Eiszeit

Heute morgen um 7.00Uhr schlugen alle Smartphones im Hause Alarm und sorgte dafür, dass sich der Nachwuchs genüsslich in warmen Decken auf die andere Seite drehte und eine Runde Schlaf anhängte. Der Alarm ermöglichte nicht nur an einem handelsüblichen Mittwochvormittag die Herstellung einen großen Stapel Pancakes, sondern mir auch einen Abstecher ins Blogeckchen. Draußen ist Eisregen, der mit erschreckender Präzision sein knisterndes Prasseln exakt zur vorhergesagten Zeit begann. Die Schulen in Stadt und Land bleiben geschlossen, die höchste Wetterwarnstufe wurde ausgerufen und ich hoffe inständig, dass alle Menschen einen sicheren Ort haben, an dem sie diesen Tag überwintern können.

Ich spüre den Winter dieses Jahr so sehr. Morgens braucht es einen tiefen Atemzug des Entschließen, um aus dem warmen Bett zu kriechen, die Dunkelheit ragt wie eine Wand vor der großen Sehnsucht nach Licht. Der Hund und ich schleichen eine Notdurft-Runde und vermissen den Weinberg, der sich irgendwo in der schwarzen Nacht verbirgt. Die Kinder steigen vermummt auf die Räder um einen Zug zu erreichen, von dem nie so ganz klar ist, ob er überhaupt fahren wird. Die niegelnagelneue Waschmaschine starrt mich stumm und anklagend an, offenbar konnte sie sich in unserem Hause nie richtig einleben und hat lieber gleich den Geist aufgegeben. Seit Wochen warten wir auf den Reparaturdienst, den nun leider die Grippe erwischt hat. Ich fahre seither unsere Schmutzwäsche in großen Körben durch die Gegend und lerne auf diese Weise die Waschkeller meiner Freundinnen kennen. Meine alte Lieblingsfeindin, die Versagensangst, witterte die Gunst der Stunde und plant nun offensichtlich einen längeren Aufenthalt in meinem Leben. Die Dunkelheit ist ihr bevorzugter Lebensraum, die Nachtstunden die Zeit, in der sie Triumphe feiert. Ausgerechnet jetzt sollen wir große Entscheidungen treffen, Schulen auswählen, das Richtige tun. Und schließlich: die Nachrichten offenbaren ohne Unterlass eisige Neuigkeiten, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, ach, aus so vielen Gründen.

Was jetzt? Ich würde gerne Winterschlaf halten, nur so bis Mitte, Ende Februar. Das Tempo herausnehmen und die Stille hinein. Alles was ich tun müsste wäre einen Topf Suppe zu kochen und ein paar Kannen Tee, zu schlafen, und zu lesen. Die einzigen Entscheidungen, die ich treffen müsste, beträfen die Auswahl des nächsten Strickprojektes oder des nächsten Kartenspiels. Wir würden nichts leisten und nicht lernen, wir würden nur sein, manchmal zusammen und manchmal allein. Und nein, das wären keine Corona-Zustände, es wäre ein bedürfnisorientiertes Innehalten. Wie Blumenzwiebeln in der Erde würde ich warten bis mich die ersten Sonnenstrahlen und neue Energie zurück ins Leben kitzeln. Manche Aufregung würde sich legen, manches Fragezeichen verpuffen und laut meiner Phantasie wären all die ausgeschlafene Menschen auf einen Schlag langmütiger und geduldiger, zugewandter und offener, einschließlich mir selbst.

Jetzt weiß ich natürlich, genau wie Du, dass Winterschlaf für unsere Spezies leider nicht vorgesehen ist, auch wenn ich mir fast sicher bin- die Welt wäre ein friedlicherer Ort. Also, was jetzt? Jetzt bleibt uns nichts anderes zu tun, als alles hervorzuholen, uns an alles zu erinnern, was uns in Eiszeiten schon immer Schutz geboten hat. Alle Quellen des Lichts, alles, was wärmt, was schützt, was das Eis zum schmelzen bringt. Am Abend lege ich meine Strickjacke vor und eine Wärmflasche ins Bett. Da hätte ich ehrlicherweise schon früher drauf kommen können. Wenn es eisig ist, mache es dir selbst so warm wie möglich. In den letzten Tagen habe ich Dinge nicht oder nur notdürftig getan, damit der Hund und ich noch bei Tageslicht eine Runde durch den Weinberg drehen konnten. Frische Luft und Tageslicht gehören auf der Liste der Prioritäten ganz nach oben, weit vor Socken legen, oder Ecken räumen. Ich suche mir bunte Wolle und bestricke jemanden, der sich wahnsinnig freut, an Wärme und Farbe. Der Wecker klingelt jeden morgen um die selbe Uhrzeit und es ist ihm herzlich egal, ob es Frühling oder Winter ist, daran kann ich nichts ändern. Aber ich kann früher zu Bett gehen und das tue ich auch, furchtbar langweilig, nicht wahr, aber auch furchtbar wohltuend und gesund. Die großen Entscheidungen werden trotzdem getroffen, nach bestem Wissen und Gewissen- und dann gefeiert mit Kuchen und Kakao und allen guten Wünschen und Ermutigungen, die uns nur einfallen. Die Waschmaschine, hach ja…aber immerhin habe ich Freundinnen, die mir großzügig den Weg in ihren Waschkeller weisen und jede Form von Hilfsbereitschaft wärmt das Herz. Und schließlich, Humor. Nicht den lauten. der alles zum Beben bringt. Aber die kleinen Lustigkeiten und Absurditäten, die zauberhaften Moment, wie das Glitzern der Sonne am gefrorenen Ast. Man muss nur hinschauen, dann findet man ihn. Schwups beginnt das Herz zu tauen.

Bleiben Nachrichten, die dir einen Kälteschauer ins Herz jagen. Meine Liebe, das ist ein Langzeitprojekt durch alle Jahreszeiten hindurch. Ich feiere die Jahreslosung und nehme sie als mein persönliches Lichtschwert gegen spitze Eiszapfen und scharfe Kanten. „Alles was ihr tut geschehe in Liebe“- daran will ich mich festhalten und daran will ich nicht aufhören zu glauben. Freundliche Worte finden, willkommen heißen, Hände reichen, um Versöhnung kämpfen, hier an meinem kleinen Platz in der Welt. Ich kann damit keine Eisberge zum schmelzen bringen, aber vielleicht machst du mit, ganz sicher sogar, und dann schmelzen wir immer mehr Löcher in die verhärtete Seele der Welt.

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