicht! Stattdessen habe ich mich umgedreht und gesagt: „Am Sonntag kommt Besuch und ich freue mich wie ein Schnitzel! Boah, ist die mutig!“ Denn ehrlich gesagt, ich hätte mich nicht getraut. Mir wären tausende Wenns und Abers eingefallen, meine Selbstzweifel hätten mich an die Wand gedrückt, meine Angst vor Zurückweisung, die Sorge mich mit diesem Ansinnen total lächerlich zu machen, hätten mich gehindert. Ich frage mich, wieviel Freundschaften und Beziehungen auf dieser Welt niemals zustande kommen, weil all diese Wenns und Abers ihnen vorher den Garaus machen.

Gott sei Dank, war Veronika mutig. Gott sei Dank hat sie Beziehung gewagt (und Gott sei Dank hat sie zwei wunderbare Töchter, die sich mit meinen Kindern gut verstanden haben) Wie schön, war dieser Sonntagnachmittag und wie bereichernd! Leider kann ich euch keine Fotos zeigen, von Kaffee und Kuchen, warmer Oktobersonne und unserem Plätzchen im Garten. Ich war zu sehr mit schwatzen und kennenlernen beschäftigt, mit einem echten Menschen im echten Leben und das ist wohl auch besser so (außer diesem einen, auf die Schnelle, eigentlich schon im Gehen…)

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Am Abend sagte der Gatte: „Die ist ja total nett. Und von ihrem Mut könnten wir uns durchaus ein Scheibchen abschneiden!“ Recht hat er, wie so oft. Mutig werden und Beziehung wagen, ein Stückchen Seele bloßlegen und den Wenns und Abers hin und wieder in den Hintern treten. Aufeinander zugehen. Willkommen heißen. Muss ja nicht immer gleich eine Seelenverwandtschaft entstehen. Nette Bekannte, um ein paar Bälle zu kicken sind auch viel wert. Be brave!

Und bevor ich es vergesse- da war doch noch etwas mit einer Verlosung….vielen, vielen Dank für alle Kommentare. Und gewonnen hat…Trommmelwirbel….Michaela Ruckh

Herzlichen Glückwunsch, liebe Michaela, und viel Spaß mit „Fips“. Bitte melde dich kurz bei mir, vielleicht über Facebook, Insta oder per Kommentar. Dann leite ich dich weiter.

 

 

Von Erdmännchen und kleinen Schafen

Am letzten Sonntagabend traf sich unsere kleine Sippe im Garten, es war ein langer, schöner Tag gewesen. Es war Erntedanktag und wir sammelten uns rund ums Lagerfeuer und überlegten, wofür wir dankbar waren. „Ich bin dankbar dafür, dass wir Salzbrezzelchen haben und ein Lagerfeuer. Und für Gott. Und ich bin dankbar, dass wir so eine wunderschöne Mama haben.“ Soweit mein vierjähriger Sohn und ich denke, dem ist nichts mehr hinzuzufügen…

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Eine der vielen Fragen, die den Gatten und mich schon eine wirklich lange Weile umtreiben, ist die, wie wir als Familie unseren christlichen Glauben leben und unseren Kindern weitergeben wollen, in unserem Alltag, da wo und so wie wir leben, Gott greifbar und fühlbar machen. So sich den Menschen die Frage überhaupt stellt, ist  es eigentlich eine simple Frage, aber auf den zweiten Blick doch ganz schön kompliziert. Denn natürlich wünschen wir uns einen lebendigen Glauben, einen der trägt und hält, der die Richtung weist und stabiles Fundament ist, für uns, unsere Familie, für jedes einzelne Kind, nicht aus Tradition sondern aus persönlicher Entscheidung und Überzeugung.

Denn wenn wir mal ehrlich sind, dann ist mit dem Besuch des Sonntagsgottesdienstes  das Thema in keiner Weise abgehandelt, vor allem wenn deine Kinder noch jünger sind und es keine altersentsprechenden Angebote gibt, vielleicht müssen sie den Gottesdienst eher erdulden als feiern zu können (und du auch!). Vielleicht fühlst du dich selbst in deiner Kirche fremd und bist noch auf der Suche. Vielleicht bist du aber auch ganz aktiv in einer Gemeinde, deine Kinder sind immer mit dabei und trotzdem wünschst du dir eine stärkere Verhaftung des Glaubens in eurem ganz normalen Alltagsleben, da wo er ja auch am Dringlichsten gebraucht wird. Vielleicht ist es von allem ein bisschen.

Jeden Mittag sprechen wir ein Tischgebet, jeden Abend und jeden Morgen segne ich unsere Kinder, wunderbare Ankerstellen an jedem einzelnen (All)tag, aber manchmal schleicht sich auch hier eine Art Routine ein, die Worte werden gesprochen, weil sie immer gesprochen werden, sie gehören dazu wie Haare kämmen und Zähneputzen. Wenn ich ehrlich bin, haben wir bei unseren jüngsten Familienmitglieder längst nicht soviel Zeit um die entsprechenden Bilderbücher zu lesen, wie wir es mit den Größeren ganz selbstverständlich taten. Wieder werden wir nach den Herbstferien ein Kommunionkind im Hause haben und so bekommen die Fragen des Glaubens eine ganz neue Relevanz, für mich selber, für unseren Drittklässler, für die Großen und die Kleinen. Neue Impulse im Hause 7geisslein also dringend gesucht.

