Eine Idee von Idyll- meine neun

Am Freitag sah ich einer Katze beim gebären zu. Via Instagram. Und war in Tränen aufgelöst. Wegen der Katzenbabies und der Katzenmama und der menschlichen Hebamme, alles ganz schrecklich ergreifend und rührend. Ich befürchte allerdings, dass es kein gutes Zeichen ist, wenn man beim Anblick von Katzenbabies in Tränen ausbricht, insbesondere wenn sie in deinem Handy wohnen und nicht in deinem Wohnzimmer. So viel Rührseligkeit ist sogar mir eindeutig zu viel und ich habe mein Haus ja nicht nur nah am, sondern quasi mit den Füßen im Wasser gebaut. Je turbulenter, wackeliger und rauer das Leben wird, desto größer wird meine Sehnsucht nach ein wenig Idyll, nach heiler Welt, dem Guten und Schönen. Ich bin ein bekennendes Weichei.

Das Problem mit dem Idyll ist, dass die Menschheit äußerst unterschiedliche Vorstellungen davon hat, wie denn ein Stückchen heile Welt auszusehen habe. Manch einer findet sein Ideal vom Idyll in akkurat gefalteter Bügelwäsche, geschotterten Vorgärten und farblich sortierter Tupperware. Ein anderer schwört auf einsame Waldspaziergänge, oder Malle-Cluburlaub oder Wildwasserrafting. Was dem einen die Hängematte unterm Kirschbaum, ist dem anderen ein gemeisterter Marathon. Manche brauchen Ordnung und Struktur um glücklich, sicher und zufrieden zu sein, andere bevorzugen das wilde Chaos um sich zu entfalten. Einige gehen in den Garten, manche ins Shoppingparadies. Es soll gar Menschen geben, die die Eroberung eines anderen Landes als Grundvoraussetzung für ihr persönliches Idyll sehen, aber das ist indiskutabel, da sind sich selbst Plastikdosenfetischisten und Flohmarktporzellansammler hoffentlich einig.

Wenn die Sehnsucht nach dem Idyll überhand nimmt, dann wird es höchste Zeit die Katzenvideos auszuschalten und sich auf die Suche zu machen, nach einem Stückchen Welt, in dem sich der Himmel spiegeln kann. Hier sind meine neun sehr persönlichen Ideen von Idyll.

  • Gnade. Man sollte wirklich keine Gelegenheit auslassen ein wenig Gnade zu verschenken. Und sich schenken zu lassen. Dieser Tage machte ich einen sehr ausgedehnten Spaziergang mit einer Freundin und auf dem halben Weg nach Hause merkte ich, dass mir unterwegs mein Handy abhanden gekommen war. Ich hatte es leichtsinnigerweise in die Popotasche meiner Jeans gesteckt. Während ich mich noch auf die Suche machte, war es schon gefunden worden. Die ehrliche und sehr freundliche Finderin ging dran als der Gatte mich von unterwegs aus anrufen wollte, erklärte ihm das Problem und ihre Adresse. Auf dem Heimweg von der Arbeit besorgte er erst eine Flasche Wein für die nette Frau und dann das Handy. Ich bekam es mit freundlichem Lächeln und ohne den leisesten Vorwurf zurück.
  • Kunst. Man sollte wirklich keine Gelegenheit auslassen ein wenig Kunst zu genießen oder zu fabrizieren. Dichten, singen, tanzen, malen, allein oder zu zweit oder in einer ganzen Herde. Wie der Zufall es so will, stolpere ich seit einiger Zeit immer wieder über die Gedichte Mascha Kalekos und sie sind einfach wunderbar. Am Sonntag durfte ich erleben, wie einige Musiker und Musikerinnen aufeinander trafen und einfach begannen miteinander Musik zu machen, ohne Absprachen und Noten, aus reiner Freude am am Tun. Das war faszinierend und mutig und ein unverhofftes Geschenk. Feier die Kunst in der Spielart, in der sie dir gefällt, aber genieße sie bewusst, nicht als rauschende Hintergrundkulisse- dann stehst du mittendrin im Idyll.
  • Wortlose Sprache. Man sollte wirklich keine Gelegenheit verpassen um mit seinen Lieben in Austausch und Verbindung zu kommen. Nicht immer sind Worte der richtige Weg, weil man manchmal die passenden nicht findet. Manch einer hat für eine kleine Weile keine, ein anderer hat vielleicht viel zu viele. Ich lerne, dass das nicht weiter schlimm ist, vor allem , wenn es sich um Teenager handelt. So lange man andere Wege des Bei-und Miteinanders findet, so lange man immer wieder zeigt, dass Liebe und Dasein und Interesse bleiben, so stabil, wie das Fundament eines Hauses. Ich durfte beispielsweise einen ganzen Sonntagvormittag bei einem Onlinebackkurs verbringen, am Ende gab es den leckersten Kuchen und das gute Gefühl gemeinsam etwas geschafft zu haben. Vielleicht musst du anfangen Sport zu machen oder seltsame Filme schauen, egal. Du bist da und du wertest nicht. Idyll ist nicht für lau zu haben.

