Dazwischen das heilige Leben

Wir haben unseren Haushalt für eine kleine Weile etwas erweitert und eine französische Austauschschülerin zu Gast. Hätte ich mir eine backen dürfen, sie hätte nicht netter, unkomplizierter und sympathischer sein können. Am Samstag zogen wir los und zeigten unserem jungen Gast unsere Stadt. Wir hatten uns natürlich, ganz wie es nun mal unsere Art ist, den allerbesten Zeitpunkt herausgesucht- die Stadt platzte aus allen Nähten und zeigte ihre ganze Bandbreite. Erst führten wir sie zur Kirche auf dem Berg, in der sich einst Marc Chagall mit seinen Fenstern verewigte. Lustigerweise kommt die Französin aus der Nähe von Reims, das sich ebenfalls über eine Kathedrale mit einem Chagall-Fenster erfreut. Irgendwann landeten wir auf dem Wochenmarkt rund um den Mainzer Dom, bunt und voll und laut und überquellend von Gemüse, Blumen, Obst in allen Formen und Farben, Menschen, die einkaufen, Menschen, die den ersten Weinschoppen trinken, Menschen, die sich treffen und quatschen und lachen. Dort geht es zu, wie auf einem Wimmelbild. An diesem Samstag gesellten sich noch einige hundert Fußball-Fans dazu, denn es war Spieltag. Wir gingen in den Dom hinein, die mächtige Tür fiel hinter uns ins Schloss und es war, als hätten wir den Planeten gewechselt. In den Bänken saßen zahlreiche Leute, hatten Einkaufskörbe und Blumen neben sich gestellt und lauschten andächtig.

Vorne stand der versammelte Domchor und probte für ein Konzert, begleitet von einem kleinen Orchester. All die Buben, die hochkonzentriert sangen, die Töne, die durch die Luft segelten, wahrhaftig- für einen Moment war in diesen Jahrhunderte alten Mauern das wirbelige Leben zum Stillstand gekommen, umarmte die Musik all diejenigen, die einen Augenblick ausruhen wollten vom Getümmel der Stadt, so unverhofft und überraschend, wie es nur echte Geschenke vermögen. Ich lehnte mich an eine der Steinsäulen und hörte, denn beschenken lass ich mich immer gern. Und ich beobachtete. Die zwei Teenie-Mädchen, die zu mir gehörten und sich der Musik nicht entziehen konnten. Den Mann in der zweiten Reihe, die Augen geschlossen und versunken im Klang. Die Türe, die sich kurz öffnete und einen Bochum-Fan hinein beförderte, versehentlich vermutlich und doch mit Absicht. Da stand er und erstarrte, auf seinem Gesicht zeichnete sich erst Erstaunen und dann Ergriffenheit ab, ganz still stand er da, der junge Kerl und konnte nicht fassen, was ihm da an Heiligkeit widerfuhr. Denn etwas Heiliges geschah in diesen Minuten, unaufdringlich und leise, ein Gottesdienst, der besonderen Art, ein Fenster zum Himmel, für den Moment weit geöffnet. Dazwischen.

Es lässt mich nicht los, das Dazwischen, obwohl das Buch doch nun auf die Welt geplumpst ist. Es fällt mir vielmehr beständig ins Auge, als wären meine Sinne besonders geschärft. wie sehr habe ich mich über all die Kommentare der letzten Woche gefreut und wie spannend zu lesen, was ich eigentlich längst wusste. Das Leben, meines, deines, unseres, ist immer ein einziges Dazwischen. Das ist mitunter nicht einfach, es ist sogar ausgesprochen herausfordernd, es ist aber auch sehr befreiend. Das Leben ist nie nur traurig, nur elend, nur gemein, nur schön, nur anstrengend, nur kompliziert, nur easypeasy. Es ist immer irgendwas dazwischen. Niemals schwarz-weiß, immer tausendfarbig getupft. Das ist das heilige, bunte Leben. Ein jüdischer Künstler in einer katholischen Kirche. Gastfreundschaft. Ein ergriffener Bochum-Fan im Mainzer Dom. Ein freundliches Wort an einem unfreundlichen Tag. Ein Ort der Ruhe mitten im Gewühl. Vergebung, immer wieder. Man könnte meinen, dass dies keine sonderlich bahnbrechende Erkenntnis sei. Ist es aber doch. Denn wenn ich darum weiß, wenn es mir beizeiten wieder einfällt, dann kann es mein Rettungsanker sein. Dann gehe ich nicht verloren, weder in der Traurigkeit noch im Chaos, weder in meinen Ansprüchen noch in meinem Unvermögen. Es ist immer dazwischen, es gibt immer etwas, woran du dich festhalten kannst. Und wenn du die Augen offen hältst, dann entdeckst du die Heiligkeit und das Wundersame des wilden Lebens an jedem Ort, zu jeder Zeit. Das sind doch wohl unfassbar gute Nachrichten! Es ist Ostern an jedem Tag, Hoffnung in allem Ratlosen, Leichtigkeit in der Schwere, Musik im Getöse.

In diesem Sinne wünsche dir schon jetzt frohe und gesegnete Kar und Ostertage, wie und wo auch immer sie dir in diesem Jahr begegnen mögen. Es sind mir die allerliebsten Feiertage. Sie sind das laute, himmlische „Aber ja!“ in mein Dazwischen.

Selbstverständlich habe ich gelost und schicke ein Buch auf Reisen. Ich habe der Gewinnerin unter ihrem Kommentar Bescheid gegeben. Euch allen ein herzliches Danke fürs Mitmachen! Und natürlich freue ich mich riesig über jeden und jede, die sich auch ohne Gewinn zum Lesen des Buches entschließt….

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