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Um so erfreuter war ich also, als dieser Tage einige Probeexemplare der niegelnagelneuen  Vorlese und Mitmach-Zeitschrift „Fips“ aus dem SCM Verlag in unserem Briefkasten lag. „Fips“ ist sozusagen das kleine Geschwisterkind der „Family“ und für die Altersgruppe der 3-7jährigen gedacht. Heute morgen, einem verregneten zweiten Ferientagsmorgen, haben wir die Zeitschrift fachmännisch auf Herz und Nieren unter die Lupe genommen. War keine große Arbeit, denn wir hatten vor allem eines: viel Spaß und Freude.

Die Zeitschrift, die auf festeres Papier gedruckt und damit auch für kleine Kinderhände gut fassbar ist, enthält eine liebevolle Mischung aus Geschichten, Basteln und Malanregungen, einem biblischen Thema und Wissenstexten. Wir sind jetzt um einiges klüger, was Erdmännchen und Pilze angeht. Die Sachtexte sind leicht verständlich, ohne dabei „doof“ zu werden und nicht nur unsere Zwillinge waren ganz angetan. Besonders gut gefallen hat mir persönlich die wirklich liebevoll erzählte und illustrierte Bearbeitung des „guten Hirten“. Ich habe ja ein Faible für Sprache, zugegeben, und so eine gelungene und kindgerechte Nacherzählung eines biblischen Textes ist mir selten in die Finger gekommen, da macht dann auch Vorlesen richtig Freude. Hier wurde auf jeden Fall mit gefiebert und tatsächlich entstand daraus ein reger Gedankenaustausch. Danach wurde gebastelt und gerätselt, dass die Scheren nur so glühten. Kleine Schäfchen sind entstanden und der Hirte steht nicht mehr alleine auf seiner Weide herum. Positiv aufgefallen ist der Vielkindmama, dass man weitere Bastelvordrucke hätte ausdrucken können.

Falls es dir bis hierher entgangen sein sollte- ich bin wirklich angetan und was ja eigentlich viel wichtiger ist: meine Kinder waren richtig angetan! Und wenn du selber auf der Suche bist nach neuem Input für deine Kinder, eure Familie und euer Glaubensleben, ganz egal aus welchen Gründen, ja dann empfehle ich dir diese Kinderzeitung. Unter www.family-fips.net kannst du dir ein kostenfreies Probeexemplar bestellen und dann testet ihr einfach selber. Oder, tata!!, du hüpfst hier in den Lostopf! Denn freundlicherweise darf ich hier ein Jahresabo dieser Zeitschrift verlosen, die mir der SCM Verlag zur Verfügung stellt! Und weil ich wirklich neugierig bin, wie ihr euren Glauben in eurem Familienalltag lebt, auf eure Rituale und Ideen (und mir dadurch natürlich jede Menge Bereicherung erhoffe…), geht die Teilnahme an der Verlosung auch ganz einfach: hinterlasse einfach in den Kommentaren eine Nachricht, wie ihr in eurer Familie euren Glauben lebt, vielleicht eine gute Idee, einen Rat oder eine Anregung und schwups bist du dabei. Am 12. Oktober ist Einsendeschluss und dann wird gelost. Viel Glück.

Zeit für…

Ferien…ich erinnere mich an einen Spaziergang während unseres Sommerurlaubs, bei dem die Kinder und ich uns über die neue Ferienregelung in Rheinland- Pfalz ereiferten, vor allem über gekürzte Weihnachtsferien und so etwas Unsinniges wie Winterferien. Warum die heißgeliebten Weihnachtsferien kürzen? Und wenn schon kürzen, warum dann nicht bei den Herbstferien? Braucht kein Mensch, da ist man doch noch blendend erholt und…dann kehrten wir gutgelaunt ins Ferienhäuschen zurück um ein bisschen Essen auf den Grill zu werfen. Einige Monate später krochen wir den Herbstferien entgegen, wie Verdurstende dem Brunnen. Fix und alle, komplett erledigt, im Eimer und überreif für eine Pause. Mein großes Tochterkind, das alle neuen Herausforderungen, die der Wechsel auf die weiterführende Schule eben so mit sich bringt, wirklich mit Bravour gemeistert hat, klagte tagelang über Migräne und konnte am Ende den verspannten Hals gar nicht mehr bewegen (das arme Kind ist seiner Mutter in mancher Hinsicht einfach schrecklich ähnlich…). Aber nicht nur sie, nein wirklich alle 7geisslein hatten ihr Limit erreicht. Also ein Hoch auf die Herbstferien, die man natürlich niemals kürzen sollte!P1080481

den Wald…Im Herbst wird meine Waldsehnsucht übermächtig und will gestillt werden, da kann ich rein gar nichts ändern. Also packen wir Kinder und Überlebensproviant ins Auto und fahren los. Ich wohne ja ganz gerne da wo wir wohnen, aber über die gänzliche Abwesenheit von Wald werde ich wohl nie ganz hinweg kommen (ich bin im Pfälzer Wald aufgewachsen- im Mai und im Oktober überkommt es mich…) Ich liebe den Geruch, die Schätze, die wir finden, Thermoskannen mit Tee und Essen unter Bäumen. Wir wollen nirgends einkehren und uns nicht bewirten lassen, wir wollen einfach draußen sein. Ein Gott geschenkter happy place, ganz umsonst zu haben und nach ein paar Stunden werden wir alle ruhiger, zufriedener und entspannter.