  • Säen und Wachsen lassen. Man sollte wirklich keine Gelegenheit auslassen, etwas wachsen zu lassen. Das Wunder des Wachsens geschieht mit einer unfassbaren Zuverlässigkeit und doch bin ich jedes Mal aufs Neue überwältigt. Gott sei Dank habe ich ein Kind, das mit solch einer Hingabe sät und gießt, dass ich nahezu täglich an diesen Wundern teilhaben darf. An winzigen grünen Spitzen, an zarten Stängeln und am Ende des Tages wird eine Blume daraus. Wenn du zweifelst, dass sich je irgendetwas zum Besseren wenden wird und sich irgendeiner deiner Mühen je lohnen wird, dann schau einer Wildblumenmischung beim Wachsen zu.
  • Lästern lassen. Man sollte wirklich keine Gelegenheit auslassen, das Lästern zu lassen. Es ist gemein, es ist hässlich, es macht die Seelen wund. Und es nützt wirklich niemandem etwas, es macht keinen wichtiger und niemanden richtiger. Die letzten Jahre haben der Menschheit gezeigt, dass die Wahrheit, und zwar in allen großen und kleinen Belangen, so komplex ist, dass man sich mit dem Urteilen besser zurückhält, vor allem in Kommentarspalten, unter Postings und hinter Rücken.

  • Verschiedenheit. Man sollte wirklich keine Gelegenheit auslassen, um die Verschiedenheit der Menschen zu feiern. Ich muss nicht jeden mögen, ich muss nicht jeden verstehen, manches ist mehr als merkwürdig, skurril und eigenartig, schau dir nur die oben erwähnte Wildblumenmischung an, wie soll es denn bei den Menschen anders sein? Ach, ich wünsche mir mehr erstaunte „Ach so`s !“ , mehr interessierte „Wie spannends!“ und weniger Kopfschütteln und absolute Gewissheiten.

  • Freundschaft. Man sollte wirklich keine Gelegenheit auslassen, um immer wieder neu Freundschaft zu schließen. Mit sich selbst, mit alten Weggefährten und neuen Menschen. Die Punkte 1 und 3 können dabei prima helfen.
  • Einladen. Am Sonntag war ich mit meinem Buch zu Gast in Scheune und Hof einer lieben Freundin und Weg-Gefährtin (und Patin, jaja, wir haben wirklich viele PatInnen im Gepäck, sehr bereichernd). Ein wundervoller Ort! Sie hatte sich gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen ein Herz gefasst und zum Maifest geladen, ein Fest für den Ort in dem sie leben, für Junge und Alte und Familien, die dort leben. Das ist wahnsinnig mutig und hat an diesem Sonntag viele Menschen froh gemacht. Vielleicht muss man nicht gleich einen ganzen Vorort einladen, aber klein anfangen könnte man schon. Die Türen öffnen und die Herzen für Begegnung und Austausch und spannende Geschichten, ja, gerade jetzt. Vom Reden ins Tun kommen, einfach machen.
  • Ein Plätzchen für die Zerrissenheit. Die Frau, die als Katzenhebamme fungierte, die zauberhafteste Stickereien anfertigt und einen Garten pflegt, der sehr starke Ähnlichkeit mit meiner Vorstellung vom Paradies hat, ist in den letzten Monaten einmal durch die Hölle und zurück gegangen. Nicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Vielleicht gehört zu jedem echten Idyll auch der Schmerz, der Verlust, das Scheitern. Die Traurigkeit um etwas, was war, um etwas, was nicht ist und um das, was vielleicht niemals sein wird. Es ist die Zerrissenheit und die Zerbrechlichkeit unseres Lebens und sie birgt eine eigene Kraft. Wenn du es klug anstellst, dann öffnet und weitet sie dein Herz, für das Schöne, das Zauberhafte und Echte. Für die kleinen Wunder und Dankbarkeiten, für das Geschenk der Liebe und der Vielfalt. Das Idyll blendet nicht den Schmerz aus, aber es schenkt dir eine Idee vom Himmel.

Es ist nicht verkehrt, ein Weichei zu sein, sich zu sehnen nach einem Stückchen Welt, in dem sich der Himmel spiegeln kann, nach festem Boden unter den Füßen in einer wackeligen Welt. Idyllischer Weise ersehnst du, dann suchst du und dann tust du. Und schalte um Himmels Willen die Katzenvideos aus.

3 Kommentare zu „Eine Idee von Idyll- meine neun“

  1. Elisabeth A Mann

    Vielen Dank liebe Sandra!
    Das ist echt ermutigend und fröhlich machend!
    Liebe Grüße von Elisabeth,

  2. I really love what you wrote about „Verschiedenheit“. That’s good! Thank you for it (and also for the other ones ???

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