Care-Arbeit

Ach, ein riesiges Dankeschön für all die liebevollen und freundlichen Kommentare, die ihr mir hier ins Regal gestellt habt, ich habe mich wirklich sehr gefreut.

Zur Zeit bin ich emotional etwas überstrapaziert. Ich heule mich sozusagen von Großereignis zu Großereignis, denn rührselig wie ich nun mal bin, machen mich die ganzen Abschieds-, Einschulungs,- Konzert und Theaterfeierlichkeiten echt fertig. Du hast dein Zelt auch nahe am Wasser aufgeschlagen? Du bist Mutter eines Babies und schniefst beim Anblick von Breinase und wackeligem Poporutschen?! Dir zwackt das Herz am Eingang der Kita, weil dein Kind nun diesen Riesenschritt geht und quasi mit Siebenmeilenstiefeln in die Selbstständigkeit rennt? Schultüten lassen dich schwer schlucken? Also ich verspreche dir, dass das keinesfalls besser werden wird. Aber wenn du große Kinder loslässt, dann mischt sich zu Rührung, Dankbarkeit und Wehmut auch das Bewusstsein, dass dies nun gewichtige Schritte sein werden, lebensverändernd für alle, die daran beteiligt sind. Sie hopsen nicht mehr nur aufgeregt auf dem Nestrand auf und ab, die lieben Kleinen, nein sie wollen fliegen, endlich fliegen! Puh, da empfiehlt sich schon der rasche Ankauf einer Haushaltspackung Taschentücher und das Hoffen darauf, ihnen rechtzeitig alles Lebensnotwendige beigebracht und mitgegeben zu haben. Aber vielleicht spazierst du ja etwas pragmatischer und nüchterner durchs Leben, das birgt bestimmt große Vorteile, und schüttelst nur ratlos den Kopf bei so viel Hochwasser in Herzen?

Falls du nun darauf setzen solltest, dass wenigstens die viel berufen Care-Arbeit langsam aber sich hinter den den sieben Bergen verschwinden würde, dann muss ich dich wieder enttäuschen. Zum einen wirst du vielleicht mehr denn je gebraucht. Auch gerne wieder nachts, denn da redet es sich leichter frei von der Seele und das Leben stellt viele Fragen an Nesthüpfer. Außerdem musst du Essensmengen heranschaffen, von denen du gar nicht ahntest, dass du sie würdest schleppen können. Es braucht deinen Rat, dein Mitdenken und dein Zuhören, nur die Antworten werden immer komplexer und schwieriger zu finden.

Und dann, meine Liebe, sind die seeligen Tage, in denen du um die dringende Notwendigkeit von Selbstfürsorge zwar wusstest, sie aber aus Zeitmangel und anderweitiger Sorge, vor allem für andere, getrost hinten überfallen lassen konntest, nun diese seeligen Tage also, sind nun vorbei. Dein mittelalter Körper, dein mittelaltes Herz, dein mittelalter Geist, sie alle fordern nun vehement deine Aufmerksamkeit. Nach all den Jahren beharren sie auf ihr Recht, wie eine Horde aufgebrachter Gewerkschaftler protestieren sie lautstark bei Überlastung einerseits und mangelnder Versorgung andererseits. Sie lassen sich nicht länger ignorieren, nicht wenn du in Eintracht und Frieden mit ihnen alt werden möchtest. Selfcare ist aber nun, wie jede Form von Care-Arbeit, erstmal auch Arbeit. Ich wollte eigentlich müde abwinken, denn ehrlich- wer braucht schon noch mehr Arbeit? Aber nein, man drohte mit Streiks und Lahmlegung, das braucht ja erst recht kein Mensch. Und schließlich fand ich einen gut gangbaren Weg. Du darfst selbstredend von meiner unfassbaren und neu gewonnenen Weisheit profitieren. Ich erinnerte mich vor einer guten Weile an etwas, das unsere Familien-Care-Arbeit immer gestützt, strukturiert und umsetzbar gemacht hat. Rituale. Ritualisierte Abläufe geben Halt, sie entlasten und zwar Herz, Hirn und auch en Körper. Du musst nicht jeden Tag das Rad neu erfinden.

Ich begann also mir kleine Rituale zu schenken. Du musst langsam vorgehen. Erstmal nur eines. Und dann, wenn es wirklich eines geworden ist und sich außerdem für dich als nützlich bewährt hat, erst dann machst du dir ein weiteres zum Geschenk. Mein erstes Ritual ist nun schon gut und gern eineinhalb Jahre alt. Ich trinke jeden Morgen nach dem Aufstehen einen halben Liter heißes Wasser, mittlerweile automatisch. Vor einigen Wochen entschied ich mich, jeden Morgen zehn Minuten früher aufzustehen. Nur zehn Minuten. Ich öffne, gleich welches Wetter draußen ist, die Türe und laufe einige Minuten barfuß durch taugetränktes Gras. Atme. Begrüße meinen Schöpfer und den Tag, den er mir schenkt und zur Verfügung stellt. Barfußlaufen und Atmen reguliert dein Nervensystem und lässt dich besser schlafen. Ich drehe meine Hunderunde ohne Handy und ordne in Gedanken den Tag, auch das, was mich beängstigt oder noch wirr in meinem Kopf umeinander liegt. Mittlerweile schenke ich mir auch regelmäßigen Sport, den brauchst du, ganz ernsthaft, denn du brauchst Muskeln, die dich bis zum Ende tragen. Da ist es aber besonders wichtig, ein Ritual zu finden, dass du gut einüben und in dein Leben fest integrieren kannst. Sonst schmeißt du das Handtuch und zwar mit welker Hand. Zuhause? Studio? Gemeindehalle? Alleine? Zusammen?

Nun ich könnte dir noch ein Dutzend weiterer Kleinigkeiten aufzählen, aber ich will dich auch nicht langweilen. Es gibt genug Literatur, die dir erzählt und erklärt, was Care-arbeit für mittelalte Frauen alles beinhalten sollte. Wie du es umsetzt ist jedoch ganz deine Sache, ganz so, wie es sich bei der anderen Care-Arbeit ja auch verhält. Sei freundlich mit dir, du hast es verdient, aber sorge für dich- das hast du auch verdient.

Ich stürze mich nun wieder in die letzte wilde Woche vor den Ferien. Überdenke die Notwendigkeit eines Ankaufs von wasserfester Wimperntusche. Und grüße dich herzlich

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1 Kommentar zu „Care-Arbeit“

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