Lesen…gute Kinderbücher und nicht ganz so gute Krimis. Gute Kinderbücher zum Vorlesen zu finden, wird immer schwieriger, einfach weil die Alterspanne zwischen acht und zwölf recht herausfordernd ist. Wir sind trotzdem fündig geworden und alle gebannt vom „Herrn der Diebe„. Ich persönlich mache mal wieder eine Zwischenlandung beim guten, alten, englischen Landhauskrimi. Da lande ich immer, wenn Herz und Hirn übervoll sind. Ich liebe das Lesen und gute Bücher, aber der Haken daran ist, dass ich häufig zu sehr mitfühle, zu sehr Teil der Handlung werde und dann leider nicht mehr abschalten kann. Passiert mir bei Inspector Jury und co nicht. Ein paar ordentliche Leichen in hübschen englischen Landschaften beunruhigen mich nicht all zu sehr (wobei sich ja schon manchmal die Frage stellt, wie da überhaupt noch Menschen leben können, bei der Mordrate..)

Picknick am Fluss…Wir haben zwar keinen Wald, aber dafür haben wir den Fluss, den großen Vater Rhein und der ist auch nicht zu verachten. Überhaupt, falls du noch auf der Suche nach einem Ferienvergnügen bist, dann pack die Kinder und das Abendessen ein und sucht euch draußen ein schönes Plätzchen. Am Fluss. Im Wald. Im Park, ganz egal. Hauptsache draußen. Und dann tankst du das goldene Oktoberlicht und saugst es in dir auf. Es hat mit Sicherheit ähnlich heilende Wirkung auf das Gemüt, wie „goldene Milch“ für dein Immunsystem. Und dann öffnest du die Augen und dein Herz für die kleinen, zauberhaften Schönheiten der Schöpfung und verwahrst sie gut, falls der Winter kalt und dunkel wird

Briefe…und zwar handgeschriebene. Dieser Tage flatterte mir einer dieser so rar gewordenen Kostbarkeiten ins Haus und ich habe mich so sehr darüber gefreut. Liebe M., ich danke dir so sehr! Nicht nur, weil es wirklich Menschen gibt, die sich in meinem kleinen Blogeckchen tatsächlich wohl fühlen und die durch meine Worte angesprochen werden, nein auch, weil du dir die Mühe gemacht hast, deine Gedanken mit Tinte aufs Papier zu bringen! Passend dazu hat mein Drittklässler seit einer kleinen Weile einen echten Brieffreund, vermittelt von seiner Lehrerin. Und auch er freut sich so sehr über Worte in Tinte und ungelenker Schrift auf Papier gekrakelt. Ich bin wild entschlossen, etwas von dieser Freude weiterzugeben und mir Briefpapier und ein paar Kärtchen zu besorgen. Weil E-Mail und whats app zwar schneller gehen, aber lange nicht so eine tiefe Reichweite haben

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Faul sein…ja ich denke, das ist es wohl, was wir gerade sind. Nicht rund um die Uhr, nein, dass nicht. Da sind immer noch so viele Vokabeln, ein Geschichtsreferat und eine Lektüre, zahlreiche Schränke, die ausgemistet werden müssen und viele Ideen, die auf Verwirklichung warten. Aber nach zwei bis drei Stunden ist Schluss. Dann suchen wir uns ein Plätzchen in der Sonne und sind faul. Ich freue mich an Robin Hood und seinen Gefährten, an winzigen Basteleien, an den kleinen Schönheiten, die unser Höfchen uns jetzt noch schenkt. Nicht so viel Ernte, aber sehr viel Dankbarkeit

Lachen…Manchmal, wenn sich das Alltagskarussell zu schnell dreht, vergesse ich vor lauter angespannt gucken das Lachen. Das Lächeln kommt mir selten abhanden, aber das tiefe, glucksende, herzliche Lachen schon. Dabei lache ich doch so gerne. Zur Zeit ist es wieder häufiger da, dem Himmel sei Dank. Und wir haben eine Netflix Serie entdeckt, die dem Lachen sofort auf die Sprünge hilft. Jack Whitehall ist „Unterwegs mit seinem Vater“ und ehrlich: wenn du britischen Humor magst, dann liegst du auf dem Boden und japst nach Luft. Wir haben mit der zweiten Staffel angefangen und sind schwer begeistert.

Ich wünsche dir auch ein bisschen Zeit, zum Draußen sein und Suppe kochen, zum Faul sein und für drei bis fünf Bücher, für etwas, dass dich zum Lachen bringt und zum Herbstluft schnuppern. Zeit für ein paar Worte von Herzen, ein paar Stunden an deinem happy place und ein wenig Dankbarkeit.

Segnungen

Vorgestern am frühen Morgen musste ich eine Fahrt ins rheinhessische Hinterland unternehmen. Ich hatte zu dieser Fahrt überhaupt gar keine Lust, sie lag mir schon Tage vorher im Magen und vergällte mir die Laune. Nicht die Fahrt an sich natürlich, eher das Ziel, der Reise. Am Ende der Fahrt würde auf mich ein Wald aus Fragezeichen warten, nichts dramatisches, wirklich nicht,  aber schon unruhestiftend und nervös machend. Entsprechend grummelig und unwillig stieg ich also ins Auto, aber schon nach wenigen Kilometern blieb mir nicht anderes übrig, als ein bisschen zu staunen. Denn der Himmel an diesem Morgen war ganz unfassbar blau, septemberblau mit roten Sprengseln (das Christkind backt Lebkuchen, so heißt es bei uns…). Die Weinberge, immer noch schwer behangen, leuchteten in diesem Morgenlicht, Kürbisse stapeln sich schon vor den Hofeingängen, ein Hauch von Stars Hollow in Rheinhessen. So schlecht war meine Laune dann auch wieder nicht, als das ich mich diesem Septemberzauber entziehen könnte. Das erste was mir in den Sinn kam war: „Was für ein Geschenk doch solch ein Morgen ist! Lass ihn dir nicht vergällen“. Und der zweite Gedanke, der mir plötzlich im Hirn rumspukte: „Zähle deine Segnungen!“ Der Gedanke ist natürlich nicht von mir, ich habe ihn gelesen, aber just auf dieser Fahrt hatte ich ihn laut und deutlich in meinem Kopf.

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Innerlich befinde ich mich schon lange auf dieser Fahrt, an deren Ende ein Wald von Fragezeichen wartet. Veränderungen stehen an und ich hasse Veränderungen, auch wenn ich weiß, dass sie nötig sind. Ich tue mir schwer damit, Vertrautes loszulassen, tausend Fragen spuken in meinem Kopf herum, so viele Wenns und Danns und Abers. Und vor lauter Grübeln und Bedenken und Sorgen machen, übersehe ich leicht die Schönheit der Landschaft, durch die ich gerade reise, das Gute, was schon längst da ist, die Geschenke am Wegesrand. Zähle deine Segnungen! Und ich zählte.

Unser Haus ist fertig. Und wir finden es wunderschön. Unglaublich, dass wir dieses Projekt endlich angehen konnten, unglaublich, was Menschen mit ihrer Hände Arbeit für Veränderungen bewirken können, unglaublich, was ein wenig Farbe ausmacht. Und was für ein Segen, dass wir ein Zuhause haben, in dem wir uns alle wohlfühlen, dass uns Geborgenheit schenkt und in dem wir beieinander sein dürfen.

Ein kleines Fellknäuel ist bei uns eingezogen und hat uns direkt alle um den Finger gewickelt. Ihr Name ist Pünktchen, denn sie hat genau ein solches auf ihrem kleinen Köpfchen, obenauf, herzallerliebst. Und es ist wahrhaftig ein Segen und eine Freude, wie vorsichtig, liebevoll und achtsam wirklich all unsere Kinder mit diesem kleinen Lebewesen umgehen, besonders aber ihr Besitzer, unser schweigsamer, zurückhaltender Drittklässler. Fast haben wir den Eindruck, als sei er drei bis fünf Zentimeter gewachsen, unter der Wichtigkeit der Verantwortung, die nun auf seinen schmalen Schultern ruht.

Das letzte Wochenende war ein Geburtstagswochenende, obwohl gar keiner Geburtstag hatte. Aber beständig mussten Kinder zu irgendwelchen Feierlichkeiten gefahren und auch wieder abgeholt werden, was zwischenzeitlich einem organisatorischen Harakiri gleichkam. Ich freute mich darüber. Ich freue mich, dass sie Freundschaften schließen und haben, dass sie gemeinsam feiern und einander so besser kennenlernen, fernab von Schule und allem anderen. Und wir selber hatten am Samstag tatsächlich zehn Zwölfjährige zu Gast, was aus genau den selben Gründen einfach großartig war. Freundschaften sind ein Segen, sie bereichern und bestärken. Abgesehen davon lernte ich, dass Zwölfjährige unfassbar große Mengen an Nahrung verdrücken, ihnen drei Stunden Geocachingtour bei Nisselregen einen Heidenspaß macht und sie ansonsten die Anwesenheit von Erwachsenen nicht brauchen.

An den Nachmittagen konzentriert sich unser Leben vor allem rund um unseren Esstisch. Da stapeln sich Hefte und Gläser, Bücher und Bastelsachen, es wird viel gelernt, in diesen Tagen und viel gearbeitet. Ein Segen, ist dieser Tisch, der das alles trägt und an dem alle Platz finden. Und er steht in unmittelbarer Nähe zur Küche, in der auch alles nach Arbeit aussieht. Wenn die Köpfe zu sehr rauchen, oder sogar ein Tränchen fließt, dann hilft ein Stückchen Apfelkuchen, oder eine Tasse Tee, ein gutes Wort und das Wissen, hier bist du nicht alleine. Familienleben in höchster Konzentration, geballt in zwei Räumen (erstaunlicherweise hat unser Haus ja auch noch viele andere Räume, aber…).

Musik ist ein Segen, auch wenn ich sie nur in kleinen Dosen vertrage (die unsägliche „Cordula Grün“ hat mich schon drei Nächte gekostet, weil sie einfach nicht aus meinem Kopf verschwinden will!). Und Zumba tanzen. Ich habe es seit den Ferien nicht jede Woche geschafft, aber doch immer wieder, fast wie früher. Weder kann ich mit den Schultern wackeln, noch ist meine Hüfte sehr schwungfreudig und mein Gesicht hat nach zehn Minuten die Farbe einer reifen Aubergine, hach aber es macht mir Spaß. Eine Stunde lang ist mein Hirn leer, weil ich mich so auf die Füße der Trainerin konzentrieren muss. Und ich finde tanzende Menschen ein Segen, soviel Lebensfreude (als ich den Gatten kennenlernte, da hatte ich mich längst schon in den Tänzer verknallt, bevor ich mich in den Mann verliebte…)!

Ein Segen sind diese Menschen für mich, der kleine Räuber Hotzenplotz, der durch unser Haus streift, ein Lebkuchenherz, für mich gemacht, die Farben des Herbstes und durchnässte Kleidung auf der Haut, nach einem wirklich turbulenten Herbstspaziergang, die letzten blühenden Rosen, Schwesternhände, die einander Zöpfe flechten und ein warmes Bett.

An diesem kühlen, blauen Morgen erreichte ich mein Ziel und aus den Fragezeichen wurden Aussagesätze. Ich stieg wieder ins Auto und kehrte von meiner kleinen Reise zurück. Noch am selben Abend merkte ich, nur von dieser Kleinen, die Reise geht weiter. Veränderungen stehen an, ich werde Mut brauchen, um Entscheidungen zu treffen, um diese Veränderungen zu wagen und Neues zu beginnen. Und ich dachte an all meine Segnungen. Vielleicht sollte ich ein wenig mehr auf den vertrauen, der uns solchen Segen schenkt.

Kennst du deine Segnungen? Zähl doch mal wieder nach…

Loslassen und Willkommen heißen

Also, wir irren und wirren weiter. Nur so lässt sich die sehr unregelmäßige Schreiberei hier überhaupt rechtfertigen. Gerade habe ich meinen Eintrag von letzter Woche nochmals gelesen und das waren doch wirklich weise Worte, hm tjaja. Ich muss mich nur selbst immer wieder daran erinnern. Meine Phantasie von einem schlichten, simplen September scheint nicht ganz Realität werden zu wollen, es will einfach keine Monatsgrenze für solche Zeiten geben.

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Aber letzte Woche saß ich früh am Morgen in einem Mainzer Cafe und frühstückte mutterseelenalleine. Mit Gratisblick auf den bunten Wochenmarkt und den Dom in der Morgensonne. Das war wunderbar, eine rare Fastunmöglichkeit und ich genoss dieses unverhoffte Stündchen in vollen Zügen. Gesellschaft leistete mir die neue Ausgabe der „Family“ und ihr wirklich spannendes Dossier zum Thema „Loslassen“. Ich versuchte mich also im Loslassen und las gleichzeitig ganz vielseitige Aspekte zu diesem Thema, eine Übung in Theorie und Praxis sozusagen. Das „Loslassen“ ist ja ein Dauerbrennerlebensthema, es kann gigantische Formen annehmen, wenn es um die ganz großen Lebensbaustellen geht, aber es gehört genauso in jeden kleinen Bereich deines Alltagsleben. Loslassen von Vorstellungen, Lebensentwürfen und falschen Hoffnungen, Loslassen von Kindern, dem Kram im Keller, der Idee vom simplen September, von der ungestörten Nachtruhe und einem Mittwochnachmittag ohne kranke Kinder. Vielleicht musst du dich auch nur von deinen Plänen für den heutigen Tag verabschieden oder von der Hose in Größe 36. Immer wieder müssen wir uns neu ausrichten, neu sortieren, hinterfragen und eben akzeptieren, dass unsere Vorstellungen und Pläne nicht das Maß aller Dinge sind. Allen Loslassprozessen ist gemeinsam: nur wer loslässt schafft auch Platz für Neues, Raum für Entwicklung, kann frohen Herzens andere Wege willkommen heißen. Das Leben ist freundlich zu seiner manchmal lernunwilligen Schülerin und bietet ihr gerade jede Menge Loslassübungen im Kleinen und im nicht ganz so Kleinen….

Ich habe an diesem Freitagmorgen meine alte Brille losgelassen und herzlich Willkommen zum neuen Modell gesagt. Ha, das war eine leichte Übung! Und ich bin nur kurz hysterisch geworden, als ich dachte sie hätten mir das neue Modell in einer falschen Sehstärke gefertigt. Plötzlich war alles so wahnsinnig scharf und deutlich. Lag dann aber doch nur an meinem überforderten Hirn und den zerkratzten Gläsern des alten Modells. Loslassen und neuen Durchblick haben….

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Jede Menge Gerümpel haben wir losgelassen und „Herzlich Willkommen Sperrmüll“ gerufen. Auch eine Übung, die mir leicht fällt und die jedes Mal als wahnsinnig befreiend erlebe. Mein Herz hängt nicht an Dingen, tatsächlich nicht und ich freue mich über den gewonnen Platz. Das Chaos aber, bis das Zeug dann endlich abgeholt ist…. Loslassen und neuen Freiraum habenP1080232

Unser Haus wird endlich, endlich!!! gestrichen und wir lassen mit frohem Herzen das 80er Jahre Ambiente los, das viele dunkle Holz und die verwitterte Fassade. Herzlich Willkommen neue Helligkeit…okay, auch keine schwere Übung sondern eine, die viel Freude bringt und die mich vor allem bestätigt. Mit vielen kleinen Schritten kommt man auch ans Ziel. Es muss nicht immer alles auf Anhieb perfekt sein. Gestern Abend meinte mein Großer:“ Siehst du Mama, so wird das Haus immer mehr zu unserem“ Da hat er wohl recht und wir arbeiten ja auch erst zehn Jahre daran. Tschüss hektischer Perfektionswahn.

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Dafür ist das Loslassen von unseren Zeitvorstellungen, die wir für dieses Projekt konkret hatten schon sehr viel schwieriger. Dauert alles viel länger, zwischendurch gab es einen längeren Stillstand und an mir nagt die Ungeduld. Was ja eigentlich blöd ist, denn auf eine Woche mehr oder weniger kommt es eigentlich nicht an. Loslassen und ähm, wieder ein Fitzelchen geduldiger werden.

Ich trage mich mit dem Gedanken, die Idee vom Familienbett auf freiwilliger Basis langsam loszulassen. Bisher waren mir nächtliche Besucher und Dauergäste nicht unwillkommen. Aber es wird eng, denn die Besucher wachsen. Mittlerweile wird es so eng, dass meine mangelnden Möglichkeiten eine Schlafposition zu finden mir echt fiese Rückenschmerzen bescheren. Selber gehen und ein freies Bett zu okkupieren ist keine Lösung- sie finden mich überall. Ich denke also über das Loslassen nach, aber eine Lösung ist mir noch nicht eingefallen. Ich habe bei den Beteiligten mal vorsichtig nachgefragt. Sie sind guten Willens, meinen aber, dass sie es nachts leider immer vergessen würden. Loslassen und….Schlafen??!

 

Meine Idealvorstellungen von unserem Alltag lasse ich nur schweren Herzen ziehen- zumindest für den Moment. Dieser Tage jammerte ich dem Gatten die Ohren vor, wie sehr ich auf einen normalen Alltag im September gehofft hatte. Und nun…!!! Der Gatte gab vernünftigerweise zu bedenken, dass alle „wenn…dann“- Szenarien wenig erfolgsversprechend und eher frustrierend seien. Wenn erstmal alles wieder normal läuft, dann… wenn es wieder ruhiger wird, dann…Erfahrungsgemäß ist ja immer was, was gerade irgendwie nicht normal ist… Alltag ist jeden Tag, egal wie irre. Loslassen und die Welle surfen….

Immer wieder und gerade jetzt muss ich (wieder mal…) meine Vorstellungen, von dem was ich alles können und leisten möchte, modifizieren. Wieder einmal drei Schritte zurücktreten von Instagram und co. Wieder einmal die eigenen Grenzen akzeptieren, die eigene Persönlichkeit, die eigene Geschichte. Loslassen und „Willkommen Dankbarkeit“ rufen, für alles was gelingt, für alle guten Begegnungen, für unsere ganz einzigartige Art Familie zu sein und zu leben (und nur so kannst du Familie leben- auf deine ganz einzigartige Weise, vergiss das nicht, wenn du deinen Instaaccount öffnest…)

Du siehst also- ich bin schwer beschäftigt mit loslassen und Willkommen heißen. Und ich erspare dir jetzt mal meine Phantasien von einem völlig entspannten Oktober…Aber einen gesegneten Sonntag wünsch ich dir, und ein paar gelöste Momente!

 

 

 

 

 

Simply september

Herzlich Willkommen lieber September, was habe ich mich nach dir gesehnt! Ich weiß, es ist ein alter Schuh, aber September und Oktober sind nun mal meine absoluten Lieblinge im Jahreskreis und ich freue mich wie ein Kleinkind an Weihnachten. Endlich! Die Luft riecht anders, das Licht fällt anders, Vollernter rumpeln durch die Straßen, die Weinstöcke biegen sich unter ihrer Last, Farben über Farben und glücklich krame ich meine alte Teetasse aus dem Schrank, die ein verlässlicher, echter Seelentröster ist, aber bei 35 Grad im Schatten einfach zu nichts nütze. In der Sonne sitzen und sie genießen können, ohne Angst vor Sonnenstich und Hitzschlag ist doch einfach der Hammer! So fällt er mir sehr leicht, der Abschied vom Sommer, fast scheint es, als sei ich eine flatterhafte, untreue Person, wie ich so fröhlich mit dem September davon ziehe und dem Sommer, der uns doch so viele schöne Tage schenkte, kein Abschiedstränchen gönne.

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Aber mit dem heißen August sind wir ins Chaos gestürzt und nichts kann ich weniger gut aushalten, als das Gefühl von Chaos, lose, wirre Fäden, die ich zu ordnen suche, das Gefühl, überrannt zu werden. Da war (und ist…) der ganze Schulkladderadatsch, fieberheiße Scharlachkinder (hübsch hintereinander, sonst hätte man ja nichts davon), ein kaputtes Auto, das mich nötigte vier Tage alle Wege zu Fuß zu gehen und nölende Kleinkinder bei 32 Grad nach Hause zu lotsen, ein Haus voller Handwerker über Tage hinweg, ein weiterer Elternabend, der mich aus der Fassung brachte, Geburtstagsvorbereitungen und die allgemeine Weltlage. Keine Zeit zum schreiben, keine Zeit für Sport, keine Zeit für irgendetwas, zusammengeschnurrte Tage, die einen atemlos und völlig überdreht ins Bett sinken lassen, nur damit man schlaflos den Tag Revue passieren lassen kann.

Am Ende dieses irren Monats musste ich häufiger an meine wenigen (wirklich lächerlich wenigen) Hebräisch-Kenntnisse denken, an den einen Satz, den ersten der Genesis, in der alles ein einzig Tohuwabohu, ein Irrsal und Wirrsal ist. Es scheint wohl eine Gesetzmäßigkeit des Lebens hier auf Erden zu sein, dass es erst ein ordentliches Irrsal und Wirrsal braucht, bis die Dinge zu einer neuen, lebensfreundlicheren Ordnung finden, in der alles wachsen und gedeihen kann, in der Entwicklung möglich ist, in der wieder Licht wird und die Dunkelheit sich verzieht.

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Jetzt standen wir in den letzten Wochen natürlich nicht gerade am Rande der Urflut, aber es fühlte sich schon sehr nach Irrsal und Wirrsal an und wenn du durchs Chaos irrst, dann beschleicht dich irgendwann die leise Befürchtung, dass es ab jetzt für immer so bleiben wird und das ist ziemlich beängstigend. Denn manchmal kann man das Durcheinander nicht aus eigener Kraft bekämpfen, manchmal muss es einfach ausgehalten werden, weil die Umstände nun mal so sind, wie sie sind. Dann ist deine einzige Aufgabe, den Kopf über Wasser zu halten und zu üben, das Vertrauen nicht zu verlieren. Denn irgendwann wird aus dem heißen August September, irgendwann wird die Luft wieder klarer, irgendwann legt sich das Irrsal und das Wirrsal und etwas Neues ist entstanden. In unserem Falle werden Scharlachkinder wieder gesund, unser etwas in die Jahre gekommene 80er Jahre- Haus bekommt einen neuen Anstrich (und mein Herz hüpft wirklich jeden Morgen vor Freude, wenn ich in unser helles Wohnzimmer mit frisch gestrichenen weißen Fenstern komme), aus dem Schulkladderadatsch wird langsam Alltag mit Struktur, das Auto fährt wieder (und erfährt eine ganz neue Wertschätzung, das kannst du mir glauben).

Manche Dinge liegen noch immer im Tohuwabohu und ich fürchte, da werden sie auch noch eine lange Weile bleiben, in unserer kleinen Welt und in der großen Welt, außerhalb unserer geschützten vier Wände. Es braucht einen langen Atem, viel Geduld und vor allem Vertrauen in den, der das Licht in die Finsternis brachte.

An einem der letzten Samstag stand ich vor einem der schönsten Gebäude und Gotteshäuser, die ich kenne: dem Speyrer Dom. Der Speyrer Dom verkörpert für mich nicht nur ein Stückchen Heimat, nein, seine schlichte Schönheit zieht mich jedes Mal auf`s  Neue in seinen Bann. Groß, gewaltig und doch irgendwie simpel, schlicht, ohne Schnickschnack, einfach schön. Die warmen Farben der Steine, hell und freundlich, jeder Winkel voll von Geschichte und Geschichten- so mag ich es. Und während meine liebe Freundin meinem staunenden Tochterkind etwas über den Dom und seine Entstehungsgeschichte erzählte, dachte ich so für mich: wäre ich ein Gebäude, dann würde ich gerne so sein, wie dieser Dom. Schlicht, schnörkellos und trotzdem einladend, wärmend und freundlich. Nicht kühl modern, nicht munkelig dunkel und schon gar nicht überladen barock. Auch alles eindrucksvoll, ist ja klar, aber ich wäre lieber romanisch, dürfte ich es mir aussuchen. Und unser Leben wünschte ich mir in diesem Moment genauso. Romanisch schlicht.IMG-20180826-WA0004

Sehnsuchtsvoll denke ich immer wieder an dieses Gebäude, das so gar nichts von Chaos an sich hat. Aber seine Entstehungszeit, tja, die war echt turbulent. Alles braucht seine Zeit, alles hat seine Zeit.

Jetzt ist September. Simply September. Ich wünsche mir so sehr, dass es ein ganz romanischer September wird, schlicht und schön und simpel.

Und wenn du gerade mitten drin stecken solltest, im Chaos, und alles wirr und irre ist- halt aus. Es wird auch wieder heller werden und du bist nicht allein.

 

 

Krumme Karotten

Letzten Mittwoch, frühmorgens um 6.47 Uhr, stieg ich in unseren Vorratskeller hinunter um eine Flasche Saft für meinen kleinen Sohn hochzuholen, liebevolle Mutter, die ich nun mal bin. Zuvor hatte ich es schon geschafft das Bett zu verlassen,  öffentlichkeitstaugliche Kleidung anzuziehen und meine beiden Großen nicht nur mit Frühstück zu versorgen sondern auch rechtzeitig auf ihren Schulweg zu schicken (Fahrradschlüssel nicht vergessen? Fahrkarte nicht vergessen? Pausenbrote nicht vergessen? Sportsachen? Halt! Stopp! Hier steht ja dein Rucksack noch!!! Guten Tag und seid behütete!) Jetzt also Saft, für den Knaben, der um 6.45 Uhr festgestellt hatte, das sein herkömmliches Frühstück an Mittwochen ungenießbar sei. Kaum hatte ich die Saftflasche in der Hand, da machtes es auch schon einen großen Schlag und wie aus dem Nichts sauste eine Bierflasche erst auf meinen Fuß und dann auf den Boden, wo sie klirrend zerbrach. Sie war voll, das versteht sich natürlich von selbst, und überall ergoss sich das Bier.

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Mein erster Gedanke nach „Sch…“ war: „Hervorragend, dann wird das heute auch wieder so ein blöder Misttag!“ Ja wirklich, ich war mehr als bereit, morgens um 6.47Uhr den ganzen vor mir liegenden Tag in den Wind zu schießen, eigentlich hatte ich die ganze Woche schon als hoffnungslos blöd abgeschrieben- nicht nur wegen einer Flasche Bier.

Denn es war nun mal so, dass sich dieses Missgeschick nahtlos einreihte in all die anderen Missgeschicke, Kompliziertheiten, emotionalen Achterbahnfahrten und nervenaufreibenden Alltagswidrigkeiten. Ließ sich die erste Woche nach den Ferien noch wie ein wohliges Schaumbad an, krachten wir mit Beginn der zweiten Woche mit lautem Knall und äußerst unsanft auf dem Boden der Realität.

Ich sah in diesen Tagen die schlafmüden Augen meines großen Mädchens, dass morgens um 6.00Uhr, noch vom Adrenanlin des Anfangs aufgepeitscht, aus dem Bett springt und am Abend keine Ruhe finden kann, weil so viele neue Eindrücke und Herausforderungen auf sie einstürmen. Da waren verspätete Züge und solche, die ganz ausfielen, vergessene Fahrradschlüssel, ein kaputtes Auto, Trilliarden an Heften und Umschlägen und Hefter mit absonderlichen Lochungen, die besorgt werden sollten (aber bitte vorgestern, denn heute brauche ich es doch schon, ich hatte nur vergessen es dir zu sagen…und einen Zeichenblock Din A2, danke), das vergessene Einmaleins und Elternabende mit furchteinflößenden und ungemein ambitionierten Eltern, komplizierte mathematische Geschichten, jeden Tag Kopfrechnen und wirklich alle unregelmäßigen Verben, die Feststellung, dass bei diesen Mengen an Hausaufgaben ja fast gar nichts vom Tage übrigbleibt und der darauffolgende Tränensee, eine kurzzeitig verlegte Trompete, stapelweise Elternbriefe, die alle abgezähltes Kleingeld in Umschlägen fordern und Versagensängste und Geburtstagseinladungen und jede Menge Aufregung, hochkochende Emotionen und ziemlich viel Wäsche …..wie gerne würde ich sagen können, dass ich all diesem Irrsinn mit ruhiger Stimme, freundlicher Gelassenheit und liebevoll, ordnender Hand begegnet wäre. Souverän und jeder Zeit Herrin der Lage. Zumindest aber kann ich sagen, dass ich es versucht habe, ich war also stets bemüht- es ist mir halt leider nicht ganz gelungen und an diesem Morgen, in diesem Keller und mit nackten Füßen in einem Biersee stehend, tja da war mein Vorrat an Optimismus und zupackender Zuversicht schon mindestens 48 Stunden aufgebraucht. Blöde Mistwoche, alles fies, alles doof, ich mag nicht mehr, ich schmeiß hin, ich heule gleich selber, lasst mich doch alle in Ruhe!

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Um 7.12 Uhr hatte ich mich wieder einigermaßen im Griff und vertagte das Aufwischen der Bierlache auf den späten Vormittag. Ich erklärte der Perfektionistin und dem Kontrollfreak, die eine einträchtige Wohngemeinschaft in meiner Seele pflegen, dass sie jetzt einfach mal für eine Weile die Klappe halten sollten (ich erklärte es ihnen noch weitere 53 Male an diesem Tag und auch an allen folgenden. Der Gatte erklärte es ihnen unermüdlich jeden Abend an die 74 Male. Anfangs meckerten sie empört zurück, aber langsam wird das Protestgeheule leiser). Danach begab ich mich auf die Suche nach den schönen Dingen, dieser Tage und dieser Woche. Ist ja auch Lebenszeit, so eine Mistwoche, so ganz wollte ich sie nun nicht abschreiben, nicht einfach in die sprichwörtliche „Tonne kloppen“. Und es fand sich tatsächlich so einiges zusammen. Ein Lächeln hier und ein gutes Wort da, eine Runde am Abend durch die Weinberge, blauer Himmel und ein freundlicher Anruf. Kleine Spuren Alltagsglück im großen Durcheinander.

Am Freitagmorgen fuhr ich schließlich völlig übermüdet mit einer lieben Freundin in die Stadt, um mir eine neue Brille auszusuchen. Wir bummelten über den Marktplatz, plauderten über dieses und jenes und da war die Schönheit des Lebens und der Schöpfung in all ihrer Herrlichkeit! Farben, Vielfalt und Üppigkeiten im Schatten des Domes, soweit das Auge reichte. Mein Herz freute sich und mir kam allen Ernstes eine Sendung in den Sinn, die der Gatte und ich eine Weile gerne gesehen haben. Jamie Oliver kocht mit seinem besten Freund, hach ich höre doch das Englische so gern, und ein Teil der Sendung besteht darin, dass sie gegen die Verschwendung von Lebensmittel eintreten. Unmengen an krummen Karotten und schiefen Gurken und kleinwüchsigem Sellerie wird europaweit in die Tonne gekloppt, obwohl sie ansonsten tadellos sind. Absoluter Wahnsinn! Ich dachte daran, als ich durch die überquellenden Marktstände schlenderte, bunt und leuchtend.

Diese meine Tage sind wie eine Ansammlung krummer Karotten, schief und mit kleinen Auswüchsen nach rechts und links. Sie bestechen nicht durch Schönheit oder Makellosigkeit, aber sie sind intensiv, hochkonzentriertes, herausfordernd. Will ich sie wirklich wegschmeißen, verdrängen und gedanklich in die Tonne kloppen? Denn eigentlich gehören sie doch dazu, schmecken nach Leben, bergen durchaus Humoreskes, auf jeden Fall aber Stoff zum Wachsen und Entwickeln. Will ich wirklich Tage, gerade und absolut vorhersehbar, wie ein Beutel Supermarktkarotten, hübsch anzuschauen, aber irgendwie langweilig, und deutlich geschmacksärmer? Nein, will ich nicht. Nur manchmal. Ein Hoch den krummen Karotten!

Während ich wieder lerne, dass Krumme und Schiefe in unserem Leben zu bejahen, lichtet sich das Chaos ein wenig. Auch das letzte Heft ist angeschafft, ein paar neue Regeln haben den Weg in unser Haus gefunden (die Wichtigste zur Erleichterung aller: 18.30Uhr ist Feierabend für alle schulischen Belange, was dann nicht ist, wird auf morgen vertagt). Aber wir sind viele, es wird immer krumme Karottentage geben, dem Himmel sei Dank- schlussendlich.